Kommentar Kretschmer und Chemnitz

Sächsische Semantik

Der Landeschef schnürt „Mob“, „Hetzjagd“ und „Pogrom“ zusammen und stempelt Fake News drauf. Er bestärkt damit jene, die „Lügenpresse“ rufen.

Karl-Marx-Monument in Chemnitz

Plötzlich international bekannt: Karl-Marx-Monument in Chemnitz Foto: reuters

„Der Mob diskutiert nicht. Er weiß, was er will. Wohin er will. Er baut sich vor seinem Ziel auf und lässt seine Wut anschwellen. Er nährt sich mit Schaulustigen, die sich an seiner Hitze wärmen. Dann werden aus 10 Menschen schnell 20, aus 20 werden 40, und am Ende sind es 80. Der Mob feuert seine mutigsten Mitglieder an, um sie später wieder aufzunehmen, in seine schützende Anonymität.“

Dieser Einstieg stand 2007 in einer Gerichtsreportage der taz – es ging um die Attacke auf acht Inder, die eine Menge in der sächsischen Kleinstadt Mügeln verfolgte. In einem Prozess, den ein Amtsrichter akribisch leitete, wurde die Tat rekonstruiert, kurz: Sachsens Justiz weiß, was ein Mob ist.

Die Definition von damals trifft die Bilder aus Chemnitz. Man erkennt sie wieder in den Fernsehbildern und Korrespondentenberichten des Montagabends, nur dass da Tausende durch die Stadt liefen; manche zeigten den Hitlergruß, andere warfen Flaschen, wieder andere provozierten Polizisten. „Wir sind Adolf-Hitler-Hooligans“, wurde gegrölt. Die Menge applaudierte. Man erkennt den Mob auch in den Bildern, die einen Tag vorher gemacht wurden, am Sonntag, beispielsweise, das ZDF hat sie jetzt gezeigt: Wütende Menschen laufen durch die Stadt: „Elendes Viehzeug!“,„Das ist unsere Stadt!“, „Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer!“

Aber nun hat Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vor dem Landtag gesagt. „Klar ist: Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, es gab kein Pogrom.“

Tatsächlich steht Pogrom für etwas anderes, der Begriff wurde im Zusammenhang mit antisemitischen Übergriffen in Russland Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Als SA-Horden in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 in Deutschland brandschatzten und mordeten, ging dies als Novemberpogrom in die Geschichte ein. Der Begriff sollte nicht inflationär gebraucht werden. Und Hetzjagd? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Begriff verwendet – und jetzt ihre Position nochmal bekräftigt. Der Chefredakteur der Chemnitzer Freien Presse, die in den vergangenen Tagen großartig gearbeitet hat, schrieb, seine Reporter hätten Jagdszenen beobachtet, aber keine Hetzjagd, die voraussetze, dass Menschen andere länger vor sich hertrieben. In der Frage, ob gehetzt oder gejagt worden ist, liegt allerdings auch Zynismus. Wer um sein Leben rennt, hat keine Zeit für semantische Rätsel. Trotzdem sollte man genau prüfen, was man weiß und wie man es beschreibt, auch wir.

Genauigkeit ist aber das, was Kretschmer fehlt. Er schnürt aus den drei Begriffen ein Paket, haut einen Fake-News-Stempel drauf und adressiert es an jene Chemnitzer, die sich im Verteidigungsreflex empören. Merkel und die Lügenpresse waren’s: sagt sogar Kretschmer – so oder so ähnlich. Der CDU-Politiker will Leute zurückholen in die Demokratie, als deren größte Gefahr er den Rechtsextremismus benennt. „Wir müssen die Menschen zu Verbündeten machen“, hat er gesagt.

Aber bitte nicht sich zum Verbündeten der Rechten.

.

Jahrgang 1974, schreibt gerne über Parteien und Personen, Machtfragen und Merkel, Debatten und Demokratie. Hat seit 2005 über alle Bundestagswahlen und etliche Landtagswahlen berichtet. Kommentare, Interviews, Porträts.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben