Kommentar von Klaus Hillenbrand

Er hat es – mal wieder – geschafft: Deutschland und die Welt sprechen über ihn. Bild: dpa
Es ist mehr als erfreulich, dass Lyrik in diesem Land endlich mehr als nur eine Nischenrolle spielen darf. Wann hat die halbe Republik schon einmal über ein Gedicht diskutiert?
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Allein es steht zu befürchten, dass dies der einzige erfreuliche Aspekt rund um Günter Grass’ Zeilen „Was gesagt werden muss“ bleiben wird, und das liegt keineswegs daran, dass sich das Gedicht nicht reimt. Denn dieses Gedicht spielt falsch, so falsch wie viele der Reaktionen darauf.
Dabei geht es nicht darum, dass Grass die israelische Regierung für ihre Iranpolitik scharf kritisiert. Solche Kritik ist alltäglich und nur allzu berechtigt. Doch Grass nutzt seine Gedichtveröffentlichung für etwas ganz anderes: Er entschuldigt sein langes Schweigen mit der Furcht, als Antisemit abgestempelt werden zu können.

Klaus Hillenbrand
ist Ko-Leiter des Ressorts taz.eins.
Foto: tazDas aber ist falsch und perfide. Die auch in deutscher Sprache verfassten Beiträge, die den Kurs der Regierung Netanjahu für gefährlich halten, sind nicht zu zählen, so viele sind es. Und selbstverständlich hat es nicht das Geringste mit Judenhass zu tun, wenn man seine Ablehnung von Israels Iranpolitik öffentlich äußert.
Wenn Grass aber genau das behauptet, dann produziert er ein Tabu, das nicht existiert. Dann erzeugt er neue Vorurteile. Und dann passt es ins Bild, wenn Grass über das Teheraner Regime wenige milde, über Israels Atommacht aber viele deutliche Worte verliert.
Der Skandal besteht also nicht in Grass’ Israelkritik, sondern darin, dass er sich bei dieser Kritik zum Märtyreropfer von Juden stilisiert, die mit der Antisemitismuskeule angeblich die Wahrheit zensieren wollen. Das ist ein antisemitisches Stereotyp. Doch das haben weder die konservativen Politiker begriffen, die sich nun mit Gebrüll auf den vermeintlich linken Grass stürzen, noch die Linken, die Grass unterstützen, weil er als einer der Ihren gilt.
Beide Seiten bedienen lediglich einen Reflex. Ihnen dient das Grass-Gedicht nur als billiger Schwung, um dem politischen Gegner einen – wahlweise rechten oder linken – Haken zu versetzen.
Die Wahrheit ist schlimmer. Denn es ist ziemlich unwichtig, ob ein älterer Schriftsteller, der offenbar an einer gewissen Selbstüberschätzung leidet, Israel kritisiert und dabei Angst vor einem Atomkrieg äußert. Aber es ist verheerend, wenn ein deutscher Literaturnobelpreisträger mit antisemitischen Stereotypen hantiert.
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Leserkommentare
30.04.2012 02:05 | hartmut wagner
Günter Grässlich Adabei ...
10.04.2012 18:30 | Bitbändiger
Ist die Frage gestattet, liebe taz, ...
10.04.2012 02:02 | Arne Babenhauserheide
Wenn Grass’ Angst, als Antisemit abgestempelt zu werden, keine Grundlage gehabt hätte, wären dann solche Antworten gekommen ...