Medien in Griechenland

Korruption befördert Zeitungssterben

Athener Qualitätszeitungen werfen Premier Tsipras vor, er wolle ihnen den Garaus machen. Schulden? Steuerhinterziehung? Alles egal.

Griechische Männer lesen Zeitungen an einem Straßenstand

Das Zeitungssterben in der griechischen Krise hat einen neuen Höhepunkt erreicht Foto: dpa

Es war ein zorniger Artikel voller Vorwürfe. Von Selbstkritik, auch nur ansatzweise, fehlte in dem Text in eigener Sache auf der Titelseite der jüngsten Ausgabe der Athener Sonntagszeitung To Vima jede Spur.

Die schlimme Nachricht stand schon in den ersten Zeilen: „To Vima und Ta Nea sind dazu gezwungen, ihre Ausgaben in diesen Tagen einzustellen – und zwar aus ökonomischen Gründen.“ Die Gläubigerbanken hätten beschlossen, die Einnahmen aus dem Zeitungsverkauf sowie den Werbe­erlösen zu kassieren.

Das angekündigte Aus der beiden Athener Qualitätszeitungen To Vima und Ta Nea hat nicht nur Symbolkraft. Mehr als 500 Beschäftigte, alle seit fünf Monaten unbezahlt, drohen arbeitslos zu werden.

Das seit dem Ausbruch der Krise in Griechenland grassierende Zeitungssterben hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die traditionell liberalen Gazetten gehören zur ehemals omnipotenten DOL-Gruppe. Sie umfasst Zeitschriften, Webseiten und sonstige Beteiligungen.

Gegenöffentlichkeit

To Vima, 1922 gegründet, und Ta Nea, 1931 ins Leben gerufen, sollten zur konservativen Presse, die damals politische Gegner in Regenbogenpressemanier verunglimpfte, einen seriösen Gegenpart bilden. Doch seit geraumer Zeit kämpfen die Blätter mit dramatisch sinkenden Auflagen.

To Vima verkaufte im Jahr 2016 im Schnitt noch 64.396 Exemplare – Tendenz weiter fallend. Ta Nea wiederum war seit 1945 die auflagenstärkste Athener Tageszeitung. In den 80er und 90er Jahren lag die tägliche Auflage noch bei mehr als 100.000 verkauften Exemplaren. Heute sind es noch etwa 15.000 Exemplare täglich.

Was war geschehen? Das DOL-Management bedachte sich selbst und das übrige Personal viel zu lange mit hohen Gehältern. Zum Verhängnis werden DOL aber nun Bankkredite. Die Misswirtschaft wurde auf Pump finanziert. Das Kreditvolumen: 174 Millionen Euro.

Auch als DOL schon hochverschuldet war, gewährten zwielichtige Bankmanager den untergehenden DOL-Flaggschiffen Kredite – ohne jegliche Sicherheiten. Dabei sanken die DOL-Umsätze immer weiter, im Jahr 2015 auf 41,32 Millionen Euro – bei zugleich in die Höhe schnellenden Verlusten (2015: 22,85 Millionen Euro). Das konnte nicht gut gehen. Aber DOL wirft Premier Alexis Tsipras nun vor, er habe ihr letztlich das Genick gebrochen.

Tsipras tut das, was konservative und sozialdemokratische Vorgängerregierungen unterlassen haben: Er beendet die Bankenrettungspolitik von maroden Geldinstituten, die zuvor schon mehrmals mit Steuergeldern rekapitalisiert worden waren. Infolgedessen kann DOL heute die Zinsen für die zuvor so großzügig gewährten Bankkredite nicht mehr bedienen. Das Imperium zerfällt.

Steuerhinterziehung

In den Blick der Strafjustiz ist der 72-jährige DOL-Hauptaktionär und Herausgeber Stavros Psycharis geraten. Man sagt ihm nach, im Zenit seiner Macht habe er Regierungen in Athen ins Amt hieven oder stürzen können.

Der Vorwurf an ihn lautet Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Es geht um 48 Millionen Euro, wie die Prüfung von Psycharis’Privateinkünften ab dem Jahr 2000 ergab. Trotzdem sieht sich Psycharis als Opfer. Tsipras wolle ihm, dem politisch unbeugsamen Medienmogul, nur den Garaus machen.

„Ohne einen Privatinvestor mit frischem Kapital“ könne DOL nicht weiterexistieren, stellt Medienminister Nikos Pappas klar. Aber einen Investor gibt es bislang nicht.

Nach dem DOL-Crash fürchten jetzt andere regierungskritische Medien in Athen, Tsipras wolle sie alsbald vernichten. Themos Anastasiadis, Chef von Proto Thema, des wichtigsten Sonntagsblatts, rief die Griechen dazu auf, sich gegen den „Medienserienkiller Syriza“ zu erheben. Sozusagen präventiv.

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