Musiktheater über den Fall Appelbaum

Koketterie am Badewannenrand

„Fuck the facts“: Die Neuköllner Oper in Berlin bringt die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Jacob Appelbaum auf die Bühne.

Jay liegt in einer Senke im Boden, Rache sitzt am Rand

Jay und Rache: „Warum, Schönste, willst du fliehen, Meinen Armen dich entziehen?“ Foto: Matthias Heyde

„In der Neuköllner Oper führt man eine Heiligenverehrung des Vergewaltigers Jacob Appelbaum auf“, schrieb im Mai jemand auf Twitter. Diese Zeilen flackern nun auch über die große Leinwand, die hinter dem komplett weißen Bühnenbild im Studio der Neuköllner Oper in Berlin aufgebaut ist. Zwischen schwarzen Venen, die wie ein Netz verwoben sind, verläuft eine Zahlenmatrix, dazwischen immer wieder Tweets:

„What the fucking fuck?“

„What the acutal fuck?“

Die vier DarstellerInnen treten auf die Bühne, zwei Frauen und zwei Männer, und singen im Chor „What the fuck?“, während hinter ihnen Hashtags über die Leinwand fliegen.

#Macht #Anbiedern #Cyber #Fucking

Das Musiktheater „Fuck the Facts“ unter Regie von Christian Römer basiert auf dem Fall von Jacob Appelbaum – auch wenn das Stück das nicht explizit erwähnt. Gegen den berühmten US-amerikanischen Hacker, der an den NSA-Leaks beteiligt war und unter anderem den Angriff auf Merkels Telefon öffentlich machte, gab es im vergangenen Jahr schwere Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs.

„Hier wohnt ein Vergewaltiger“

Den härtesten Schlag gegen Appelbaum brachte eine Website mit seinem Namen, die anonyme Statements von vermeintlichen Opfern und Zeugen gegen ihn sammelte. Appelbaum, der aus Angst vor den USA im Exil in Berlin lebt, musste nach den Vorwürfen seinen Job beim Verschlüsselungsnetzwerk „Tor“ aufgeben und ein Großteil der Hackerszene schloss ihn komplett aus. An sein Haus in Berlin wurde „Hier wohnt ein Vergewaltiger“ gesprayt.

Der Fall war kontrovers, weil, wie oft bei Vergewaltigungsvorwürfen, die Beweislage undurchsichtig war, aber die Netz-Community Appelbaum trotzdem für schuldig befand. Medien wie die ZEIT zweifelten viele der Missbrauchsvorwürfe an. Auch die taz recherchierte zu dem Thema, zusammen mit der freien Autorin Anna Loll, die auch den Text für „Fuck the Facts“ verfasste.

Das Stück beschäftigt sich laut eigener Aussage mit einem „wahren Fall zwischen messianischer Heilserwartung und tribal justice im Global Village.“ Zu den Kontroversen gibt es einen Kasten auf dem Flyer des Stücks: „Noch bevor Text und Musik fertig geschrieben waren, gab es die ersten Tweets, Vermutungen, Beschuldigungen, Parteinahmen. Daher hier ausdrücklich: Uns geht es um Selbstermächtigung im Netz, die die Demokratie gefährdet.“

Das Stück dreht sich um eine Gruppe Hacker, gespielt von Allen Boxer als Jay – eindeutig Jacob Appelbaum – Hrund Ósk Árnadóttir als Rache, Angela Braun als Unschuld und Mario Klischies als Jay Lo, ewig im Schatten des großen Jay. Bijan Azadian begleitet alles von der Arie bis zum harten Techno auf dem Keyboard.

Alles eitle Narzissten

Schon in der zweiten Szene wird deutlich, dass die Vier eine Gruppe besonders eitler Narzissten sind, die sich um den Platz auf der Bühne streiten. Immer wieder bricht das Stück auf und tut so, als würde es sich noch in den Proben befinden. Das alles bringt etwas sehr Komisches ins Stück. Es scheint zu funktionieren, das Publikum in dem kleinen Saal lacht. Aber vor dem Hintergrund des Falls wirkt dieser inszenatorische Kniff deplatziert.

Das Stück begleitet den steilen Aufstieg von Jay zum Hacker-Messias. „Ich komme um euch zu erzählen, wir werden ausgespäht!“, verkündet er. Jay tritt bei einer Talkshow auf, die Leinwand zeigt kurz #Bei Illner. Appelbaum besuchte 2013 Maybrit Illners ZDF-Talkshow.

