Musiker Achim Reichel

„Fast ein zweiter Rex Gildo geworden“

Mit über 70 Jahren kehrt Reichel zu seinen musikalischen Anfängen zurück. Im Interview spricht er über Pedanten im Studio und nervige Beatles-Vergleiche.

Sänger und Gitarrist Achim Reichel: raucht gern Selbstgedrehte im Souterrain-Studio in seinem Haus in Hamburg-Hummelsbüttel Foto: Miguél Ferraz

taz: Herr Reichel, Ihre neue Box „The Art Of German Psychedelic“ enthält Ihre Studioalben von 1971 bis 1974 auf fünf CDs, dazu gibt es weitere CDs mit unveröffentlichter instrumentaler Musik. Wer soll das alles hören?

Na die, die das wollen. Die Fans sind dafür verantwortlich, dass es die Box überhaupt gibt. Noch vor zehn Jahren dachte ich: Das darf nie wieder irgendwo erscheinen, das muss in meinem Archiv bleiben. Ein Fan schrieb mir, man habe ihm gesagt, er könne jedes Achim-Reichel-Album blind kaufen. Er habe sich dann mein experimentelles 1971er-Album „Die grüne Reise“ geholt. Sein Kommentar: „So einen Scheiß habe ich noch nie gehört.“

Warum also ausgerechnet jetzt diese Musik veröffentlichen, die einige Ihrer Anhänger offenbar verstört hat?

Ich bin jetzt 73, da räumt man ein bisschen auf. Und mit dem A.R.-&-Machines-Zeug hatte ich noch eine Rechnung offen. Außerdem kamen, nachdem ich eine Website eingerichtet hatte, regelmäßig E-Mails von überall her, aus Spanien, Italien oder auch aus England. Immer mehr Leute interessierten sich wieder für meine Musik von damals. Und dann kam die Anfrage, eine Box mit der alten Musik zu machen. Aus heutiger Sicht muss man sagen: Ich war damit zu früh dran. Für das Prädikat, ein Pionier der Loop-Technik zu sein, kann ich mir nichts kaufen. Für heutige Ohren ist das vertrauter, früher gab es dafür weder eine Genre-Beschreibung noch einen Markt.

Sie haben A.R. & Machines im September sogar in die Hamburger Elbphilharmonie gebracht.

Nach meiner letzten Tournee dachte ich schon: Jetzt kannst du das Ganze so langsam ausblenden. Ich mag es nicht, wie heute in dem Business gedacht wird, da geht es nur um Klicks und Quote. Und dann traf ich zufällig den Konzertveranstalter Karsten Jahnke. Er hat schon vor 45 Jahren meine Konzerte gebucht, also spielte ich ihm Musik aus der Box vor. Er war begeistert und fragte dann allen Ernstes, ob ich damit nicht in der Elbphilharmonie auftreten wolle. Ich dachte, vielleicht gehen die Leute nach ein paar Minuten, weil sie nur wegen des Gebäudes da sind. Aber nein! Es rief auch keiner: „Wann singste denn endlich?“ Es gab sogar welche, die alte A.R.-&-Machines-Transparente über die Balustraden gehängt hatten. Es gab Standing Ovations! Ich dachte, mich küsst der Himmel.

Diese Musik, die man heute vielleicht als Proto-Techno bezeichnen würde, basiert auf Experimenten, die Sie 1970 mit Ihrem damals neuen Bandgerät Akai X-330D durchführten.

Ich wollte eigentlich nur ein Gitarrenmotiv aufnehmen, drückte den falschen Knopf, und plötzlich kam das Motiv als Echo zurück. Plötzlich hatte ich einen Gitarrenwald im Kopfhörer. Zu dem Zeitpunkt dachte ich gar nicht darüber nach, was ich damit anfangen wollte. Ich war allerdings an einem Punkt angelangt, an dem mich fragte, ob ich mein Leben lang Tanzmusik machen will. Die Musik der Rattles geht nach außen. A.R. & Machines gehen nach innen, dazu legt man die Beine hoch und lässt sich davontragen. Das kannte ich bis dahin nur von der Klassik.

Aber das kann nicht nur auf offene Ohren gestoßen sein.

Mein Album „Die Grüne Reise“ nahm ich in einem Studio auf, in dem die Toningenieure darauf bestanden, als Tonmeister angesprochen zu werden. Extrem pedantische Menschen. Ich probierte im Studio einen neuen Verzerrer aus, ein Geschenk von Tony Iommi von Black Sabbath. Da kam der Ingenieur aus seiner Kabine und meinte: „Da zerrt doch was.“ Und ich darauf: „Ja, geil, oder?“ Aber er machte sich Gedanken, ob es die Gütesicherung beanstanden würde. Früher saßen in Hannover ein paar Typen im Presswerk, die alles kontrollierten, was gepresst werden sollte. So waren die Zeiten damals!

