Kolumne Sternenflimmern

Europa ist wie das Berghain

Bangen, hoffen, leiden: das erwartet viele am Rand Europas. Und vor dem Club Berghain. Unsere Autorin sieht einige Parallelen.

Das Berghain-Gebäude vor einer Absperrung

Drin-sein heißt nicht automatisch In-sein Foto: imago-images/Steinach

Europa, das ist ein bisschen wie der Berliner Club Berghain. Drinnen grenzenlose Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Draußen bangen, hoffen, leiden. Immer die Frage: Bist du cool genug?

Bei manchen (annullierte Wahlen, Journalisten im Knast, strategischer Demokratieabbau) ist gleich klar: heute leider nicht. Andere (ernstzunehmender Komiker als Präsident) sind fit, aber ihr großer betrunkener Bruder hängt ihnen lallend am Hals und pinkelt ihnen dabei ans Bein, und na ja, das war’s dann auch für heute.

Andere haben es spielend rein geschafft, dann aber festgestellt, dass ihnen die Getränke zu teuer und die Bässe zu laut sind und dass sie ja eigentlich eh zum Five-o-clock-Tea zu Tante Elizabeth wollten. Drin-sein heißt nicht automatisch In-sein.

Und dann gibt es natürlich denjenigen, der mehr in ist als alle anderen in der Schlange, der aber gar keinen Bock hat, drin zu sein: Von Israel aus kann man gerade ziemlich gut auf Europa gucken. Denn einerseits ist hier heute Jom haAtzmaut, Unabhängigkeitstag. Alles ist blau-weiß vor kleinen und großen Fahnen und man muss Jom haShoah, den Holocaust-Gedenktag vor einer Woche, nicht erlebt haben, um das super zu finden.

Was ich in Europa verachte und vergessen sehen will – Nationalstaatlichkeit und Grenzen –, muss ich hier lieben und schützen. Das ist die Dialektik der Geschichte und der Urantrieb meines Europäisch-seins. Wie viele Grenzen und wie viel Freiheit braucht das Nie-Wieder?

Europa von den Rändern denken

Die Frage ist hier, anders als im kuscheligen Europa, nicht so sonderlich theoretisch, wenn, wie bis vor kurzem, aus Gaza Raketen im Minutentakt über die Grenze gefeuert werden. Raketen, die nicht, wie oft dargestellt, selbst gebastelter Schnickschnack sind, sondern Menschen und Häuser zerstören.

Dass man das Exklusive, das Ausgrenzende an Europa – bei aller potenziellen inneren Freiheit – auch ganz gut überwinden kann, zeigt, wie immer, die Kunst. Anschauen kann man das, wenn am 11. Mai die Biennale in Venedig wieder eröffnet. Die seit 1895 alle zwei Jahre stattfindende Kunstschau hatte zwar von Anfang an das Konzept der Weltausstellung zum Vorbild.

Die nationalen Pavillons in den Giardini, einem der zwei zentralen Ausstellungsbereiche, erzählen aber von einem ursprünglich ziemlich eurozentristischen Klub: Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Russland, Spanien, Schweden und Norwegen. Was halt damals so „die Welt“ war.

Inzwischen ist die Biennale, was sie immer sein wollte. Jedes Jahr nehmen neue Länder teil – diesmal zum ersten Mal Ghana, Madagaskar und Pakistan. Kunst aus afrikanischen Ländern ist seit Jahren elementarer Bestandteil der zent­ralen Schau. Was aus der Idee eines Staaten-Geprotzes entsprungen ist, hat sich hier radikal gewandelt. Nationalstaatlichkeit und Pluralität verschwimmen zu einem flirrenden Jahrmarkt.

In Venedig wie in Israel wird einem klar: Europa lässt sich am besten von seinen Rändern her denken. Hoffentlich ist es irgendwann wurscht, wo diese verlaufen.

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