Hamster Heribert Brumm ermittelt

„Spricht dieses Insekt mit mir?“

Drama in einem Akt: Der Suizid des Terroverdächtigen al-Bakr in der JVA Leipzig hat keine juristischen Folgen – doch eine Ratte könnten alles verändern.

Ein Feldhamster in der Wildnis

Lässt keinen Mord ungesühnt, Hamster Heribert Brumm Foto: dpa

Mittagszeit. Es tutet im Büro von Hamster Heribert Brumm, Gerichtsgutachter und weltweit einziger Mensch-Tier-Dolmetscher. Das Display auf dem Telefon zeigt an: „Justizministerium Sachsen“. Das Nagetier stopft sich ein letztes Maiskorn tief in die rechte Backentasche und hebt den Hörer ab.

Brumm: Minister Gemkow, was verschafft mir die Ehre?

Gemkow: Notfall! Wir haben doch neulich die Ermittlungen gegen die JVA Leipzig fallengelassen. In dieser al-Bakr-Geschichte.

Brumm: Hab ich gelesen. Alle unschuldig. Keine fährlässige Tötung. Konnte keiner mit rechnen, dass sich der Selbstmordattentäter tatsächlich umbringen wollen würde.

• Seit Anfang 2016 widmen wir wöchentlich zwei taz-Zeitungsseiten dem Ausprobieren neuer Formate bzw. stellen diese Seiten jungen Autor*innen als Spielwiese zur Verfügung. Da diese Seiten exklusiv im Ostteil der Republik erscheinen (Berlin ausgenommen), haben wir das Berichtsgebiet auf die sog. „neuen Länder“ konzentriert. Mittwochs und freitags erscheinen also Geschichten aus dem „Neuland“.

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Gemkow: Tragisch.

Brumm: Sehr tragisch.

Gemkow: Aber jetzt ist so eine verrückte Ratte aufgetaucht und behauptet, das war alles anders. Sie müssen mit dem Typen reden.

Brumm: Ich esse gerade. Man soll uns Hamster nicht beim Essen stören. Wir kriegen dann Kreislauf.

Gemkow: Klären Sie das, sonst verpass ich Ihnen Kreislauf!

Eine verchromte Metalltür schlägt zu. Ruumms. Marder in Arztkitteln und pinken Gummischlappen wieseln durch die Korridore. Zelle reiht sich an Zelle. Hamster Heribert Brumm soll hier die Ratte treffen, die sie Einstein nennen. Obermarderin Mathilde von Zahn führt ihn durch die Anlage.

von Zahn: Willkommen im Sanatorium für traumatisierte Tiere, die Zeugen von dubiosen Todesfällen in Gefängnissen geworden sind. Kurz SftTdZvdTiGgs.

Brumm: Adios, meine Steuergelder. Braucht’s das denn wirklich?

von Zahn: Kennen Sie denn nicht die Selbstmordrate in Gefängnissen? Multiplizieren Sie das mit den Wanzen pro Bett, den Ratten in den Sanitäranlagen …

Brumm: Ist gut, ist gut.

von Zahn: … alleine unser Trakt für posttraumatisch gestresste Geckos aus der Türkei!

Eine Kakerlake streckt die Fühler zwischen den Gitterstangen ihrer Zelle hervor.

Herr K.: Oury Jalloh, das war Mord!

Brumm: Spricht dieses Insekt mit mir?

von Zahn: Nicht so herablassend, Herr Gutachter!

Herr K.: Oury Jalloh, das war Mord!?

von Zahn: Herr K. ist schon seit zwölf Jahren hier. Paranoia. Bei uns gibt es natürlich keine Morde. Nur dubiose Todesfälle. Und manchmal spontane Selbstentzündungen.

Brumm: Woher kommt die Geigenmusik?

von Zahn: Hier vorne ist die Zelle von unserem Einstein. Er probt gerade. Hilft beim Entspannen.

Brumm: Wieso eigentlich Einstein?

von Zahn: Na weil er sich für Einstein hält. Ich lasse Sie zwei mal allein.

Ratte Einstein: Ist das Biest weg? Glauben Sie der von Zahn kein Wort. Ich bin natürlich keineswegs verrückt.

Brumm: Alles klar, Einstein.

Einstein: Ich bin auch nicht die Ratte Einstein. Das ist Tarnung. Ich bin der Waschbär Isaac Newton.

Brumm: Ist mir egal, was haben Sie gesehen? Der Gemkow macht Stress und ich hab noch ein Maiskorn in der Backe.

Waschbär Isaac Newton: Meine Entdeckung könnte die Welt zerstören. Vielleicht sogar die ganze Bundestagswahl.

Brumm: Dschaber al-Bakr, das war Mord?

Newton: Schlimmer, das Resultat langjähriger Sparmaßnahmen.

Brumm: Also wohl doch verrückt …

Newton: Seit Anbeginn des Gefängnissystems werden Straftäter entmenschlicht. In einer Selbstinszenierung juristischer Härte wird jegliche Sonderbetreuung als Luxus diffamiert – gerade bei psychologischen Problemen, die in der Öffentlichkeit auch weiterhin verharmlost werden. Das gilt umso mehr für Terrorverdächtige, denen nicht nur das grundlegende Menschsein, sondern auch jedwede Form des psychologischen Innenlebens jenseits ihrer Indoktrinierung abgesprochen wird.

Brumm: Ja, ja, ja. Ich soll nur klären, ob die JVA gepennt hat.

Newton: Da kommt gar keiner mehr zum Pennen. Neun der zehn JVAs in Sachsen sind überfüllt. Wir entwickeln ständig neue Methoden, um Leute festzunehmen, wissen dann aber nicht, was wir mit ihnen anstellen sollen.

Brumm: Schwester, Hilfe! Er dreht durch!

Newton: Unterfinanzierte Gefängnisse, das ist Mord! Unterfinanzierte Gefängnisse, das ist Mord!

Der Waschbär schreit, bis ihm Schaum aus Schnauze fliegt. Gerichtsgutachter Brumm flüchtet aus der Zelle. Aus Panik verschluckt er sein noch unzerkautes Maiskorn am Stück. Er wird diese Nacht nicht schlafen können. Bei der Bundestagswahl gibt er seine Stimme der Tierschutzpartei.

 

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