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Leben zwischen Lettland und DeutschlandDoch, mein Hase, das ist auch dein Krieg

Unsere Autorin pendelt zu ihrem Häuschen in Lettland. Dort ist nicht alles schön, aber die Leute wenigstens nicht so ignorant gegenüber der Gefahr durch Russland wie hier.

Am Wochenende wurde in meiner zweiten Heimat Lettland ein neues Parlament gewählt. Die stramm konservative Partei des im Mai nach einer Regierungskrise provisorisch eingesetzten Ministerpräsidenten Andris Kulbergs hat haushoch gewonnen.

Proeuropäisch, fest an der Seite der Ukraine – es könnte schlimmer sein, denkt man sich. Doch diese Regierung sieht die meisten NGOs als sinnlose Geldverschwendung an, genauso wie Kunst und Kultur – sofern sie nicht dem traditionellen Lettentum mit bestickten Trachten und blonden Heterofamilien huldigt.

Die Plätze zwei und drei teilen sich anti- und prorussische Populisten, gefolgt von den Ultranationalisten. Und ich versuche inzwischen schon seit Jahren, die Motive meiner Landsleute zu verstehen, bin ich doch einmal im Monat in meinem frisch erworbenen 27qm-Häuschen im Nordosten Lettlands (wo ich durchaus auch im Falle einer russischen Invasion zu bleiben gedenke – wennschon, dennschon) und beherrsche die Sprache allmählich so gut, dass ein politisches Pläuschchen durchaus möglich ist.

Das sich natürlich in erster Linie um die Sicherheit dreht. Kaum eine Woche vergeht ohne Drohnenvorfälle oder einen Hack auf die Infrastruktur irgendeiner lettischen Kleinstadt. Geheimdienste raunen immerzu von russischen Attacken auf das Baltikum, und Katastrophenübungen und Probealarm gehören inzwischen schon genauso zum lettischen Alltag wie der verpflichtende Schießunterricht in der Oberstufe der Schulen.

There is no glory in prevention

Die Tochter meines lettischen Cousins ist sechzehn, ein aufgewecktes Gothic-Mädchen mit Nasenpiercing. Sie überlegt, gemeinsam mit ihrem gleichaltrigen Freund den Jaunsardze beizutreten – einer freiwilligen und – ja! – militärischen Heimatschutzorganisation für Kinder und junge Menschen zwischen 10 und 21 Jahren.

Was hierzulande noch in der Dunkelheit des Undenkbaren schlummert, ist in Lettland längst Realität. Und nicht etwa, weil man dort so kriegsgeil wäre, wie ja gerne mal unterstellt wird, wenn man das vorbeugende Training mit Waffen nicht gänzlich ablehnt – nein, einfach nur aus nacktem Pragmatismus. There is no glory in prevention. Das galt schon während der Pandemie.

Denn wie dumm wäre es denn, sich nicht auf den Ernstfall vorzubereiten, weil einen die Vorstellung der eigenen Bewaffnung scheinbar mehr abstößt als die eigentliche Bedrohung?

Auch ein Brummen am lettischen Himmel ist ungleich bedrohlicher als am bundesdeutschen. So zucke ich an einem Abend Ende September erschreckt zusammen. Über meinem kleinen Häuschen kann ich das brummende Objekt schnell als motorisierten Paraglider ausmachen – und hierzulande wäre ich mit dieser Erkenntnis beruhigt. In Lettland allerdings dreht sich das Sorgenrad noch eine Runde weiter: Was, wenn das ein als Paraglider getarnter russischer Spion ist? Ein Angreifer? Wo kommt der her, was will der hier?

Das mag man paranoid nennen

Die Erleichterung ist also weit entfernt. Jedes Mal, wenn ich in Lettland bin, muss ich mein Hirn vom bundesdeutschen Sorglosmodus in den lettischen umschalten. Was bedeutet: Nichts für ausgeschlossen halten, nur weil es mir nicht behagt. Oder ich es mir einfach nicht vorstellen kann.

Ich rufe meine Freundin im gleichen Ort an. Ja, natürlich hat sie den Paraglider auch wahrgenommen. So wie man hier alles wahrnimmt, was am Himmel unterwegs ist und keine Zellen teilt. Und was auch immer passiert, sei es ein aggressiver Akt oder schlicht nicht erklärlich – die Antwort darauf lautet in Lettland stets: Russen.

Das mag man paranoid nennen. Oder: wachsam. Ich verlasse mich in Lettland inzwischen stets auf die Expertise russenerprobter Einwohner, die damit deutlich mehr Erfahrungen haben als ich Westkind – denn woher sollte ich es besser wissen? Sind meine Landsleute besorgt, bin ich es auch. Gehen sie zum gemütlichen Teil des Tages über, kann auch ich mich entspannen. Bis das nächste Mal wieder irgendwas am Himmel auftaucht.

In Riga will ich zwei Freundinnen besuchen, die im vorwiegend von Russen bewohnten Viertel Kengarags zu Hause sind. Dort ragen graue, zehnstöckige Plattenbauten in den Himmel, dazwischen verwahrloste Grünanlagen, Sperrmüll türmt sich an jeder Ecke.

