Kommentar Chemnitzer FC betrauert Nazi

Wohlfühlzone für Rassisten

Der Chemnitzer FC trauerte in seinem Stadion um den Neonazi Tommy Haller. Der sächsische Klub hat sich Nazis ausgeliefert.

Ein Bild des verstorbenen Neonazis Tommy Haller auf der Videoleinwand des Chemnitzer FC

Mit einer Würdigung auf der Videowand trauerte der FC um den verstorbenen Neonazi Tommy Haller Foto: imago/HärtelPRESS

Der Chemnitzer FC wird von einem Insolvenzverwalter geführt. Im April 2018 hatte sich der damalige Drittligist für zahlungsunfähig erklärt. Die Regeln in einem derartigen Fall sind erprobt. Ein Insolvenzverfahren wird eingeleitet und die zuständigen Fußballverbände sprechen Sanktionen aus. Ein moralisches Insolvenz­verfahren gibt es nicht. Der Fall des Chemnitzer FC, der Huldigungen für einen Mann, der sich selbst als Hooligan, Nazi und Rassist bezeichnet hat, im Stadion zugelassen hat, zeigt, dass ein solches dringend vonnöten wäre. Der sächsische Klub hat sich Nazis ausgeliefert.

Schon lange schlittert er an der moralischen Bankrotterklärung entlang, hat sich nie wirklich glaubhaft von Fans distanzieren wollen, die keinen Hehl aus ihrer menschenverachtenden Weltsicht gemacht haben. Jetzt kann es keinen Zweifel mehr geben, dass der Chemnitzer FC den Maßstäben von Fairplay, Respekt und Toleranz, die sich der Deutsche Fußball-Bund selbst gegeben hat, nicht genügt.

Doch es gibt kein erprobtes Verfahren für derartige Extremfälle. Es gibt keine moralischen Insolvenzverwalter, die einen Klub übernehmen würden, keine Eingreiftruppe des Deutschen Fußball-Bundes, die dafür sorgt, dass aus der Wohlfühlzone für Nazis eine No-go-Area wird. Es gibt nicht viel mehr als ein paar nette Heile-Welt-Videos für Integration. Ein Beraterteam aus Experten, das einen Verein wieder auf den rechten Weg bringen könnte, gibt es ebenso wenig wie die wirklich klare Ansage, dass mit Punktabzügen und Zwangsabstieg rechnen muss, wer seinen Klub zum Abenteuerspielplatz von Nazischlägern macht.

Wundern wird das niemanden bei diesem DFB. Dessen Präsident Reinhard Grindel spielt lieber mit rassistischen Ressentiments der Anhängerschaft, als einen verdienten Nationalspieler wie Mesut Özil vor Anfeindungen in Schutz zu nehmen. Und er twittert lieber Belangloses über den Abschied von abgetakelten Nationalspielern, als sich etwa umgehend auf dem Weg nach Chemnitz zu machen, um Gesicht zu zeigen gegen rechts. Kein großes Ding eigentlich – und doch unvorstellbar.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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