Kommentar Helene Fischer und Chemnitz

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Helene Fischer spricht sich „gegen Fremdenfeindlichkeit“ und für #wirsindmehr aus. Gut, dass der Protest gegen rechts die linke Nische verlässt.

Helene Fischer singt, neben ihr stehen zwei Tänzer

Ist 'ne Gute: Helene Fischer Foto: dpa

Laut und schön war es Montagabend in Chemnitz – mehr als 60.000 Menschen kamen in die Stadt, in der ein Nazimob Tage zuvor alles, was nach deutsch-völkischer Sichtweise irgendwie ausländisch aussah, bedrohte und verfolgte – und zwar sehr konkret, wie Fernsehbilder belegen konnten und können. Kraftklub, Trettmann, Campino, Feine Sahne Fischfilet und K.I.Z. traten auf und versicherten, sich den Zumutungen der Rechten nicht ergeben zu wollen.

Und zugleich war es auch ein bisschen beängstigend: Hat das popästhetische Bündnis gegen rechts und für ein buntes Deutschland nicht für mehr gereicht? Wo waren denn jene Held*innen etwa des Schlagergeschäfts, die man doch bitte auch um Positionierung zu bitten hätte? Wolfgang Niedecken von BAP erklärte, intellektuell durchaus fragwürdig, selbst wenn sie zugesagt hätte, nämlich Helene Fischer, hätte es nicht gepasst.

Ja, warum eigentlich nicht? Denn Helene Fischer hat nun beim (natürlich ausverkauften) Konzert in Berlin keinen Zweifel gelassen, wo sie steht: „Erhebt gemeinsam mit mir die Stimmen gegen Gewalt, gegen Fremdenfeindlichkeit!“, rief sie ihrem Publikum entgegen

Schon vor dem Auftritt hatte sie bei Instagram geschrieben: „Wir können und dürfen nicht ausblenden, was zurzeit in unserem Land passiert, doch wir können zum Glück auch sehen, wie groß der Zusammenhalt gleichzeitig ist – das sollte uns stolz machen. Musik als Zeichen der Verbundenheit und immer ist es Liebe, die gewinnt. Ich freue mich darauf, heute mit euch dieses Zeichen zu setzen! #wirbrechendasschweigen #wirsindmehr #schreiteslaut #liebe #peace.“

Nur Opportunismus?

Okay, das klingt jetzt durch die Entertainerin nicht gerade wie ein aus den Grüften der linksszeneastischen Kreise geborenes Statement, aber, eingedenk des Publikums, das auf Helene Fischer schwört wie auf keine Zweite, ist es an Klarheit nicht zu übertreffen: Die Fischer, gelernte Musicalsängerin, durch Lieder wie „Atemlos“ die Kirsche auf der Torte des Selbstverständnisses der gesellschaftlichen Mitte, weiß, dass es inzwischen um mehr geht als ein paar zu managende Probleme um das Dasein von Flüchtlingen in Deutschland. Sie weiß selbst, als gebürtige Kasachin ebenso migrantisch geprägt wie viele Millionen ihrer Fans, was sich gehört: Lebensweltliches Einverständnis mit ihrem Land, das so bunt ist, wie es die Rechten – von Nazis bis AfD – gern abgeschafft wünschen.

Ihr jetzt vorzuwerfen, ihre Stellungnahme komme zu spät oder sei gar durch ihr Management diktiert, weil opportun, hat den Charakter von gedankenschwacher Infamie. Gerade Musiker*innen mit „linker“, jedenfalls nicht rechter Haltung zur Welt kultivieren ihr Linkssein auch für den Markt: Als Mitte der 80er Jahre deutsche Musiker*innen der Bob-Geldof-Konzerte um „Live Aid“ nachzuahmen suchten, waren deutsche Schlagerstars ausgegrenzt. Man wollte unter sich bleiben, Grönemeyer, Lindenberg, Nena, Niedecken, eben die einschlägig Bekannten. Außer Gitte Haenning war niemand akzeptabel. Man wollte ästhetistisch kein echtes Popprodukt als politischen Marker lancieren, sondern sich selbst als Kulturlinke profilieren. Sie alle standen, um ihren deutschen Beitrag zum Live-Aid-Projekt glaubwürdig zu machen, dann doch „Nackt im Wind“: ein hübsch klingendes, sentimentales Schnöselschnulzlein, das sich von den gesellschaftlichen Tiefebenen inklusive Schlager abgrenzte.

Ein Bündnis im Pop mit sich selbst – das ist wie die „Sammlungsbewegung“ von Sahra Wagenkecht: Predigten an die schon bekehrte Gemeinde

Und heute? Wirklich Anti-AfD-artig ist Roland Kaiser, der sein Publikum provoziert mit deutlichen Ansagen. In Dresden. Vor Zehntausenden von Menschen, von denen vermutlich viele irgendwie Pegida und AfD nicht schlimm finden. Ein echtes Bündnis für demokratische Vielfalt, für ein „buntes“ Deutschland und #wirsindmehr setzt darauf, gerade jene zu inkludieren, die man geschmäcklerisch doch gern außen vor lässt: Helene Fischer, Stefanie Hertel, Andrea Berg und wie sie alle heißen, die man in Caffè-Latte-Häusern nicht hört, aber in jenen Umfeldern, die so gern für die gesellschaftliche Mitte gehalten werden.

Ein Bündnis im Pop mit sich selbst – das ist wie die „Sammlungsbewegung“ von Sahra Wagenkecht: Predigten an die schon bekehrte Gemeinde.

Man möchte besser sagen: Jede*r, der sich der Vergiftung der gesellschaftlichen Atmosphären verweigert, ja, ihr eine Antwort gibt, ist willkommen. Feine Sahne Fischfilet, darf man anfügen, haben für solche Allianzen schon immer ein weites Herz gehabt. Helene Fischer – das ist eine Gute.

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Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Interesse: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er war HSV- und ist jetzt RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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