Nach dem Frauenmarsch in Istanbul

Der Geist von Gezi

Die Polizei griff den Frauenprotest am 8. März mit Tränengas an, nun macht Präsident Erdoğan die Frauen zur Zielscheibe. Ein Gastkommentar von 5Harfliler.

Am 8. März stehen Frauen in Istanbul in all ihrer Diversität entschlossen zusammen Foto: dpa

Am 8. März trugen etliche tausend Frauen in Istanbul wie jedes Jahr den mit ungeheurer Euphorie beflügelten Protest auf die Straßen. Wir demonstrieren dagegen, dass in den vergangenen Jahren unser Raum für freie Meinungsäußerung immer enger wurde, unsere öffentlichen Räume besetzt wurden und Repressionen und Gewalt insbesondere gegen Frauen zugenommen haben. Doch dieses Jahr war anders.

Am Abend des 8. März sperrte die Polizei den Eingang der Istiklal-Straße mit Absperrgittern. Ihre Ansage lautete, sie ergreife zwar Maßnahmen gegen illegale Aktivitäten, der Nachtmarsch könne aber ungehindert stattfinden. Frauenverbände, Gruppen von Freundinnen, Frauen, die sich Plakate griffen und herbeikamen, strömten mit dem Slogan „Tayyip, lauf schnell weg, die Frauen kommen“ durch die unversperrten Nebengassen auf die Hauptstraße.

Dieser seit Jahren benutzte Slogan wurde in der langen Stunde, die die Verhandlungen mit der Polizei dauerten, noch euphorischer, noch lauter als sonst skandiert. Dann trat eine Frau aus der Menge heraus und erklomm eine erhöhte Stelle, auf ihrem Oberkörper stand: „Vergiss Hande Kader nicht“, auf dem Plakat, das sie hochhielt: „Vergiss nicht, in dieser Stadt wurde eine Frau verbrannt“. (Hande Kader war eine politisch aktive trans Frau, die 2016 ermordet und verbrannt wurde, Anm.d.Red.) Da erreichte unser Aufschrei einen Höhepunkt.

Womöglich war es genau das, was unseren traditionellen Nachtmarsch zu einer „illegalen Aktion“ eskalieren ließ: die Mahnung, die unsere unabhängige, nicht zu bändigende bunte Menge, die nichts vergessen hatte, dem Präsidenten zurief: „Lauf weg, wir kommen!“ Die Polizisten feuerten Tränengas in die Menge.

Gemeinsam gegen die Spaltung der Gesellschaft

Zwei Tage später griff Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan den Frauenprotest bei einer Wahlkampfveranstaltung in Adana auf. Er zeigte ein Video, in dem die Menge zu sehen ist, während der Gebetsruf erklingt, und warf den Frauen vor, den Gebetsruf zu missachten. „Sie respektieren unsere Fahne und unseren Gebetsruf nicht und greifen damit direkt unsere Freiheit und unsere Zukunft an“, rief er in die Menge. „Deshalb werden wir diese Feinde des Gebetsrufs und der Fahne bis zum Letzten bekämpfen.“ Damit machte er die Frauen zur Zielscheibe.

Seit Jahren versucht die AKP, den Gegensatz zwischen „ehrbaren Frauen“ hier und „den anderen Frauen“ da zu etablieren. Doch der Frauenmarsch versteht sich als unabhängig von allen Lagern, politischen Ansichten, Klassen und religiösen Gruppen. Während weite Teile der gesellschaftlichen Opposition in Gefängnissen sitzt oder in einem Klima der Angst schweigt, gelingt es dem Frauenmarsch am 8. März, Frauen aller Gesellschaftsschichten zu vereinen. Diese Fähigkeit, sich jenseits von Zugehörigkeiten zu verständigen, baute sich auch dieses Jahr als starke Drohung vor den Machthabern auf.

Die Regierung war mit einer Bewegung konfrontiert, die nicht mit sich verhandeln, sich nicht kontrollieren und nicht gängeln ließ. Der Nachtmarsch stand dieses Jahr nicht umsonst unter dem Motto „Rebellion und Kompromisslosigkeit“. So wurden die Parolen Tausender Frauen, die sich von der Istiklal-Straße über ganz Istanbul ausbreiteten, zur Bedrohung für die Regierung, die vor den Wahlen dabei ist, die Spaltung der Gesellschaft weiter voranzutreiben. Wer weiß, vielleicht erblickte die Regierung im Beharren, im Aufstand, in der Menge der Frauen, vor allem aber in ihrer dieses Jahr besonders deutlich gewordenen Fähigkeit, in all ihrer Diversität zusammenzustehen und gemeinsam zu rebellieren, den Geist von Gezi.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

5Harfliler ist ein feministisches Onlinekollektiv, das zu gesellschaftlich relevanten Themen aus feministischer Perspektive publiziert.

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