Das nächste Kapitel der Selbstmythologisierung: Das Musikmagazin „Spex“ erhält eine neue Spitze. Torsten Groß wechselt vom “Rolling Stone“ über.von Christian Werthschulte

Ist der Wechsel bei der Spex nur ein neuer Anstrich oder grundlegende Veränderung? Bild: Nanduu/photocase.com
Mittlerweile ist es eine Nachricht, die recycelt werden kann. Die Pop-Zeitschrift Spex bekommt einen neuen Chefredakteur, es ist der dritte in fünf Jahren. Sein Name ist Torsten Groß, er kommt vom Rolling Stone und wird nächste Woche offiziell vorgestellt. Ab der Juni-Ausgabe steht sein Name dann als Chefredakteur im Impressum.
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Mit Groß beginnt für die Spex das nächste Kapitel der Selbstmythologisierung. In den späten 1980ern und frühen 1990ern war die Spex Pflichtlektüre unter Popbegeisterten – so will es zumindest die Legende. Liest man heute Ausgaben aus dieser Zeit, ist man über diese Einschätzung ein wenig überrascht. Zwar war Spex die Zeitschrift, die sich als erste ernsthaft mit HipHop auseinandersetzte, wo man Texte über den „Black Atlantic“ und die popfemistischen Riot Grrls ebenso lesen konnte wie über den marxistischen Background von Free Jazz
Aber neben fundierten Artikeln fand sich damals auch viel Leerlauf im Heft, der durch den leicht hyperbolischen Stil gern in Richtung Dampfplauderei abdriftete. Während der ersten 20 Jahre erschien die finanziell eh stets am Limit agierende Spex im Selbstverlag. Doch am Ende der Neunziger reichte der finanzielle Atem der Herausgeber nicht mehr – Anfang 2000 wurde die Spex an den Verlag Piranha Medien verkauft.
Damit änderte sich auch die Ausrichtung. Die Texte waren weiterhin ausführlich, die Themenwahl pendelte zwischen überraschenden Neuentdeckungen und den Indie-Bands, über die man eh überall lesen konnte. Und selbst wenn die Schnittstelle zur Kulturtheorie ein wenig verloren ging – in der ersten Hälfte der Nullerjahre war die Spex das einzige deutsche Musikmagazin, das versuchte, die gesamte Breite an Popmusik von Grime bis zum Garagerock-Revival abzubilden.
Mit dem Umzug nach Berlin im Winter 2007 stand dem Heft dann eine neue Zäsur bevor. Die gesamte Redaktion hatte sich entschlossen, in Köln zu bleiben, und wurde von Herausgeber Alexander Lacher ersetzt. Und damit begann eine Phase der Orientierungslosigkeit.
In Köln war die Spex trotz leichter Auflösungserscheinungen bis zum Schluss in ein Milieu aus DJs, Producern und anderen Kulturschaffenden eingebunden, in Berlin wurde sie dann endgültig zum sterilen Labor. Anstatt auf Neugier setzte Chefredakteur Max Dax auf große Namen und kurz gehaltene Sätze. Er holte die Avantgarde-Heroen der 1980er als Thema ins Heft und veröffentlichte seitenlange Plaudereien mit etablierten Namen des Kunstbetriebs.
Er ersetzte die traditionelle Plattenkritik durch den Abdruck von Dialogen zwischen den Spex-Autorinnen und stieß damit auf Unverständnis unter Kollegen und Lesern. Musik- und Theorienerds hatten zu diesem Zeitpunkt die Spex eh aufgegeben und je nach Fremdsprachenkenntnissen durch den englischen Wire oder die französische Les Inrockuptibles ersetzt. Eine Avantgarde ohne soziale Anbindung wirkt halt doch meistens eher als Werbemaßnahme in eigener Sache.
Im Herbst 2010 trat eine Doppelspitze den Dienst in der Kreuzberger Spex-Redaktion an. Unter Jan Kedves und Wiebke Wetzker orientierte sich das Blatt an einem jungen, akademischen Publikum, das sich gleichberechtigt für Mode, Kunst, Film und Musik interessiert. Warum diese Ausrichtung nach gut zwei Jahren an ein Ende kommt, ist nicht ganz klar.
Weder Jan Kedves noch Herausgeber Alexander Lacher waren bis Redaktionsschluss für ein Statement zu erreichen. Auf die verkaufte Auflage haben sich die Experimente der letzten Jahre nur geringfügig ausgewirkt. Mit ca 17.800 verkauften Exemplaren ist der Gesamtverkauf leicht gestiegen, die Zahl der Abonnements, die für Zeitschriften lukrativer als der Kioskverkauf sind, ging jedoch zurück.
Fest steht jedenfalls, dass es mit dem neuen Chef Torsten Groß ein Zurück zur Musik geben wird. Was genau der erklärte Bowie-Fan dem Mythos Spex hinzufügen wird, steht dann im nächsten Artikel zum gleichen Thema.
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Leserkommentare
17.04.2012 08:41 | Markx
SPEX war nicht ein kommerzielles Musikmagazin. Sie stand für Popkultur. Auch in der SPEXzeit bis 2006 veränderte sich gerad ...
11.04.2012 22:22 | Barbara
Nix für ungut, aber was zum Schluss aus Köln kam war auch nur noch grottig. Max Dax ex-taz hat da zumindest kurzfristig noc ...
08.04.2012 10:36 | gina
max dax hat die spex aus dem sumpf geholt - so würde ich es sagen. es nervt wirklich dieses bashing. ...