Die beiden Moderatorinnen im Stück kichern hysterisch und bringen keinen Satz zu Ende – zu beeindruckt sind sie von dem Hacker-Messias. Das Stück macht sich über die Heldenverehrung lustig, nicht aber über die Selbstdarstellung des Helden. Dass Appelbaum narzisstische Züge hatte, schreiben viele über ihn. Zumindest seine Optik lässt ihn lächerlich erscheinen, mit Glatze und engem Muskelshirt sieht er aus, als könnte er für Scooter singen.

Dann feiert die Gruppe in Mozartkostümen, die Party wird zur Sexorgie. Hier setzt die eigentliche Handlung an. Irgendwann ist Jay allein mit einer der Frauen, Rache. Er legt sich in eine Vertiefung im Boden, es sieht wie eine Badewanne aus. Sie sitzt am Rand, die beiden flirten, fangen an zu singen, aus dem Stück „Acis und Galathea“ von Georg Friedrich Händel.

Jay: „Warum, Schönste, willst du fliehen,Meinen Armen dich entziehen?“Rache: „Ja, läd't zu seinem Mahl der Leu,So flieht das Lamm in kluger Scheu.“

Das Stück von Händel handelt von einem Gott, der eine Frau gegen ihren Willen verführen möchte. Doch was man auf der Bühne sieht, sieht aus wie Koketterie. Rache räkelt sich verführerisch, berührt Jay, entfernt sich wieder. Zwischendurch sieht es aus, als könnte sie ihm kaum widerstehen.

„Nein heißt Nein, du Hanswurst“

Dann zieht Jay sie in die Badewanne. Auf einmal schreit sie: „Nein heißt Nein, du Hanswurst.“ – “Ich nehme mir nur, was du mir versprochen hast“, sagt er. Unverständlich, warum in einer solchen Situation mit lustigen Schimpfwörtern gespielt wird. Auch sonst vermittelt die Szene nicht die Ambivalenz, die solche Situationen in der Realität oft haben können.

Die Situation ist direkt aus einem der Berichte gegen Appelbaum auf der Website genommen: Eine Frau mit dem Decknamen „Forest“ beschreibt eben diese Szene und wirft Appelbaum vor, sie gegen ihren Willen in die Badewanne gezogen und angefasst zu haben.

„Bin ich denn allein mit all dem Leid?“, singt sie danach. „Opfer, herbei!“ Und schon findet sie ein zweites Opfer. Soll das darauf hindeuten, dass Opfer herbeigerufen wurden, die es eigentlich nicht gibt? „Gedacht habe ich Nein“, sagt die zweite Frau, Unschuld, die nach Rache mit Jay Sex hatte. Allein die Namen der beiden Frauen scheinen zu urteilen: „Rache“ und „Unschuld“.

Eine der Frauen, die Vorwürfe gegen Appelbaum erhob, schrieb auf Twitter: „I wonder who plays me and my friend who witnessed my assault, who one of the authors of this trash play fact-checked my story with. Classy!

Die TäterInnen sind gefunden

Das Stück setzt seinen angeblichen Fokus, die „Selbstermächtigung im Netz, die die Demokratie gefährdet“, ganz ans Ende. Es schließt mit einer brutalen Beerdigung des vom Internetgericht Verurteilten. Rache schwingt ihren Baseballschläger. „Wir sprechen unser eigenes Recht: schuldig“, sagt sie. „And if you're abusive to women, then get the fuck out of our community. Fuck the Facts!“, alle im Chor.

Die zentrale Frage aber, nämlich was diese Form von Selbstjustiz im Internet mit der Demokratie macht, kann gar nicht mehr gestellt werden. Das Stück hat die TäterInnen schon gefunden. Es ist nicht Jay, der einem einen Schauer über den Rücken jagt, wenn er nach längerem Geplänkel eine Frau zu sich in die Badewanne zieht und danach unambivalent einvernehmlichen Sex mit einer anderen Frau hat. Es ist die Frau mit Baseballschläger und Racheagenda, die am bedrohlichsten inszeniert ist und den Mob hinter sich vereint.

#Digitale Hinrichtung #Hexenjagd #Mob Justice #Internetpranger steht auf der Leinwand.

 

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