Die evangelische Kirche zeigt sich im Umgang mit der Occupy-Bewegung zurückhaltend. Das hat Gründe: Die Kirchen haben ordentlich mitgezockt.von Stephan Kosch

Sozial-Ethiker Franz Egbers wundert sich bei den Occupy-Demos über das "völlige Ausfallen der Kirche". Bild: dpa
BERLIN taz | Der Sozialethiker Franz Segbers hat den Umgang der evangelischen Kirchen in Deutschland mit der finanzmarktkritischen Occupy-Bewegung kritisiert. Das "völlige Ausfallen der Kirche" bei den Großdemonstrationen in Berlin und Frankfurt verwundere, schreibt Segbers in einem Beitrag für das evangelische Monatsmagazin Zeitzeichen.
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Denn eigentlich nähmen soziale Bewegungen wie Occupy oder Attac mit ihrem Protest "die Kritik zahlreicher kirchlicher Erklärungen auf". Doch kirchliche Rede bleibe "schal und wirkungslos, wenn sie keine Träger findet", wie zum Beispiel die sozialen Bewegungen, die Veränderungsprozesse anstießen, so Segbers. "Ohne solche Trägergruppen ist die Kirche eine Königin ohne Land.
Einen möglichen Grund für die Zurückhaltung der Kirche gegen Occupy sieht der in Marburg Sozialethik lehrende Theologe in ihrem eigenen Reichtum. Deutschlands Kirchen seien "nicht nur in vielfältiger Weise in das Finanzsystem eingebunden, sondern haben sich auch von ihm abhängig gemacht".
Wenn Pfarrpensionen am Kapitalmarkt generiert würden, vertraue die Kirche auf den "fatalen Erfolg" eines renditeträchtigen Finanzsystems. "Sie zieht ihren Vorteil aus einem System, das auf renditeträchtige Anlage bedacht ist, und treibt dadurch den Kasinokapitalismus an."
Der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger hat sich für eine Begrenzung des Wirtschaftswachstums ausgesprochen. "Wir brauchen ein gewisses Wirtschaftswachstum zur Lebenszufriedenheit, aber die Dynamik des Systems hat sich verselbstständigt, und das macht es uns schwer, glücklich zu sein", sagte Binswanger.
"Es würde uns besser gehen, wenn wir uns Grenzen setzten, gemächlicher wachsen würden und dafür unsere Wirtschaft stabiler wäre." In dem Gespräch zum Thema "Geld und Glück" verwies Binswanger auf Statistiken, wonach die Zahl der Menschen in einem Industrieland, die sich selbst als glücklich bezeichnen, ab einem Durchschnittseinkommen von 15.000 bis 20.000 US-Dollar auch durch ein weiter steigendes Wirtschaftswachstum nicht mehr steige.
Wenn man aber innerhalb eines Landes untersuche, ob reiche Menschen glücklicher seien als arme, finde man sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Geld und Glück. "Diejenigen, die mehr Geld besitzen, sind in der Regel zufriedener und in diesem Sinne glücklicher mit ihrem Leben, als die, die ein geringeres Einkommen haben.
Und wer weniger hat, will entsprechend mehr haben, weil er hofft, damit auch glücklicher zu werden." Doch dies sei eine Illusion, weil das Glück über Statussymbole nicht lange anhalte. Denn mit steigendem Wohlstand könnten sich immer mehr Menschen Statussymbole leisten.
Zudem kämen stets neue Statusgüter auf den Markt. "Man muss sich also ständig abrackern, um nur den Status quo halten zu können", kritisiert Ökonom Binswanger. "So steigt das Glück schlussendlich nicht an."
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Leserkommentare
10.01.2012 12:22 | Drusus
renditeträchtige Anlage = Kasinokapitalismus ? ...
10.01.2012 09:05 | Lisa
wo liegt n hierfür die Quelle? Kann ich mir schlecht vorstellen.... ...