Der Pressetext beschrieb „Die Grüne Reise“ damals so: „Es wird empfohlen, diese Platte zu Acid-Feten, euphorischen Höhenflügen, Liebesvereinigungen, politischen Veranstaltungen und als Filmmusik zu spielen.“

Was man eben früher so sagen musste, es gab Begriffe wie Chillout und Trance ja noch nicht. Es war die ausklingende Hippie-Zeit, da kursierten schon mal LSD und Meskalin. Mit Acid hatte ich es weniger, aber es war schon so, dass man die Fantasie fliegen ließ, indem man sich einen drehte.

Ihre Droge wurde dann bald die Meditation.

Ich traf einen Freund, dessen Augen funkelten, dazu grinste er wie ein Honigkuchenpferd. Er meinte, seitdem er transzendentale Meditation mache, brauche er nichts mehr und wäre trotzdem druff. Ich ließ mich also in diese Technik einführen, in einer Akademie für Persönlichkeitsentfaltung. Ich nahm mein Echogerät und die Gitarre mit, mietete mir eine kleine Kammer und machte 20 Minuten lang Yoga, dann 20 Minuten Meditation und direkt anschließend eine Aufnahme. Ich spielte alles, was mir in den Sinn kam. Daraus wurde die letzte A.R.-&-Machines-Platte „Autovision“. Danach dachte ich: Jetzt ist das Thema abgefrühstückt. Man will sich ja nicht nur selbst gut finden.

Vielleicht wollten Sie auch einfach zurück in die Charts?

Nun, bei A.R. & Machines sprach mein Musikerherz, ohne das einer dazwischenredete. Die Plattenfirma hat mich einfach machen lassen, so lange die Produktion nicht zu teuer wurde. Aber ich hatte eine junge Familie und konnte das Geldverdienen nicht gänzlich vernachlässigen. Es gab einfach keine kommerzielle Entwicklung. Und ich produzierte zu der Zeit Mitte der 70er-Jahre auch schon andere Bands wie Ougenweide, hatte ein eigenes Label aus der Taufe gehoben.

Eigentlich sollten Sie ja Schiffssteward werden, oder?

Ich komme aus einer Seefahrerfamilie, schon mein Vater war Steward. Ich wuchs auf St. Pauli auf, machte meine Kellnerlehre und begeisterte mich nach Feierabend für Rock ’n’ Roll. Irgendwann hatte ich meine erste Gitarre und stellte fest, dass man eigentlich nur drei Akkorde braucht. Dabei im Rhythmus zu bleiben ist die eigentliche Schwierigkeit. So ging das mit den Rattles los.

Dann kam bald der Star Club in Hamburg.

Genau, wir waren die erste deutsche Band, die dort offiziell spielen durfte, bis dato waren nur Engländer und Amerikaner aufgetreten. Anschließend saßen wir beim Bier mit den Beatles. Heute klingt das unglaublich, damals war das normal. Der Star Club managte dann auch die erste England-Tournee der Rattles, zusammen mit den Rolling Stones. Die waren sauer, dass wir Chuck Berry spielten, weil das eigentlich ihr Ding war. Also meinte ich: „Dann spielt ihr eben ‚Bye Bye Johnny‘ und wir ‚Johnny B. Goode‘.“ Aber auch das konnte nicht ewig gut gehen. Es hieß über uns immer, wie seien wie die Beatles, nur nicht ganz so gut. Wer mag das schon sein ganzes Leben lang hören?

Ihre Rattles-Karriere wurde jäh unterbrochen, als Sie 1966 ihren 18-monatigen Wehrdienst ableisten mussten. Aus dieser Zeit kursiert ein hübscher Schwarzweiß-Clip im Netz, in dem Sie mit Stiefeln, Uniform und Gitarre bewaffnet auf einem Panzer sitzen und „Trag es wie ein Mann“ trällern – zu kitschiger Orchesterbegleitung.

Das war die Idee der Plattenfirma, die meinte: Wenn du das singt, wird dich die ganze Nation ans Herz drücken wollen. Ich sagte zu, denn ich hatte Angst, dass es mit der Musik bald ganz vorbei sein könnte. Gott sei Dank ist das kein Hit geworden, sonst wäre aus mir womöglich ein zweiter Rex Gildo geworden. Das war schon ein bisschen peinlich. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn ich als nächstes „Ich bin stolz auf mein Land“ hätte singen müssen.

Sind Sie zufrieden mit Ihrer Karriere?

Das Glück, 50 Jahre lang dauernd verschiedene Sachen machen zu dürfen und dabei nicht unterzugehen, ist nicht jedem beschieden. Also denke ich: So einen falschen Schädel trägste gar nicht durch die Gegend.

Was kann jetzt noch kommen?

Ich werde mir jetzt noch ein gutes Jahr A.R. & Machines geben. Das finde ich viel spannender, als mir wieder ein paar Texte aus dem Kreuz zu leiern und von meinen Befindlichkeiten zu singen. Ob diese Musik nun was für den Massenmarkt ist – so what?

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