Nachruf auf Almut Klotz

Sie war so stark

Almut Klotz war Lassie Singers-Mitglied, Labelbetreiberin, Basisfeministin, Autorin und Chorleiterin. Mit 51 Jahren ist sie in Berlin gestorben.

Ach Almut. Fehl doch nicht so. Bild: Imago / paiphoto

Im Wohnzimmer von Freunden hängen zwei Siebdrucke an der Wand, genau gegenüber dem Sofa, man guckt automatisch hin, sobald man sich setzt. Darauf sind Häschenköpfe mit Spiralaugen, und ich musste immer über die Bilder kichern, weil sie aus dem Video zu Klotz & Dabelers 2010 veröffentlichtem Nonsenssong „Höp Höp Höp“ stammen, in dem kampfbereite Häschen so lange hüpfen, bis der Jäger sie kriegt.

Jetzt muss ich weinen, denn Almut Klotz, diese tapfere, großartige und patente Person, ist ihrem Krebsleiden erlegen. Und wir, die wir sie kennengelernt haben, weil wir ihre Musik mochten, oder ihre Geschichten, weil wir (damals am Ostbahnhof) Flittchenbar-BesucherInnen waren, oder ihre FreundInnen, bleiben tieftraurig zurück.

Almut hat uns zusammengebracht, Almut hat uns zusammen singen lassen. Das erste Mal am 27. April 2001, eine Gruppe singlustiger, singwütiger, schließlich singsüchtiger Menschen, die sich dann Popchor Berlin nannte. Wir trafen uns in der lange abgerissenen Maria am Ostbahnhof, Straße der Pariser Kommune, vor der Bar im ersten Stock, Blick auf die East Side Galery. Mit dabei waren Britta Neander, Kathrin Passig und Judith Holofernes, die Filmemacherin Sandra Prechtel, die Künstler Florian Zeyfang, Fehmi Baumbach, Judith Hopf und viele andere.

Die Konzerte wurden zu Klassentreffen der Berliner und Hamburger Popschulen. Die Zeit und die Berliner Tageszeitungen berichteten über das Phänomen Popchor. Konnten wir überhaupt singen? Almut konnte singen, die anderen mehr oder weniger. War es ein Vergnügen, dem Popchor zuzuhören, bei Konzerten in der Volksbühne und in der Bar des Deutschen Theaters? Vielleicht nicht immer. Es war jedenfalls ein großes Vergnügen, im Popchor zu singen. Es war ein soziales Ereignis, und ja, so sieht es im Rückblick aus: der Popchor war eine soziale Plastik. Almut hatte die geschaffen.

Sie hatte die Stücke arrangiert (unter anderem „How soon is now“, The Smiths, oder „Was hat dich bloß so ruiniert“, Die Sterne), sie sang uns vor und dann mit. Ihre Stimme, ich höre sie noch. Sie ist herauszuhören auch auf den beiden CDs, die sie mit dem Popchor aufgenommen hat.

Liebe Almut, Du hast uns eine tolle, eine großartige Zeit im Popchor geschenkt. Danke Dir dafür. Danke für die Musik.

Wenn man überhaupt etwas richtig machen kann mit dieser Dreckskrankheit, die Almuts Leben seit über drei Jahren überschattete, sich nach vermeintlichen Erfolgen wieder ausbreitete, dann hat sie es getan – geheiratet, gesungen, gespielt, geschrieben, alle ermutigt, sie trotz ihrer Schwäche zu besuchen, gearbeitet. Sie hat sich einen Friedhof ausgesucht, sie hat Zeit mit ihrer Familie, ihrem 18-jährigen Sohn verbracht, und das Release-Konzert zu der neuen, schönen Klotz-&-Dabeler-Platte sollte im September stattfinden.

Erwartet hatten wir es ja schon. Es war eine Frage der Zeit. Wir hatten uns ja beinahe schon voneinander verabschiedet auf ihrer Hochzeitsfeier, nun ist sie gegangen ohne uns, wohin auch immer.

