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Reform der EnergiewendeBundestag verhandelt über Zukunft der Erneuerbaren

Wirtschaftsministerin Reiche will die Kosten der Energiewende senken. Was die geplanten Gesetze der Bundesregierung für die Privathaushalte bedeuten.

Ein Umbruch steht den erneuerbaren Energien bevor. Diesen dürften die Gesetzentwürfe der Regierungskoalition auslösen, die der Bundestag jetzt verhandelt. Die Botschaft lautet: Für zunehmende Strommengen bekommen die Produzenten erneuerbarer Energie künftig kein Geld mehr.

„Die vorgesehenen Einschnitte“ würden kleinen Photovoltaik-Anlagen „die Investitionsgrundlage entziehen“, schreibt der Verband der Solarfirmen in seiner Stellungnahme zur Anhörung des Wirtschaftsausschusses im Bundestag am Montag.

Man kann die Vorschläge der Regierung als Abkehr von der Logik des mittlerweile 26 Jahre alten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verstehen. Bisher galt im Prinzip, dass jede Kilowattstunde regenerativer Elekrizität, die Windräder, Solaranlagen, Biogasreaktoren oder Wasserkraftwerke produzieren, ins öffentliche Netz eingespeist werden darf. Dadurch sinkt der Anteil fossilen, klimaschädlichen Stroms. Außerdem wird die erneuerbare Elektrizität angemessen bezahlt oder entschädigt. Von beiden Regeln jedoch hat sich die Regierung in ihrem Entwurf des neuen EEG deutlich verabschiedet.

Noch sind die Debatten im Gange. Der Gesetzentwurf stammt aus dem Haus von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Die SPD-Verhandlerin Nina Scheer will einige Paragrafen nicht einfach durchwinken – was dabei herauskommt, ist noch nicht klar. Setzte sich die Union jedoch durch, wären dies die wesentlichen Änderungen: Neue, kleine Solaranlagen auf Dächern von Wohnhäusern erhielten dann keine feste Einspeisevergütung mehr, die heute um die acht Cent pro Kilowattstunde beträgt.

Für eine Übergangszeit von drei Jahren bekämen die Hausbesitzer nur noch gut fünf Cent. Danach gäbe es keinen festen Betrag mehr, sondern die Immobilienbesitzer müssten den Strom selbst verbrauchen, speichern oder an Händler verkaufen. In dieser sogenannten Direktvermarktung erhalten sie den Marktpreis, der bei großem Angebot auch gegen null tendieren kann. Und die Händler müssen auch nicht jede produzierte Kilowattstunde abnehmen.

Große Dachsolaranlagen könnten sich nicht mehr lohnen

„Für viele kleine Anlagen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft kein wirtschaftlicher Betrieb zu erwarten.“

Seit dieser Vorschlag in der Welt ist, wird über seine Folgen heftig diskutiert. „Für viele kleine Anlagen“ sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft kein wirtschaftlicher Betrieb zu erwarten“, sagte Manfred Fischedick, der Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie dem Science Media Center, einem wissenschaftlichen Informationsdienst.

In dieser Sichtweise verursacht der Wegfall der Einspeisevergütung eine finanzielle Einbuße, die die Hausbesitzer durch den Eigenverbrauch des Stroms nicht ausgleichen können, selbst wenn sie größere Speicher installieren. Eine mögliche Folge: Neue Dachsolaranlagen werden kleiner gebaut, wodurch die Produktion erneuerbarer Elektrizität geringer ausfällt, als sie sein könnte.

Die Gegenposition nimmt zum Beispiel Andreas Löschel vom RWI-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen ein. „In sehr vielen Konstellationen wird sich eine Solaranlage auf dem Dach trotzdem lohnen“, betont er. Das allerdings dürfte unter anderem davon abhängen, wie sich die Direktvermarktung entwickelt. Momentan gibt es dafür kaum Angebote. Und auch die technischen Voraussetzungen sind meist noch nicht vorhanden. Wobei die Regierung Dampf machen und den Einbau intelligenter Stromzähler beschleunigen will, die den Stromverkauf automatisch abwickeln.

Weniger Erlöse für Windräder und Solarparks

Ein anderer zentraler Punkt betrifft neue Windräder und Solarparks. Errichten die Betreiber sie künftig dort, wo die Stromleitungen noch nicht ausreichen, sollen sie von den Netzfirmen weniger Entschädigung erhalten als heute, falls produzierte Elektrizität nicht abtransportiert werden kann. Das könnte die zu erwartenden Erlöse um bis zu 20 Prozent reduzieren. Mögliche Folge für die Wind- und Solarparks: Wegen des steigenden Risikos verlangen die Geldgeber höhere Zinsen, was manches Bauprojekt vereiteln mag.

Wirtschaftsministerin Reiche wählt diesen Weg, weil sie die Kosten des Ausbaus der erneuerbaren Energien insgesamt reduzieren will. In ihrer Rede vor dem Bundestag argumentierte sie kürzlich, den Bundeshaushalt koste die Energiewende 36 Milliarden Euro pro Jahr, vor allem verursacht durch die Einspeisevergütung, die der Staat trägt. Indem neue kleine Dachsolaranlagen künftig keine Vergütung mehr bekommen, sollen diese Ausgaben sinken. Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler würden entlastet.

