Kolumne Mittelalter

Ferien für die Antifa

Die Ereignisse auf der Frankfurt Buchmesse zeigen glasklar: Nur das Argument siegt im Umgang mit der völkischen Rechten.

Drei Männer, Gauland, Kubitschek, Höcke

Völkische Rechte haben sich gern als Nachbarn: Gauland, Kubitschek, Höcke. Foto: dpa

Verdammt schlechtes Timing: Keine zwei Jahre nach dem Sprengstoffanschlag auf sein Auto verlässt der Freitaler Linken-Stadtrat Michael Richter Sachsen. Der offensichtlich überstürzte Entschluss stehe fest, seit er die Akten aus dem Prozess gegen die mutmaßlichen (!) Rechtsterroristen der „Gruppe Freital“ gelesen habe. Er sei nun überzeugt, dass die Attacke im Juli 2015 auch ihm persönlich gegolten habe, sagte Richter am vergangenen Freitag der Sächsischen Zeitung.

Verdammt schlechtes Timing, wie gesagt: Doch in seinem abgelegenen Wohnort hätte Michael Richter möglicherweise eh nichts von den Ereignissen auf der Frankfurter Buchmesse an ebenjenem Freitag mitbekommen – dem glorreichen Tag, an dem der Kampf gegen rechts endlich in die richtigen Hände gekommen ist.

Seit jenem Freitag nämlich läuft diese Auseinandersetzung überhaupt erst korrekt – und zwar über das Argument!

Die völkischen Gäste der Frankfurter Fachmesse waren von diesem neu eröffneten „Diskursraum“ dann auch sofort schwer eingeschüchtert: Da sie mit ihren Thesen gegen die sich geschickt von allen Brennpunkten fernhaltende Feuilleton-Kavallerie nicht durchkamen, schlugen sie – nun eben vollkommen hilflos – verlegenheitshalber auf einen alten 68er-Krakeeler ein, Achim Bergmann, den Verleger des nach modern-liberalen Kriterien halt dann auch schon reichlich angestaubten Trikont-Labels.

Seinen Hitler und Sarrazin sollte schon gelesen haben, wer genau sein, wer Widerstand au point leisten will

Auch nicht mitbekommen hat Michael Richter in seiner Einöde wohl das, was auch Liberale nicht mitbekommen haben. Komisch eigentlich – aber egal, weil offensichtlich hysterisch:

Denn wenn die berüchtigte Alt-Antifa von der Amadeu Antonio Stiftung im hochspannenden Frankfurter Diskursraum nur „fünf belastenden Tage in aufgeheizter Stimmung“ erlebt hat.

Wenn sie wiederholt gehört haben will, „dass sich Menschen auf dieser Buchmesse nicht mehr sicher gefühlt haben“ – Gottchen ja, gebt ihnen ein Glas Wein.

Die Stiftungsfuzzis sagen, „es kam auf dieser Buchmesse wiederholt zu Vorfällen rechter Gewalt“? In Wirklichkeit hatten sie schlicht nicht die richtigen Zitate zur ganz spielerischen Abwehr der Rechten zur Hand!

Denn sorry: Seinen Hitler und Sarrazin sollte schon gelesen haben, wer genau sein, wer Widerstand au point leisten will. Sonst macht man sich nur selbst zum Opfer.

Schluss damit: Jetzt werden die Rechten endlich sauber dekonstruiert!

Aber nachdem wir Liberale uns jahrzehntelang mit dem uncoolen Nazimüll nicht abgegeben haben, vielleicht doch noch mal radikalliberalem Klartext, für Leute, die es einfach nicht kapieren wollen: Wer die Nazikeule gegen Nazis schwingt – der relativiert den Nationalsozialismus.

Schluss damit: Jetzt werden die Rechten endlich sauber dekonstruiert! Oder die Linken, denn das ist erstens ungefährlicher und zweitens sind in diesen ungustiösen Zeiten im Zweifelsfall immer die anderen die wahren Faschisten.

Die Pointe für diesen Text wäre nun natürlich: Michael Richter zieht von Sachsen nach Bayern, wo man sagt: Liberal sind wir schon, aber blöd sind wir nicht.

Was am Schluss aber hier hingehört, ist leider: Wer solche liberalen Freunde hat, braucht keine Faschos mehr.

 

Geboren 1968 in München, ist seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt über alles was ihm einfällt oder was anfällt, insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben