Kommentar von Michael Braun
MICHAEL BRAUN ist taz-Korrespondent in Rom.
Rom am Samstag, das waren Bilder wie zuletzt vor zehn Jahren in Genua. Da sind Hunderttausende Demonstranten auf den Straßen, die friedlich protestieren, doch unter sie haben sich ein paar hundert Black-Blocker gemischt, die eine Spur der Verwüstung hinter sich herziehen.
Doch zwei Dinge waren völlig anders als in Genua. Diesmal schlug die Polizei nicht wahllos zu, sie ließ die friedlich Demonstrierenden unbehelligt. Vor allem aber war der Bruch zwischen den "Militanten" mit ihren Kapuzen-Shirts und dem Gros der Demonstranten zu beobachten. "Wir sind 99 %", dieser Slogan, der zunächst auf die Reichen, die Banken, die Politik zielte, wurde während des Marschs zur Parole gegen die Randalierer.
Gegen Randalierer, die die Demonstranten um sie herum gleichsam als menschliche Schutzschilde missbrauchten: zu keinem Zeitpunkt verließen sie dem enormen Zug, sondern schlugen immer wieder aus seiner Mitte heraus zu. Die, die so vom schwarzen Block in Geiselhaft genommen wurden, reagierten mit empörten Sprechchören, "Lumpen! Faschisten!", aber auch ganz praktisch. Mehrfach kam es zu Rangeleien, zu Schlägereien, drei Autonome wurden gar von Demonstranten festgehalten, nachdem sie ein Auto angezündet hatten - das übrigens einer Arbeitslosen gehörte - und dann der Polizei übergeben.
Dies zeigt: Der Bruch zwischen dem Gros der Bewegungen und den "Straßenkämpfern" ist total. Die Zeiten, in denen auch friedliche Protestierer theoretisierten, jeder wähle am Ende selbst seine Protestformen, wie man es in Genua zum Beispiel oft hören konnte -, diese Zeiten sind definitiv vorbei. Die breite Masse der Bewegungen will sich nicht mehr instrumentalisieren lassen, sie weiß: Die Chancen zur Verstetigung der Proteste stehen selbst nach den Ausschreitungen von Rom gut. Unter einer Bedingung allerdings: dass es gelingt, zur Not auch mit Ordnerdiensten, die Gewalttätigen in die Schranken zu weisen.
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Im Juli 2011 schlug die Redaktion der kanadischen antikonsumeristischen Adbusters-Zeitschrift vor, angesichts der wachsenden Schere zwischen Arm und Reich die Wall Street zu besetzen. Als Protestbeginn schlugen sie den 17. September, den Verfassungstag der USA vor. Die Idee wurde von vielen Aktivisten aufgegriffen und am 17. September wurde die Wall Street tatsächlich besetzt. So begann die Protestbewegung "Occupy Wall Street", die inzwischen zahlreiche Länder erfasst hat.
Doch die Wurzeln der Occupy-Bewegung sind vielfältiger. Zu Beginn des Jahres 2011 wurde die Weltöffentlichkeit von mehreren demokratischen Proteste in arabischen und nordafrikanischen Ländern überrascht. Im Sommer begannen in krisengebeutelten europäischen Ländern Proteste gegen Einsparungen durch die Regierungen. Der Tenor: Banken bekommen in der Krise Milliardensummen zugesprochen während Renten und Sozialausgaben gekürzt werden.
Schon im Mai gab es von den spanischen Protestierenden den Aufruf für einen weltweiten Protest am 15. Oktober. Und so kam es. An diesem Tag gingen Menschen in fast 1.000 Städten in zahlreichen Ländern und Kontinenten auf die Straße.
Die Forderungen und Ziele der Bewegungen sind vielfältig, häufig geben sie auch vor, keine eindeutigen Ziele zu haben: Es geht um Partizipation, um Diskussion, um Gemeinsamkeit, um ein Unbehagen mit der Welt. Das Unbehagen wird durch den weltweit verbreiteten Slogan „We are the 99 percent“ ausgedrückt, dass trotz Demokratie und Freiheit eine kleine Anzahl von Menschen den Großteil der ökonomischen Produktionsmittel und der politischen Macht besitzen.
Hier finden Sie Berichte, Reportagen und Kommentare zur globalen Protestbewegung. Unser Reporter Jannis Hagmann bloggt aus Frankfurt am Main über die dortigen Proteste.
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Es ist ein echtes großes Drama, das sich da in Griechenland abspielt. Ein Drama über die Demokratie, die Unregierbarkeit. Dieses Wort muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Und das Drama genießen.

Leserkommentare
09.01.2012 18:34 | HamburgerX
Finde ich gut. Jedes Recht kann missbraucht werden, auch das Demonstrationsrecht. Um so wichtiger, es nicht in Verruf komme ...