Musik-Festival „Le Guess Who?“

An der geloopten Tuba

Gehaucht, beseelt, frei, improvisiert, harsch – für den Sound bei „Le Guess Who?“ im niederländischen Utrecht gibt es viele gute Bechreibungen.

Eine Tuba in der Luft

Musik zum Abheben Foto: unsplash/@sirbusorin

Eine Stadt wie Utrecht in den Niederlanden mit den Augen von Lonnie Holley zu sehen, heißt, den Blick für das Ausrangierte, das achtlos Weggeworfene, die Details am Straßenrand zu schulen. Der 68-jährige Waste-Art-­Künstler, Improvisationsmusiker und „Lover of Mother Universe“ aus Birmingham in den US-Südstaaten kommt mit einem ausrangierten Fahrradkorb voller vermeintlichem Müll zur Stadtführung am Rande des „Le Guess Who?“-Festivals. Die Wollmütze hat er falsch rum auf, für alle Teilnehmer des Streifzugs liegt ein Stück Draht zur kreativen Entfaltung bereit.

„Can you dig it?“ Ob man sein Konzept des Zusammenspiels von Materialien, für den Gemeinsinn und die Idee eines Bewusstseins für den Wert der Dinge verstanden habe, ist Holleys Standardfrage in die Runde während er mit Luftpumpe und Fahrradschloss über Luft, Wasser und spirituelle Befreiung philosophiert. Mit einer ähnlichen Idee von Improvisation, mit der Holley aus Müll Collagen von fragiler Schönheit formt, spielt auch seine Musik. Am Abend zuvor hatte der Afroamerikaner das erste Konzert der zwölften Ausgabe des „Le Guess Who?“ im Großen Saal des labyrinthischen Tivoli Vredenburg, dem Hauptgebäude des Festivals, gegeben.

Eine stilistisch kaum einzuordnende Musik zwischen Jazz, Blues und Soul mit gospelartigen Deklamationen über große Themen wie Vergänglichkeit und Spiritualität und ganz aktuell auch über die USA in Zeiten von Trump. Holley sitzt an seiner Orgel, die in eine Steppdecke mit dem Schwarz-weiß-Profil eines Gesichts gehüllt ist, das Timbre und der freie Fluss seines Gesangs sowie die lose Struktur seiner Songs erinnern an Van Morrisons Meisterwerk „Astral Weeks“. Dave Nelson an der geloopten Tuba und Schlagzeuger Matt Patton formen Holleys experimentelle Ideen zu ergreifend beseelten Songcollagen. Lonnie Holleys stilistisch freie, sowohl zurück als auch nach vorne blickende Musik steht exemplarisch für den Geist von „Le Guess Who?“ zwischen Musik, Kunst, Film und Wissenschaft. Es geht um interdisziplinären Austausch, an dessen Anfang immer die offene Frage steht, wie sie sich ja schon im Festivalnamen manifestiert.

Die britische Band Seefeel hatte mit ihrem Album „Quique“ 1993 die Kluft zwischen experimenteller Rockmusik, Dub und Ambient-Techno geschlossen. Indierock-Fans hörten plötzlich elektronische Musik, Raver versöhnten sich nach dem ersten Techno-Hype mit der Gitarre. Nun führten Seefeel ihr Werk wieder auf: Auf dem Weg in den kleinen Raum „Cloud Nine“ unter dem Dach der Vredenburg fällt der Blick durch bodentiefe Fenster schwindelerregend über Utrecht City. Im Halbdunkel des Clubs geleiten Bass-Untiefen, ätherisch gehauchte Vocals, harrsche Gitarrenschleifen und verschwommene Visuals in eine Stimmung zwischen Erdung und Entrückung.

Ein dunkler Kellerraum

Der Club „Basis“ an einer Gracht unweit des Tivoli ist eine der vielen Satellitenorte, die vom Festival bespielt werden. Ein dunkler Kellerraum mit kargen Wänden, genau der richtige Ort für das Performance Art-Duo FAKA aus Südafrika, kuratiert übrigens von Moor Mother, neben Devendra Banhart und Shabaka Hutchings verantwortlich für das musikalische Programm. DJ und Produzent Fela Gucci sowie Sänger und Tänzer Desire Marea kämpfen sicherlich keinen einfachen Kampf für die schwarze Queer-Kultur in ihrem Land. In reichlich Bühnennebel gehüllt, singt und schreit der fast unverhüllte Marea zu brüchigen Beats und dunklem elektronischem Grollen. Eine gespenstische Performance, angelehnt an „gqom“, eine raue, minimalistische Version südafrikanischer House-Musik.

Eine ganz andere Form der einnehmenden Entrückung beim Konzert der Folk-Ikone Vashti Bunyan. In der kontemplativen Atmosphäre der Utrechter Janskerk spielt die 73-jährige Britin Juwelen ihres Albums „Just Another Diamond Day“ und berichtet dabei ironisch lächelnd und mit sympathischer ideologischer Distanz aus einer Zeit, als sie mit Pferd durch die englische Provinz reiste und einen Liebhaber in jeder Stadt hatte. Eine Musik, hier präsentiert mit einem zweiten Gitarristen, die in ihrer verhuschten Zartheit eine Bewegung wie „New Weird America“ um Musiker wie Joanna Newsom oder eben Devendra Banhart entscheidend geprägt hat.

Auch Neneh Cherry ist eine starke weibliche Vertreterin der Transzendenz zwischen Popstartum und den Peripherien von Punkrock, Clubmusik und Jazz. Ihr Auftritt in großer Formation im vollbesetzten Großen Saal der Vredenburg ist geprägt von perkussiver Wucht, charmantem Witz, und auch alte Hits wie „Manchild“ haben heute noch Relevanz.

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