Kolumne Russia Today

„Last Mile“, die Hölle lässt grüßen

Ohne Wasser, ohne Bier, auf Schritt und Tritt aus einem Megafon angebrüllt: Es ist nicht leicht, ein WM-Stadion in Russland zu betreten.

Das Luschniki-Stadion in Moskau

Das Ziel: Luschniki-Stadion in Moskau. Doch der Weg dahin kann weit sein Foto: dpa

Es ist die letzte meiner letzten Meilen. Noch einmal begebe ich mich in die Fifa-Welt. Noch einmal lasse ich mir von den Volunteers den Weg in eines dieser WM-Stadien weisen. Noch einmal lasse ich diese Tortur über mich ergehen, die von den Gastgebern dieser WM eigens ersonnen wurde.

„Last Mile“ heißt dieser Spaß, den ich so gar nicht lustig finden kann. Die Fans sollen auf dem Weg zum Stadion noch einmal so richtig schön zeigen können, wie sie sich geschmückt haben, sollen am besten noch singen, tanzen oder klatschen und den Fernsehteams, die sich entlang dieser Straße aufgebaut haben, die ­Bilder liefern, die dann sagen sollen, welch fantastische Stimmung bei dieser WM herrscht.

Es gibt ein eigenes Last-Mile-Management, das die Bands aussucht, die da bisweilen spielen, die Volunteers anweist, dass sie auch jedem, der da vorbeiläuft, eine Schaumgummihand zum High Five hinhalten, und dafür sorgt, dass man auf Schritt und Tritt aus einem Megafon angebrüllt wird mit der Wegbeschreibung – zum Stadion, zum nächsten Official Fan-Shop oder zu dem Ort, an dem man sich seinen Fan-Pass ausstellen lassen kann.

Links und rechts des Weges grüßt der WM-Wolf Zabivaka von Hunderten Fahnen. Und auch beim zwölften Stadionbesuch während dieser WM weiß ich immer noch nicht, warum dieses russische Hipster-Vieh eigentlich eine Skibrille aufhat.

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Ein offizielles Fifa-Bier von der offiziellen Fifa-Brauerei gibt es erst hinter den Stadiontoren. Vor dem Stadion herrscht absolutes Alkoholverbot. „Welcome!“, schreit ein Freiwilliger. Es sollte auch Gute-Laune-Verbot herrschen, denke ich mir.

Ein neues Paar Schuhe

Aber auch Wasser gibt es meistens nicht. An manchen Orten war man über eine halbe Stunde unterwegs, bis man am Stadioneingang war. Bei über 30 Grad im Schatten wurde die letzte Meile nicht selten zum Gewaltmarsch. Wenn es nur Schatten gegeben hätte!

Dann ist wieder ein auswendig gelerntes „Enjoy!“ zu hören. Eine Volunteer schreit mir das ins Ohr, und ich frage mich, ob Fifa-Präsident Gianni Infantino das gemeint hat, als er von der unglaublichen Gastfreundschaft der Russen sprach. Es ist eine Tortur.

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Bisweilen wird man mit einem Bus ganz nah am Stadion vorbeigefahren, um dann auf einer ganz weit entfernten Load Off Zone auf den Weg zur Arena geschickt zu werden. Ätsch, bätsch! So stelle ich mir die Hölle vor.

Ein letztes Mal muss ich das nun noch über mich ergehen lassen. Dabei hoffe ich, dass meine mittlerweile doch arg abgelaufenen Schuhe diesen einen Weg, den sie noch gehen müssen, heil überstehen. Tun sie das nicht, dann schicke ich sie nach Zürich zur Fifa! Da sollen sie ruhig sehen, was sie ange­richtet haben. Man soll bei der Fifa ja einen ­guten Draht zu Adidas haben. „München“ heißt das Modell, das ich gerne wiederhätte. Größe 44. Man möge mir ein neues Paar schicken!

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64 Spiele, ein Weltmeister. 12 Stadien, ein Putin. Vier Wochen Fußball und mehr. Alles zur WM in Russland.

1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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