Neuer TV-Journalismus

Bloß nicht wehtun!

Reporter Daniel Bröckerhoff will das Fernsehen mit dem Internet verknüpfen. Aber so richtig mitreden sollen seine Zuschauer dann auch wieder nicht.

Pragmatisch: Fernsehjournalist Daniel Bröckerhoff.  Bild: Edward Beierle/ZDF

Mal kommt Daniel Bröckerhoff in einem spießigen Anzug mit drolliger Fliege daher, um – mit Bierflaschen und Wurstsemmeln bewaffnet – Jugendlichen in der Fußgängerzone illegal kopierte Musik abzuknöpfen. Ein anderes mal kleidet er sich bunt und jagt mit einem ARD-Mikrofon entlang einer Kundgebung junge Neonazis. Und dann wieder mischt er sich unter junge Polizisten, um zu ergründen, wie es ist, mit Schlagstöcken im Anschlag krawalllaunige Fußballfans im Zaum zu halten.

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Der 34-Jährige ist einer dieser jungen TV-Macher, die das Informationsfernsehen mit Albernheiten und einer Portion Narzissmus aufbrechen, die ständig experimentieren und die vor allem auch das Digitale lieben. Als „Doktordab“ ist er in sozialen Netzwerken präsent, plaudert über seine Arbeit und spürt Geschichten auf. Immer wieder findet er dort sogar Protagonisten für seine Filme, die oft arg verspielt daherkommen und nicht selten am Rande der deutschen Fernsehlandschaft versendet werden, sei es auf dem Spartenkanal EinsPlus oder dem neuerdings schon wieder verkümmernden ZDFinfo.

„Bisher schließt man sich als Fernsehjournalist ein paar Monate ein und kommt mit einem Film heraus“, sagt Bröckerhoff. „Das soll aufhören!“ Er will den TV-Journalismus mit den neuen Möglichkeiten verknüpfen, mit den Menschen da draußen, die bestenfalls nicht nur Nutzer sind, sondern auch Publikum. Häufig geht er mit gutem Beispiel voran.

Reportage „Die Patientenfabrik“

Neulich begann er etwa damit, für das ZDF der Frage nachzugehen, wie es sein kann, dass Krankenhäuser in unserer Gesellschaft Gewinne einfahren – statt das Geld weiter in die Gesundheit ihrer Patienten zu investieren. „Nachdem ich bei Twitter und Facebook gefragt habe, wer Klinikmitarbeiter kennt, die über die Zustände in ihrem Haus sprechen würden, hatte ich gut ein Dutzend Insider“, sagt Bröckerhoff. Sein Film „Die Patientenfabrik“ läuft an diesem Mittwochabend. Er ist sehenswert.

Das aber ist bloß der Anfang, denn Bröckerhoffs eigentliche Arbeit fand dann doch wieder abseits der Transparenz statt, auf die er so scharf ist. In diesem Jahr will er nun völlig Neues wagen: Er arbeitet derzeit zusammen mit einer Produktionsgesellschaft an einem Konzept, um als „ansprechbarer Journalist“ für das Publikum da zu sein, wie er seine noch eher vagen Pläne umreißt. Von einer „Crowdsourcing-Reportagereihe“ ist die Rede. Irgendwann in diesem Jahr soll es losgehen, vielleicht erst mal ohne einen Sender.

Bröckerhoff wurde einst von RTL ausgebildet. Dort haben sie ihm eingetrichtert, dass Reporter in ihren Filmen nicht immer bloß zurückhaltende Randfiguren sein müssen, sondern im Bild agieren dürfen. Wie weit diese Masche ausgereizt werden kann, lebt Bröckerhoff im Jugendmagazin „Klub Konkret“ vor, das er mit aufgebaut hat. EinsPlus will hier bis zu 30-jährige Zuschauer mit Gesellschaftskritik versorgen. Sollte wirklich ein ARD/ZDF-Jugendkanal kommen, wäre die Sendung aus dem Stand übernahmefähig.

Konsensjournalismus

„Wir hetzen niemanden aufeinander“, sagt Bröckerhoff. Das Format, das Magazin mit Talk-Elementen mischt, wartet am ehesten mit so etwas wie Konsensjournalismus auf. Bröckerhoff sagt selbst: „Wir entscheiden uns nicht für eine Seite und finden dann die andere konsequent scheiße. Wir moderieren lieben, statt einen Gewinner oder einen Verlierer zu suchen.“

Für Bröckerhoff heißt das, nicht nur in eine Polizeiuniform zu schlüpfen, sondern sich auch mit Krawalltouristen zu Stadien zu bewegen. Er, der dabei im Mittelpunkt steht, erfährt dann für den Zuschauer, wie es ist, von der Staatsmacht eingekesselt zu sein. Es ist der Versuch, nicht eine mitgebrachte These zu untermauern, sondern beiden Seiten eine Chance zu geben. Das steht dem Fernsehen als Gegenstück zu thesengetriebene Politmagazine wie „Monitor“ und Co. gut, hat aber auch seine Grenzen. Der Zuschauer kann sich nur selten an dem Format reiben.

