Kolumne „Wirtschaftsweisen“

Randgruppen in der Mitte

In Berlin geht man noch nicht ganz so widerlich mit Bettlern und Obdachlosen um wie in Salzburg. Aber vor allem die Letzteren werden immer mehr.

Eine Schale mit einigen Münzen, meist nur Centstücke

Nicht gern gesehen im öffentlichen Raum – und doch da: Bettler; hier ihr Arbeitszeug Foto: dpa

Als ich einer alten Frau, die wie eine Romni aussah, am Heinrichplatz 50 Cent gebe, sagt eine Serviererin: „Gib der nichts. Die hat mehr Geld als du!“ – Diese Mär hält sich hartnäckig, dass die Bettler alle steinreich sind und sich abends von einem Fahrer mit Mercedes abholen lassen. Bei den Roma kommt hinzu, dass sie in vielen Kommunen aus der Stadt gejagt werden sollen. In Salzburg etwa, wo der Vizebürgermeister die Bürger aufforderte, wenn sie einen Bettler sehen oder den Verdacht haben, dass Roma in einem Wald nächtigen, die Polizei zu verständigen.

Die Salzburger Nachrichten veröffentlichten dazu einen Stadtplan, auf dem die „Bettelplätze“ der Stadt markiert sind. Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß berichtet, dass neuerdings gerne behauptet wird, die „mitfühlende kleine Gabe verbiete sich um der Bettler selber wegen, die alles, was sie erwirtschafteten, doch nur dubiosen Mafiabossen, die in sagenhaftem Reichtum in Transsylvanien schlemmen, abzugeben hätten, Bettlerbaronen, die sogar hartherzig genug wären, Behinderte zur Sklavenarbeit zu zwingen“.

In Berlin geht man noch nicht ganz so widerlich mit Bettlern und Obdachlosen um, aber vor allem die Letzteren mehren sich: Es gibt kaum noch eine U-Bahn-Fahrt, während der einem nicht ein Obdachloser seine Existenzprobleme mitteilt, damit man ihm eine Obdachlosenzeitung abkauft.

Immer wieder stößt man auf Nachtlager unter Brücken, meistens dort, wo ständig Leute unterwegs sind. Für die dort Nächtigenden sind viele Passanten eine Art Schutz vor Überfällen, aber sie wollen uns Noch-Behauste auch zwingen, den Anblick bedürftiger Menschen zu ertragen. Wir sollen sehen, dass es sie gibt und dass es ihnen schlecht geht. Dazu gehören auch immer mehr verarmte türkische Arbeitslose, die nicht selten durch ihre frühere Fabrikarbeit auch noch invalide geworden sind.

„Puh, stinkt das hier!“

Als ich kürzlich durch den Grünstreifen am Leuschnerdamm zum Engelbecken ging, sah ich unter der Waldemarstraße-Brücke ein richtiges Bett von einem Obdachlosen. Vor mir ging eine westdeutsche Schülerinnengruppe, einige meinten: „Puh, stinkt das hier!“, und hielten sich die Nase zu. Darauf riefen ein paar Männer ihnen irgendetwas hinterher. Wir drehten uns um, sahen jedoch niemand, aber dann guckte ich genauer hin: Zwischen den Brückenstreben links und rechts, fast unsichtbar, hatten sich gleich mehrere Obdachlose eine Notunterkunft gebaut.

Die Süddeutsche Zeitung, die sich immer wieder gerne Sorgen um die neue Hauptstadt macht, schrieb: „In Berlin leben immer mehr Menschen auf der Straße. Damit wachsen die Probleme, die zuständigen Bezirke sind überfordert. Nun will der Senat eine berlinweite Strategie gegen Obdachlosigkeit entwerfen.“ Die SZ interviewte die Pressesprecherin der Stadtmission, sie meinte: „Wegen der Reisefreiheit in Europa leben hier immer mehr Obdachlose aus Osteuropa. Sie sind inzwischen in unseren Notunterkünften in der Mehrheit. Jedem deutschen Staatsbürger steht eine Wohnung zu. Wohnungslose Europäer, die noch nie in Deutschland gearbeitet haben, haben keinen Anspruch auf Unterstützung.“

Diese Mär hält sich hartnäckig, dass die Bettler alle steinreich sind und sich abends von einem Fahrer mit Mercedes abholen lassen

Ich interviewte dazu Karsten Krampitz, der viele Jahre in der Treptower Wärmestube Arche arbeitete und Bücher über Obdachlose („Rattenherz“) sowie Obdachlosenzeitungen („Affentöter“) schrieb.

Er meinte: „Der Staat tut immer weniger für Obdachlose. Mit Wohnungen versorgt er sie zwar noch, doch die Obdachlosigkeit ist vor allem ein seelisches Pro­blem. Alle sozialen Kontakte haben sie auf der Straße und in den Suppenküchen. Anfangs werden die Kumpel noch in die neue Wohnung eingeladen, wo sie sich gemeinsam die Kante geben. Nachdem sie die ganze Stütze versoffen haben, beginnt die Einsamkeit, die Bude verkommt, der Müll türmt sich. Und irgendwann ziehen sie wieder los. Die meisten Obdachlosen sind Männer. Sie verwahrlosen leichter. Sie suchen verzweifelt Kontakte, treffen sich am Kiosk oder Bahnhof, pennen mal hier, mal dort, und irgendwann sagen sie sich: ‚Ich brauch meine Wohnung – diesen Saustall – doch gar nicht.‘ Man gibt einem Menschen noch kein Zuhause, wenn man ihm eine Wohnung zuweist.“

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Bis zu 20.000 Wohnungslose gibt es in der Stadt, bis zu 8.000 leben auf der Straße. Wie umgehen mit der sozialen Notlage?

„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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