Kolumne „So nicht“

Du Bananenrepublik

Deutschland soll die türkische Diplomatie mit seiner stoischen Gelassenheit in Rage bringen – solange bis die das Gelaber nicht mehr hören kann.

Kanzleramtsminister Peter Altmaier und der türkische Sportminister Akif Cagatay Kilic unterhalten sich in der Talkshow «Anne Will» mit der Moderatorin

Es war hart, dem türkischen Sportminister in einer deutschen Talkshow zuzuhören Foto: dpa

Ein Diplomat ist ein Diplomat ist ein Diplomat und ich meine nicht das KAD-Luxuslimousinen-Modell von Opel. Was ein Diplomat so macht, meint man genau zu wissen: Er ist ein Mr. Wolf. Einer, der Probleme löst.

Ein Politiker ist kein Diplomat, aber meistens benimmt er sich wie einer. Das heißt, er sagt seinen Zuhörern in aller Regel nicht ins Gesicht: „Du Arschloch!“, „Du Faschist!“, „Du Vollhorst!“, „Du Bananenrepublik!“, „Du Lügner!“.

Ein Diplomat spricht so, wie ihn Kurt Tucholsky einst sprechen ließ: „Ei, guten Tag, meine liebe Frau Doktor Zeisig! Wie ich sehe, sind auch Sie zu diesem exklusiven Empfang erschienen! Es ist heut Abend sehr interessant!“.

Diplomatie ist vor allem gefragt, wenn Politiker sich nicht mehr an diese Regeln halten. In den Niederlanden klappte das am Wochenende nicht so gut. Statt „Ei, guten Tag, meine liebe Frau Familienministerin Kaya! Wie ich sehe, sind Sie auch zu diesem exklusiven Vortrag erschienen …“, sagte man dort:

„Sorry, kein Bock. Du kommst hier nicht rein.“ Also eher so Türsteher-Style. Und dann gab es Bilder von beißenden Polizeihunden und auf der anderen Seite drückten sie Orangen aus.

Äußerst besondere Aufgabe

Es war nun zugegeben etwas hart, dem türkischen Sportminister am Sonntagabend in einer deutschen Talkshow zuzuhören: „Ei, guten Abend, mein lieber Herr Minister für besondere Aufgaben Altmaier! Wie ich sehe, sind auch Sie zu diesem exklusiven Empfang erschienen! Es ist heute Abend sehr interessant.“

Aber so sehr man auch hätte schreien wollen: „Du Arschloch!“, so sehr konnte man den Minister Altmaier dafür bewundern, wie er diese äußerst besondere Aufgabe des öffentlichen Ministertreffens erfüllte. „Wie bezaubernd Sie heute wieder aussehen, mein lieber Herr Sportminister Kılıç! Sie sind stets Gentleman, vornehm und diskret-elegant. Welche Verwandlung! Wie machen Sie das nur? Am Tage bei der Arbeit, beim Sport und am Volant. So habe ich es wenigstens in der Zeitung gelesen.“

Dass der deutsche Minister für besondere Aufgaben einen jämmerlichen Auftritt hingelegt habe und dass das alles nur Gelaber sei, warfen ihm die vor, die vor den Empfangsgeräten saßen.

Sicher, der Herr Minister für besondere Aufgaben hätte in Sachen Deniz Yücel ruhig deutlicher sagen können, dass er sich vom Herrn Sportminister wirklich wünsche, er würde alles dafür tun, damit der deutsche Journalist unverzüglich freigelassen werde.

Stoische Gelassenheit

Gerne hätte man auch den Satz gehört: „Wenn Deniz Yücel wirklich den Job eines deutschen Agenten hätte, dann würden wir dazu sicher einen Vermerk in unseren Akten feststellen können.“

Ich aber fand den Auftritt des deutschen Ministers großartig. Ich erwarte von diesem Mann nicht, dass er sein Jackett auszieht und darunter ein #FreeDeniz-T-Shirt trägt.

Ich erwarte, dass der Minister mit seiner stoischen Gelassenheit, seinen kleinen Seitenhieben und seinem Festhalten an der Unschuld von Deniz die türkische Diplomatie derart in Rage bringt, dass sie Deniz allein deswegen freilassen, weil sie das ganze Gelaber nicht mehr er­tragen.

 

Seit dem Putschversuch im Sommer 2016 entwickelt sich die Türkei unter dem Präsidenten Erdogan immer stärker zu einer Autokratie.

seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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