Auf Augenhöhe mit dem Publikum

Worauf „Klub Konkret“ wiederum eine brauchbare Antwort liefert, das ist die Frage, was es heißt, mit seinem Publikum auf Augenhöhe in den Dialog zu treten. Das heißt eben nicht, ein Postfach zu schalten oder nach der Sendung zur Telefonsprechstunde zu laden. So hat die Redaktion ihre Fans vor dem Jahreswechsel im Netz gefragt, was sie 2013 beschäftigen wird. Jetzt entsteht eine Folge zur Altersvorsorge. Bröckerhoff: „Dass hier schon das Thema ’Rente‘ bewegt, hätten wir erst einmal nicht vermutet.“

Für seine Generation ist das Netz sowohl ständiger Begleiter als auch Helfer zugleich. Bröckerhoff erzählt etwa von einem Dreh bei den Occupy-Aktivisten in Frankfurt am Main. Er hatte sich dort vor der Europäischen Zentralbank für eine Nacht einquartiert und irgendwann am Abend sei dann ein aufgebrachter Aktivist zu ihm gekommen, mit einem elektronischen Bauteil in der Hand – angeblich ein Störsender für das Funknetz.

Raubte das Establishment den Aktivisten den Anschluss an die weite Welt? Bröckerhoff stellte mit seinem Handy bei Twitter ein Foto ein und fragte, ob das sein könne. Binnen Minuten antworteten fachkundige Nutzer, der Baustein könne nur aus einem Monitor stammen, nicht aber aus einem Funkmodul. „Beeindruckend, wie schnell das ging.“

Nun ist diese ständige Vernetzung auch für Bröckerhoff Fluch und Segen zugleich. „Das frisst natürlich viel Zeit“, sagt er. „Wenn ein Tweet eine Antwort verdient hat, dann reagiere ich dafür auch schon mal nachts um halb zwei.“ Feierabende gebe es für ihn kaum. Reporter zu sein, das vertrage sich nun mal nicht mit einer 35-Stunden-Woche.

„Ich als Reporter habe immer das letzte Wort“

Doch wirklich mitreden sollen seine Zuschauer dann auch wieder nicht. „Ich würde niemals einfach die Masse entscheiden lassen“, sagt Bröckerhoff, der sich ja immerhin bei einem nächsten Projekt der Netzgemeinde öffnen will. „Ich als Reporter habe immer das letzte Wort.“ Wohl aber wolle er sich möglichst viele Ideen und Meinungen einholen, um „bessere Entscheidungen treffen und stärker am Puls der Zeit sein“ zu können.

In seiner jungen Karriere ist er schon in viele Rollen geschlüpft. Nachmittags hat er im NDR Hausfrauen Facebook erklärt. Bei n-tv haben sie ihn als „Netzreporter“ eingesetzt, damit er vorliest, wie Nutzer die Freilassung Jörg Kachelmanns kommentieren. Und im Medienmagazin „Zapp“ berichtet er zudem fleißig über die Probleme seiner Branche.

Viele klassische Fernsehprojekte hat er in den vergangenen Jahren allerdings auch gestemmt, Verbraucherdokumentationen etwa oder nun das „Zoom“-Stück zum Gesundheitswesen, für das er durchaus ein sehr glückliches Händchen hatte. Er kommt etwa mit einem Klinik-Controller ins Gespräch, der ihm die sogenannten Fallpauschalen demonstriert, die wiederum unter dem Verdacht stehen, Ärzte dazu zu verleiten, das Wohl ihrer Patienten der Gewinnmaximierung ihres Unternehmens unterzuordnen.

Früher Gaudi, heute ernst

Doch wer den Film sieht und Bröckerhoff etwa aus „Klub Konkret“ kennt, wie er mit Jugendlichen herumkumpelt und den naiven Reporter gibt, für den alles irgendwie eine große Gaudi ist, der kann auch ins Grübeln kommen: Warum soll er dem Reporter, dem sonst der Funfaktor über alles zu gehen scheint, jetzt diese ernste Rolle abnehmen?

So hat Bröckerhoff in gut zehn Jahren beim Fernsehen viel ausprobiert, programmlich wie thematisch aber noch keine echte Heimat gefunden. Ob er denn letztlich lieber im klassischen Fernsehen verortet sein will oder im flapsigen? „Am klassischen Fernsehen kommst du in den nächsten Jahren nicht vorbei, wenn du davon leben willst“, sagt er pragmatisch. Journalistisch bringe ihn ein Projekt wie „Zoom“ zudem „extrem weiter“.

Und dann sagt Daniel Bröckerhoff noch: „Am schönsten wäre es natürlich, wenn hier eine Gratwanderung möglich wäre.“ Er will sich nicht entscheiden, das passt ins Bild: Wenn Konsensjournalisten eines suchen, dann vor allem möglichst viel Harmonie. Ein klares Profil ist ihr Ding nicht.

Am Mittwoch läuft seine Reportage „Die Patientenfabrik“ (22.50 Uhr, ZDF).

 

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