FUCK YOU PUTIN auf dem Mantel

Ich irre dort herum und suche nach ein bisschen Schönheit, einer gemütlichen Futterstube vielleicht, in der eine bekopftuchte Babuschka heimatliche Kost zubereitet. Oder wenigstens eine liebevoll dekorierte Fensterbank. Ich finde nichts von alldem.

FUCK YOU PUTIN – das steht in fetten eingestrickten Buchstaben auf meinem pinken Mantel, den ich von einer lettischen Ukraine-Hilfsorganisation gekauft habe, und den ich in der BRD gefahrlos und gratismutig zur Schau tragen kann. Damit geistere ich durch das russische Viertel und suche das Haus meiner Freundinnen.

Natürlich könnte ich den Mantel ausziehen, aber das scheint mir für meine Ansprüche zu feige zu sein. Doch ich habe ernsthaft Sorge, an der nächsten Ecke dafür aufs Maul zu kriegen.

Liebe Baltikum-Reisende mit dem rosaroten Blick auf Russen und ihre Kultur – wenn Sie die Rigaer Altstadt hinter sich gebracht haben, schauen Sie doch gerne mal in Kengarags vorbei, nur vier Trambahnstationen entfernt.

Dieses Russland hier ist keines Menschen Freund. Hier hocken sie im Plattenbau und fiebern dem Erlöser entgegen. Und irgendwo hier mittendrin wohnen meine offen lesbisch lebenden Freundinnen, die alldem jeden Tag ihren Widerstand entgegensetzen, durch ihre bloße Anwesenheit. Und die nicht mal daran denken, das Feld zu räumen. Wohin soll man auch gehen, wenn man hier zu Hause ist?

Als ich aus Riga zurückkomme, empfängt mich direkt vor meiner Haustür eine Demo gegen das gerade endende Nato-Manöver Red Storm Charly in Hamburg. Friedensverwöhnte Wohlstandsbratzen und die dazugehörigen Eltern tragen Schilder auf denen steht: Nato versenken. Nicht mein Krieg. Ich bin nicht im Krieg mit Russland.

Doch, mein Hase, denke ich – bist du. Schon längst. Auch wenn du dir das überhaupt nicht vorstellen kannst.

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12 Kommentare

  • Kay Brockmann

    Tja, mein Hase, so rutschen wir langsam in Kriege rein, so werden die rhetorisch vorbereitet. Der andere hat nämlich angefangen … und später fragen wir uns dann, wie konnte es geschehen.



    Wir leben im Zeitalter des „pragmatischen Pazifismus“ (Bundeszentrale für politische Bildung in einer aktuellen Broschüre).

    • Janix

      @Kay Brockmann:

      Sowohl als auch, wahrscheinlich.



      Unverkennbar geht es um Kriegsertüchtigung.



      Trennen wir dabei:



      a) die moralische Klarheit weiterhin , das Gegenüber nie als Nur-Teufel zu sehen, nie die Menschen mit Hass zu spicken, nie den Kriegswaffenproduzenten unser Volkseinkommen ungeprüft für wertlose Klüngeleien hinüberzuschieben



      b) die solidarische Abschreckung innerhalb der NATO gegen äußere Angriffe, wie sie Putin auf Georgien, Ukraine, ... bereits verübte, mutmaßlich auch in Leipzig versuchte.



      Da den Pilatus zu machen, hat schon Brecht in treffenden Stücken aufgespießt.

    • Machiavelli

      @Kay Brockmann:

      Wir rutschen nicht rein Russland bereitet ihn vor und führt ihn schon, wir bereiten die Verteidigunbevor. Kommt es zum Krieg lidgt die Verantwortung dafür zu 100% bei Russland. Unser Ziel muss sein das Russland ihn verliert und kollabiert. Am besten im der Ukraine ansonsten wenn sie unsere verbündeten angreifen.

  • passthedutchie

    Das Problem ist, daß wir heute wieder mal die Suppe auslöffeln müssen, die uns Besserwisser (nicht nur G. Schröder) eingebrockt haben. Viele, gerade ehemalige Ostblockstaaten haben immer wieder eindringlich vor einem zu engen Kuschelkurs mit Putins Russland gewarnt. Doch es ging ja um Geld. Nun haben wir das.



    Man kann über den neuen deutschen Aufrüstungswahn diskutieren. Zumal es dabei offensichtlich nicht darum geht, wirklich Nützliches für den Ernstfall parat zu haben, sondern Technikgläubigen überteuerten High-Tech Krempel zum Bestaunen und Einstauben zu verhökern. Man kann aber doch einsehen, daß Putin gestoppt werden muß, weil er von selbst nicht aufhören wird. (Er kann nicht.)



    Es ist entscheidend, ob Menschen die russische Besatzung im Ostblock selbst miterlebt haben. Die wissen: "Nie wieder!"



    Es sind die Jungen, die Putins Propagandamaschinerie anheim fallen, die sämtliche Social-Media Kanäle verstrahlt.



