Premiere in der Deutschen Oper

Die Abgehängten

Kritik der reinen Revolution: Giacomo Meyerbeer bringt in seiner Oper „Le Prophète“ die Mechanismen religiöser Demagogie auf die Bühne.

Viele Oprnsänger auf der Bühne

Die Aufrührer in Giacomo Meyerbeers Oper „Le Prophète“ an der Deutschen Oper Berlin Foto: Marcus Lieberenz

Immer wieder unterbricht spontaner Beifall die Aufführung. Wenn nach viereinhalb Stunden alles vorbei und gesagt ist, was zu sagen war, will der Sturm der Begeisterung im Saal gar nicht mehr aufhören. Es war die ganz große Oper, was an diesem Sonntag in der Bismarckstraße zu hören und zu sehen war, und beweist vor allem eines: Giacomo Meyerbeer muss zurückkehren auf die Bühnen der Welt. Seine Konzeption eines Musiktheaters, das in glanzvoll großem Format und mit wuchtiger Dramatik zentrale Fragen der Macht und des Glaubens verhandelt, könnte aktueller und moderner gar nicht sein.

Die Deutsche Oper hat mit neuen Inszenierungen von „Vasco da Gama“ und „Die Hugenotten“ schon viel getan für diesen großen Musiker und hellwachen, weitgereisten Geist, begraben in seiner Heimatstadt Berlin und fast vergessen. Wagner hat ihn aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt, aber dessen antisemitische Dummheiten allein waren nicht schuld daran. Meyerbeer, so darf man nach der Premiere von „Le Prophète“ vermuten, war seiner Zeit viel zu weit voraus.

Nach den Uraufführungen hat das Publikum in ganz Europa seine Werke zwar gefeiert, aber das lag womöglich nur daran, dass Meyerbeer ein virtuoser Handwerker der Effekte und der Unterhaltung war. Nachweislich entstand „Le Prophète“ erst in den Proben. Meyerbeer schrieb alles um für die Stimmen der Stars und die modernste Bühnentechnik. Sogar die komplette Ouvertüre landete im Papierkorb. Als Ersatz ist jetzt ein zauberhaft melancholisches, völlig unbegleitetes Klarinettensolo zu hören.

Ohne biedermeierliche Gefühlshuberei

Natürlich begannen Meyerbeers Sinnenreize nach hundertfachen Wiederholungen auf allen Bühnen der Welt in den zeitgenössischen Ohren zu verblassen, und man warf ihm „Oberflächlichkeit“ vor. Heute können wir verstehen, warum das kein Vorwurf ist. Im Gegenteil liegt gerade darin Meyerbeers Größe. Er verweigerte sich der biedermeierlichen Gefühlshuberei und privaten Innerlichkeit seiner Nachfolger ebenso wie Wagners Flucht in mythische Heldensagen.

Meyerbeer wollte niemanden zu Tränen rühren, er wollte diskutieren. Es ging ihm um die Sache, um kritische Fragen der Zeit – den Kolonialismus in „Vasco da Gama“, das Christentum insgesamt in den „Hugenotten“ und die religiös verbrämte Demagogie in „Le Prophète“.

Meyerbeer wollte niemanden zu Tränen rühren, er wollte diskutieren

Opfer sind schon damals die Abgehängten. Meyerbeer war Augenzeuge des Sturms auf die Tuilerien von 1848 und klug oder auch nur konservativ genug, sich keine Illusionen über die damals in ganz Europa um sich greifenden Revolten zu machen.

Drei moraltriefende Schwätzer

Mit den bewährten Autoren Eugène de Scribe und Émile Deschamps spiegelte er den Aufruhr zurück in die Bewegung der Wiedertäufer des 16. Jahrhunderts. Drei moraltriefende Schwätzer ernennen einen Schankwirt zu ihrem Propheten und unterwerfen die Stadt Münster ihrer mordlustigen Idee eines Gottesstaates.

An der Deutschen Oper haben der Regisseur Oliver Py und sein Bühnen- und Kostümbildner Pierre-André Weitz den Schauplatz in eine Schlafstadt von heute mit verfallenden Industrie- und Plattenbauten auf einer rotierenden Drehbühne verlegt. Das passt schon irgendwie, ist aber doch ein arg schematisch geratener Versuch, ein historisches Werk optisch in die Gegenwart zu überführen. Allerneuste LED-Bildschirme für Werbung sollen uns zusätzlich auf die Sprünge helfen. Wenigstens kommt damit ein wenig Farbe in das Einheitsgrau der Bilder.

Dass es Bilder eines unglaublich reichen, dichten Meisterwerks sind, ist leider nur zu hören. Erst Enrique Mazzola, der Dirigent, holt diesen so sehr verkannten Komponisten tatsächlich in die Gegenwart zurück, und zwar mitten hinein sowohl in das politische wie auch ästhetische Geschehen von heute. Sie singen, die Populisten, religiösen Terroristen oder wie immer man sie nennen mag.

Bösartiges Martyrium der Betrogenen.

Sie singen Meyerbeer, Mazzola hat den Sängern Derek Welton, Andrew Dickinson und Noel Bouley gezeigt, was daraus entstehen kann. Man versteht ihr mörderisches Gerede, weil Meyerbeer ihnen dafür die Melodien gibt, einfache, nachsingbare Meldien in wiegenden Tanzrhythmen. Wann immer sie ihren Choral zu blödsinnigen lateinischen Worten im Stil der christlichen Liturgie anstimmen, liegen Leichen herum.

Volle 16 Minuten lang darf das Volk dann unter den neuen Herren tanzen. Es ist das große, vierteilige Ballett, das in Paris Pflicht war. Meyerbeers fröhliche Volkstänze machen daraus ein bösartiges Martyrium der Betrogenen. Höhepunkt des Werkes ist jedoch das Drama einer Mutter, die erkennen muss, dass ihr Sohn ein Mörder ist, sie hat das letzte Wort. Clémantine Margaine, die Mutter, und Gregory Kunde, der zum Schlächter gewordene Prophet, singen diese Botschaft Meyerbeers so wunderbar und klar, dass sie nicht zu überhören ist. So klingt politische Musik von heute.

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