piwik no script img

Kommentar Hirtenbrief Ungebrochene Papstperspektive

Kommentar von

Philipp Gessler

Der Kern des Skandals bleibt trotz Hirtenbrief: Der Papst scheut trotz aller warmen Worte für die Opfer nach wie vor eine Debatte über die Sexualmoral der Kirche.

M an kann den Hirtenbrief des Papstes rein innerkirchlich lesen - und da fiele schon wohltuend die Empathie des Papstes für die Missbrauchsopfer, die deutliche Mahnung an die irischen Bischöfen und die Selbstkritik bezüglich der Priesterausbildung und der "Favorisierung" der Kirche in der Gesellschaft auf. Außerdem wäre darauf zu verweisen, dass der Papst sich als Kopf einer Gemeinschaft von 1,1 Milliarden Menschen so gut wie nie entschuldigt, da er ja dann für die ganze Kirche als Institution sprechen würde. Der Papst sieht aber die Missbrauchsfälle eben nicht als Versagen einer Struktur, sondern einzelner Kirchenmitglieder.

Hier sollte jedoch das innerkirchliche Verständnis für den Hirtenbrief enden. Denn Vorrang hat in diesem Fall die Perspektive der tausenden Opfer in Irlands Kirche. Und die können sehr wohl ein klares Wort der Entschuldigung des Papstes verlangen. Das gab es nicht, auch wenn dies die hiesige Kirche und konservative Medien gerne behaupten. Wer, wenn nicht die Leiter einer Kirche in der Nachfolge Jesu sind zu einer Bitte um Vergebung geradezu verpflichtet?

Der Kern des Skandals bleibt weiter: Der Papst scheut trotz aller warmen Worte für die Opfer nach wie vor eine Debatte über die Sexualmoral der Kirche. Und man kann nur hoffen, dass sein öffentliches Schweigen über die Missbrauchsfälle in Deutschland nicht am Ende darin begründet liegt, dass er als Erzbischof von München selbst in einem Missbrauchsfall eine mehr als unglückliche Figur machte. Um es vorsichtig zu sagen. Auch hier gilt, was der Papst in seinem Hirtenbrief zwar anspricht, aber offenbar nur auf andere münzt. Es ist ein kluges Wort aus dem Johannesevangelium und lautet: "Und die Wahrheit wird euch frei machen."

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

2 Kommentare

 / 
  • G
    Geraldine

    Wer einen sog. Hirtenbrief auch nur liest, macht sich damit schon zum Schaf.

     

    Was sagte Goethe über sein Programm als Bildungsminister von Sachsen-Weimar-Eisenach? "Wer Kunst und Wissenschaft besitzt, der hat auch Religion. Wer beides nicht besitzt, der habe Religion!"

     

    Goethe meinte mit Religion eine Minimalbildung für die ganz ganz Bildungsfernen.

     

    Gibt es so etwas heute noch, trotz Sendung mit der Maus und Vorschule? Die Schafe in Deutschland werden noch immer nach Millionen gezählt.

  • B
    BayernMam

    Der Papst benötigt keine Debatte über die Sexualmoral der Kirche. Nach seiner Ansicht sind die äußeren Wandlungen, z.B. eine gesellschaftliche Liberalisierung usw, schuld. Diese schlichte Sicht enthebt ihn und seine ganze Kirche einer realistischen Auseinandersetzuung mit Mißbrauch. Wieso allerdings die Fälle, die nun öffentlich bedauert werden, überwiegend in Zeiten vor dieser beschuldigten Liberalisierung liegen, bleibt von ihm unerklärt.Vielleicht ja könnte es doch mit einer erzkonservativen, patriachalen,unterdrückerischen, (nicht nur Sexual-)Moral innerhalb der Kirche zusammenhängen. Dann allerdings müßten der Papst, seine Kardinale und Bischöfe, ihre Weltsischt ändern.

    Wie Kirchenfürsten stattdessen reagieren, zeigt uns aktuell wiedereinmal der Regensburger Bischof Müller. Ihm empfehle ich eigentlich den Rücktritt und rufe ihm ein "Riekofen ist überall" zu.

    Und Riekofen wurde vom Bischof und der Kirche erst im Jahre 2007 nicht mehr verschwiegen. Nachdem es bereits öffentlich war.