    Putin, Trump, AfD u.a. wissen ganz genau: Macht den Menschen Angst, dann wählen sie ihre eigenen Schlächter.

    Aber wem sag ich das?



    "Nie wieder!" wird in Deutschland ja gerade mit Unterstützung seitens höchster, selbst erklärter Demokratiebewahrer eifrig revidiert.

  • Elite123

    Mal ganz nüchtern und emotionslos betrachtet: wenn Moskau will, hat es das Baltikum in wenigen Wochen bis Monaten besetzt, es ist von der Größenordnung her ungefähr so groß wie die besetzten Gebiete der Ukraine.

    In so einem Fall bringt eine offene Konfrontation wenig bis nichts. Viel erfolgversprechender wäre es, Guerilla-Taktiken zu proben, statt militaristische Aktionen.

    Das waren bisher die erfolgreichsten Strategien gegen imperiale Mächte wie den USA und den Russen. Vietnam, Afghanistan seien hier als Beispiele genannt.

    Noch erfolgreicher war allerdings, man möchte es kaum aussprechen, Diplomatie. Ja, auch mit dem Todfeind.

    • Machiavelli

      @Elite123:

      Russland ist sehr erfolgreich darin Guerillabewegungen durch Massenmord zu zerstören, siehe Tschetschenien. Wie Diplomatie einen russischen Magriff auf das Baltkium verhindern soll müssten sie auch erstmal erklären. Und wenn Russland Wochen bis Monate braucht nach ihrer Einschätzung gibt das dem Rest Europas die Zeit zu mobilisieren und das Baltikum zu befreien und mit Offensiven nach Kalinigrad und Belarus Russland unter Druck zu setzten.

  • Egil

    Bei aller Sympathie für die Menschen im Baltikum und bei aller Abneigung gegen das unzweifelhaft eklige Putin Regime in Russland - Deutschland ist nicht im Krieg mit Russland und wird das hoffentlich auch nicht sein, ein solcher dürfte Deutschland sehr schlecht bekommen.



    Neben dem unbedingten Unabhängigkeitswillen eines großen Teils der jeweiligen Bevölkerungen, ist der militärische und politische Beistand durch Deutschland, Polen und die nordischen Ländern der wichtigste Schutz der baltischen Länder (und der Ukraine) vor Russland. Die Einbeziehung der Unterstützungsländer



    in einen Konflikt mit Russland ist daher im Interesse der ehemaligen Sowjetrepubliken. Ob es auch im Interesse Deutschlands, der nordischen Länder und Polens ist fraglich. Ich denke nicht dass die Unabhängigkeit der ehemaligen Sowjetrepubliken für Deutschland wirklich elementar ist, wie wünschenswert diese auch sein mag. In Polen und Skandinavien wiegen moralische Prinzipien und historische Abneigung gegen Russland sicher schwerer, aber auch da gibt es Grenzen, wenn es um eigene, nationale Interessen geht. Wir können gut ohne das Baltikum leben, UK, Frankreich und die West-NATO ohnehin.

    • Machiavelli

      @Egil:

      Es wird halt nicht dabei bleiben. Eigentlich hätten wir schon bei der ukraine on den Krieg eintreten sollen es beim Baltikum nicht zu tun bedeutet Russland zu noch mehr Kriegen einladen.

    • metalhead86

      @Egil:

      Es geht dabei auch um den Erhalt der EU. Und die ist in Deutschlands Interesse. Es sei denn man möchte sich von Russland vor Frankreich "schützen" lassen.

    • elektrozwerg

      @Egil:

      Damit ein Angriff auf Litauen auch ein Angriff auf Deutschland waere, haben wir die Panzerbrigade 45 dort stationiert. Es ist die erste Stationierung eines Bundeswehrkampfverbandes im Ausland. Offensichtlicher kann man das nationale Interesse Deutschlands nicht machen.

    • Janix

      @Egil:

      Sie wollen gerade aber nicht den Artikel 5 attackieren, der unsere eigene Lebensversicherung ist? Der auch bedeutet, dass ein Kriegsversuch Putins sein Ende als Präsident bedeuten dürfte.



      Von Estland lernen heißt Digitalisieren lernen, nebenbei. Sie wollen zum schönen Jugendstil Rigas auch nicht mit einem Russlandvisum aus der Fähre steigen müssen. Und die Häfen aller drei Staaten nicht Putin preisgeben.

  • Janix

    Seit der bewussten Pflanzung innerhalb des sowjetischen Imperiums wohnen auch in Lettland viele Menschen mit der Muttersprache Russisch. Wie auch die zu loyalen glücklichen Bürgers werden, wenn sie es noch nicht sind, da haben die baltischen Staaten die letzten 34 Jahre verschiedene Ansätze gefahren, doch das wäre eine andere lange Geschichte.



    Riga und Umgebung bergen viele Menschen mit Russisch. Im Supermarkt mag ein Privjet gegenüber der Kassiererin eine größere Chance auf Passung haben als ein Laba diena. Aber ganz ruhig: ins verarmte putinisierte Rossija wollen die schon offensichtlich nicht umziehen: gutes Zeichen. Schubladen immer auch wieder öffnen.