Auch bei den Netzkosten setzt Reiche an, die ungefähr ein Viertel der Stromrechnungen der Privathaushalte und Firmen ausmachen. Wenn neue Solar- und Windparks weniger Entschädigung von den Netzbetreibern erhalten, sinkt auch dieser Posten, so das Kalkül der Wirtschaftsministerin. Die Energiewende würde für alle billiger. Die Kritikerinnen und Kritiker befürchten dagegen, dass Reiche und die Regierung das Tempo der Energiewende bremsen – gerade jetzt, wo es endlich gut läuft.

Durch die Reform würden Privathaushalte und Unternehmen weniger Ökokraftwerke bauen als bisher. Das stelle einen Vorteil der Energiewende infrage: Solar und Wind seien mittlerweile die billigsten Energiequellen. Mehr davon bedeute insgesamt niedrigere Energiepreise für alle, weniger Ökoenergie dagegen höhere. Die Wirtschaftsministerin bleibt trotzdem bei ihrem Argument sinkender Kosten: Der Ausbau der erneuerbaren Energie solle ja weitergehen wie geplant, nur effizienter.

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13 Kommentare

  • Thomas Böttcher

    Gerade gelesen:



    Heimlich hat das Wirtschaftsministerium das Transformationsreferat für erneuerbare Energien aufgelöst. Es wird ja immer schlimmer, offenbar ist Frau Reiche nicht an Wirtschaftswachstum interessiert und an geringeren Energiepreisen auch nicht.

  • Jörg Schubert

    "Und die Händler müssen auch nicht jede produzierte Kilowattstunde abnehmen."



    Ja, müssen sie nicht. Tun sie aber, wenn der Preis stimmt. Marktwirtschaft nennt man das.

  • Quantensprung

    Warum EFH Eigentümer weiter subventionieren?



    Das muss endlich mal ein Ende haben. Groß-PV produziert billiger.

  • Bolzkopf

    Der Proteststrom der Grünen ist völlig berechtigt.



    Ist doch kein Wunder, dass die überall Demos und Mahnwachen organisieren.



    Berührt doch dieses Thema die Identität der Grünen wie kaum ein anders.

  • Karl Schmidt

    Die enorm hohen Ausgaben für fossile Brennstoffe scheinen Frau Reiche kein nennenswertes Problem darzustellen. Sie hat nicht nur noch nie eine Maßnahme getroffen, um diese auch nur ein bisschen zu senken. Ich habe auch noch nie gehört oder gelesen, dass sie in solchen Kosten irgend ein Problem sieht.

    • Jörg Schubert

      @Karl Schmidt:

      Das ist ja das ganze Problem mit unserer Wirtschaftsministerin. Die sogenannten "Erneuerbaren" sind längst marktfähig. Und da macht sie alles richtig. Die fossilen sind in vielen Fällen nicht mehr marktfähig. Und da macht sie alles falsch.

  • pablo

    Bei der ganzen Diskussion geht es der Regierung allen voran Frau Reiche darum die Dividenden der Aktionäre zu sichern.

  • Günter Witte

    In welchem anderen Bereich als Energie muss der Staat dafür garantieren das sich Investitionen von Privatpersonen/Firmen Lohnen ???

    • Janix

      @Günter Witte:

      Im Munde führen das die Partei formerly known as FDP, CDU und Co. ständig und schieben gewissen anderen Erbkapitalisten auch allzu gerne etwas vom staatlichen Geld rüber. "Leistung" müsse sich wieder lohnen, wir erinnern uns unseliger Zeiten.

      Ich bin also bei Ihnen: die ganze Märktestabilisierung dürfen die Kapitalisten gerne selbst tragen.



      Energiewende, würden viele hingegen sagen, ist eine Beschleunigung der Marktanpassung zu Nachhaltigkeit und damit Kostensparen hin. Und selbst da immer hingucken.

  • Janix

    "Will" sie wirklich die "Kosten der Energiewende senken"? Manche haben das Gegenteil davon als wahrscheinlicheres Ergebnis modelliert.

    Geht es ihr womöglich doch vor allem darum, mit Nebelkerzen garniert die fiesen Fossilis länger ihr BWL-profitables Unwesen treiben zu lassen?



    Bleibt dran.

  • FtznFrtz

    Die Grundidee Reiches ist zunächst nicht falsch. Es muss nach einer Übergangszeit immer das Ziel sein, ohne staatliche Subventionen eine Technologie zu betreiben.



    Ob der Ausstieg so schnell sein muss ist die andere Frage. Trotz steigendem Anteil ist der Anteil der Erneuerbaren immer noch nicht hoch genug, der Ausbau muss massiv voranschreiten, wenn man die fossilen Energieträger so schnell und so weitgehend wie möglich überflüssig machen will.

  • UliFr

    Warum Förderung, wenn Wind- und Solaranlagen doch so günstigen Strom produzieren?

    • Jörg Schubert

      @UliFr:

      Das ist eine gute Frage. Gilt übrigens auch für E-Autos. Die Alternative wäre ein "barrierefreier" Marktzugang. Wenn der geschaffen wird, braucht es keine Förderung mehr.