Sie wird auf dem Friedhof beerdigt werden, auf dem auch Rio Reiser liegt. Na, das passt ja, denke ich. Ich habe noch ein paar mathematische Formeln herumliegen. Wenn man Triolen in einem Viervierteltakt verteilt, werden aus den Sechzehnteln Zwölftel, oder? Scheint zu funktionieren. Jedenfalls wummert jetzt ein fetter Arpeggio-Synthie über den trashigen Spuren. Wow.

Ich gehe aufs Dockville-Festival. Im Bus wird für einen Marathon gegen Brustkrebs geworben. Der Anhängerverleih in Wilhelmsburg heißt "Klotz und Wedekind". Auf dem Festivalgelände sind viele Menschen jünger als ich. Ungefähr so alt wie unsere Kinder. So ein Festival ist ein Ort großer Träume. An jeder Ecke könnte man jemanden treffen, man lernt sich kennen und dann endet es irgendwie.

Über dem ganzen schwülen Nachmittag zieht eine einzelne malerische Wolke auf, knallbunt von der schon untergehenden Sonne beleuchtet, als würde sie zur Show gehören. Bald verschwindet sie hinter der Bühne. Gerade als man denkt, es würde jetzt doch nicht regnen, ergießt sich das Wasser mit einem Mal. Das Festival wird fortgespült und alle gehen nach Hause. Niemand hat einen Schirm.

Ein Hit nach dem anderen

Ich habe versucht, mich zu erinnern, wann ich sie kennenlernte, aber es ist zu lange her – in den frühen 90ern, nehme ich an, als sie mit Christiane Rösinger als Lassie Singers mit wechselnden, immer aufregenden Mitmusikern einen Hit nach dem anderen lieferte.

Diverse Konzertbilder blitzen auf, bei denen sie konzentriert vor dem Mikrofon stand, den Kopf leicht gehoben, die ausnehmend schönen, freundlichen, immer leicht traurigen Augen geöffnet, und diese merkwürdig charmanten Pop-Preziosen schmetterte, diese mädchenhaft klingenden Weisheiten, „Nur weil wir keine Ausbildung haben, machen wir den ganzen Scheiß“ in „Hamburg“, „Letztendlich konnt’ ich nie mit ihm so richtig lustig sein“ in „Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht“.

Und Gesprächsfetzen fallen mir ein, ihre sanfte Stimme mit der ganz leichten Schwarzwaldmelodik und einem stets hinter allen Themen lauernden Schalk, ihre Meinungsstärke, ihr Pragmatismus, und der süffisant-ergebene Ton des Wortes „Genau!“, wenn sie einem zustimmte. Ihre Liebe zur Literatur, ihre Liebesgeschichten, kurz oder lang wie mit dem Vater ihres Sohnes. Ihr Glück mit Reverend Dabeler, den sie heiratete. Und der nun Witwer ist. An ihn denke ich auch.

Die Trauer der Freunde

Gegen die Krankheit hat sie entschlossen angekämpft, so stark war sie, aber das Stärkste war, sich der größer werdenden Trauer und Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern ihrer FreundInnen zu stellen – sie war stärker als die meisten von uns.

Almut hat gern Anzüge getragen, war Labelbetreiberin (Flittchenrecords), Basisfeministin, Autorin, Chorleiterin (Popchor Berlin). Hamburg liebende Berlinerin, badisch verwurzelt. Leidenschaftlich war sie, unerschrocken, schlau und spaßig. Und Jahrgang 1962, also jung. Zu jung.

Ich habe Angst vor der Beerdigung, vor den Tränen ihrer FreundInnen, vor meinen eigenen, vor allem vor denen in den Augen ihres Sohnes. Dabei brauche ich nur ein My der Kraft zusammenzukratzen, mit der Almut Klotz durch ihr kurzes Leben gegangen ist. Ach Almut. Fehl doch nicht so.

 

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