Living-Planet-Report vom WWF : Früher war mehr Tier
Mit dem Klimawandel ist die Biodiversität die entscheidende Menschheitskrise. Ein Tankrabatt wird uns da nicht retten. Aber tun könnten wir einiges.
Foto: Sebastian Willnow/dapd
E s klingt zunächst mal eher ziemlich technisch: Von 1970 bis 2022 sind dem aktuellen Living-Planet-Report des WWF zufolge die Bestände der globalen Wildtierpopulationen um 73 Prozent zurückgegangen.
Aber nehmen wir mal die Trendtiere der Stunde und stellen uns eine Herde von 100 der ausgesprochen niedlichen Capybaras auf einer Wiese vor. Und jetzt ballern wir 73 davon um. Da wäre das Geschrei aber groß! Oder, um es noch ein bisschen plakativer zu machen: Nehmen wir vier süße kleine Katzenbabys. Und dann … Na ja, Sie haben schon verstanden. Und es geht ja auch um Wildtiere, da sind Hauskatzen ausgenommen, deren Bestand leider auch sowieso nicht schrumpft, was letztlich ein Teil des Problems ist.
Kriege, steigende Preise, Wohnungsnot – und selbst Jürgen Klopp kann den deutschen Fußball nicht retten. Wir leben in einer Zeit multipler Krisen. Wer hat da noch den Kopf, sich mit dem menschengemachten Klimawandel herumzuschlagen, selbst wenn man auf dem Rhein nur noch mit dem Gummiboot fahren kann und im Stadtpark bald nur noch Kakteen wachsen?
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Oder gar mit der Biodiversitätskrise, also dem Verlust an Artenvielfalt, zumal mit der Invasion von Gottesanbeterinnen in Berlin, Tigermücken in Hessen und Nosferatuspinnen im Schwäbischen hier gerade mehr Viehzeugs unterwegs ist als gewünscht. Was natürlich wiederum eine Folge des Klimawandels ist.
Als Claudia Schiffer geboren wurde
Tatsächlich aber ist die Biodiversitäts- am Ende wohl die neben dem Klimawandel entscheidende Menschheitskrise. Über das Rentenniveau und den Benzinpreis werden wir uns jedenfalls keine Sorgen mehr machen müssen, wenn die Ökosysteme erst kollabiert sind.
Die untersuchten Wirbeltierpopulationen in Lateinamerika und der Karibik sind in den letzten 52 Jahren um unfassbare 95 Prozent eingebrochen, in Afrika um 80, in Asien und dem pazifischen Raum um 49 Prozent.
Selbst in Europa und Nordamerika, wo der Mensch schon vor 50 Jahren ordentlich abgeräumt hatte, weshalb gar nicht mehr so viel übrig war, was hätte verschwinden können, sind die Bestände um 23 beziehungsweise. 28 Prozent zurückgegangen.
Untersucht wurden rund 36.000 Populationen von fast 6.000 Arten aus allen fünf Wirbeltierklassen, also Säugern, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen. Um noch einen plastischen Vergleich zu wählen, der vielleicht dem einen oder anderen hilft, das Ausmaß „zu fühlen“, wie man heute gerne sagt: Als, sagen wir, Claudia Schiffer geboren wurde – oder ich! –, da gab es noch viermal so viele Tiere auf der Welt wie heute.
Allein in ihrer Lebensspanne sind durchschnittlich drei von vier Elefanten, Blaufußtölpeln, Scharnierschildkröten, Stummelfußkröten oder Koalas vom Erdboden verschwunden. Die Katastrophe ist also im vollen Gang.
Was kann man tun? Der Tankrabatt ist vermutlich jedenfalls nicht die Lösung. Natürlich müsste als Erstes jeder weitere Verlust von Lebensräumen gestoppt werden, so gut es eben geht, selbst wenn man dann eben nicht jede seltene Erde aus selbiger kratzen kann. Zum anderen ist in diesem Zusammenhang die Kunde von der stagnierenden menschlichen Bevölkerung wahrlich keine schlechte, selbst wenn die Wirtschaftswachstumsapologeten und AfD-Rassentheoretiker deswegen bereits Alarm schlagen.
Aber einerseits dürfen wir getrost bezweifeln, dass die gar nicht so neuen Erkenntnisse vom Artenschwund irgendeinen Putin, Trump oder Merz und auch nicht ihre Bevölkerungen in der aktuellen ökologischen Amokfahrt stoppen; zum anderen ist die Zahl der überlebenden Individuen bei vielen Arten bereits so gering, dass sie in der Natur schlicht keine realistischen Überlebenschancen mehr haben.
Um nur ein Beispiel zu nennen: 30 Sumatra-Nashörner gibt es noch. Wenn überhaupt, werden wir diese Art nur durch Erhaltungszucht in menschlicher Obhut retten können. Dutzende Fisch- und Froscharten leben nur noch in Aquarien und Terrarien, und Hunderten bis Tausenden mehr von ihnen müssten wir dort künftig dringend Asyl bieten, wenn wir sie erhalten wollen.
Denn unumkehrbar ist die deprimierende Entwicklung nicht. Auch der aktuelle WWF-Report zählt positive Beispiele auf von Arten, deren Bestände durch Schutzmaßnahmen wieder zugenommen haben, etwa Tiger, Afrikanische Elefanten und Suppenschildkröten.
Heute trotten wieder Wisente durch osteuropäische Wälder, galoppieren Przwalski-Pferde über die kasachische Steppe oder fliegen Waldrappe und Bartgeier über die Alpen, obwohl diese dort früher schon ausgerottet waren. Dank Restaurierung und Schutz ihrer Lebensräume sowie der Wiederansiedlung von in Zoos gezüchteten Tieren haben diese Arten heute wieder eine Chance für die Zukunft. Und wenn wir die Rio-Pescado-Harlekinkröte und den Charco-Azul-Wüstenkärpfling retten können – und das können wir noch! –, dann vielleicht am Ende ja sogar auch uns selbst.
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