Bei den Regionalwahlen auf Sizilien gewinnt Linkskandidat Rosario Crocetta. Der wahre Sieger ist die Protestliste „Fünf-Sterne-Bewegung“ des Komikers Grillo.von Michael Braun

Überraschender Wahlsieger: Rosario Crocetta ist der erste linke Regionalpräsident Siziliens seit 1945 Bild: dapd
ROM taz | Die Berlusconi-Rechte ist dezimiert, der Regionalpräsident erstmals seit 1945 ein Linker, die Protestliste des „Movimento 5 Stelle“ (M5S – „Fünf-Sterne-Bewegung“) auf dem anscheinend unaufhaltsamen Vormarsch: Dies ist das Resultat der Regionalwahlen auf Sizilien, die einem in ganz Italien ausstrahlenden politischen Erdbeben gleichkommen.
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Die Wahlen vom Sonntag, deren Ergebnisse erst am Montag Abend vorlagen, waren nötig geworden, weil der 2008 gewählte bisherige Gouverneur Raffaele Lombardo seinen Rücktritt eingereicht hatte, nachdem die Staatsanwaltschaft Palermo ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Unterstützung der Mafia eingeleitet hatte. Vor vier Jahren hatte Lombardo an der Spitze eines breiten Rechtsbündnisses 65 Prozent der Stimmen gewonnen; stärkste Kraft in seiner Koalition war die Berlusconi-Partei Popolo della Libertà (PdL – „Volk der Freiheit“), die auf 33 Prozent der Stimmen gekommen war.
Am Sonntag dagegen erlebte das Berlusconi-Lager den völligen Absturz. Sein Direktkandidat für das Amt des Gouverneurs erreichte nur 25 Prozent; die Parteiliste des PdL, über die die Regionalabgeordneten gewählt werden, blieb bei 13 Prozent hängen.
Wahlsieger wurde der Linkskandidat Rosario Crocetta, auch wenn er nur 30,5 Prozent der Stimmen bekam. Crocetta ist heute Mitglied der gemäßigt linken Partito Democratico und seit 2009 im Europaparlament. Er hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er schwul ist. Dies schadete dem 61-Jährigen jetzt ebenso wenig wie die Tatsache, dass er als Bürgermeister der sizilianischen Stadt Gela in den Jahren 2003-2009 entschlossen die Mafia bekämpfte. Doch Crocetta tritt mit dem Handicap an, dass seine Koalition nur über 39 der 90 Sitze im Regionalparlament verfügen wird.
Denn ein wirklicher Linksrutsch ist bei den Wahlen ausgeblieben. Das Mitte-Rechts-Lager, im Jahr 2008 noch geeint, verlor vor allem, weil es diesmal zersplittert antrat. Nicht zuletzt aber blieben die Wähler in Scharen zu Hause oder votierten für den Anti-Parteien-Protest. Die Beteiligung am Urnengang ging von 66 Prozent (2008) auf jetzt 47 Prozent zurück. Italiens Wahlforscher sind sich einig, dass die tiefe Unzufriedenheit mit allen traditionellen Parteien hinter der Enthaltung steht. Die gilt auch für die Mafia: In Palermos größtem Gefängnis tendierte die Wahlbeteiligung gegen Null.
Zum wahren Triumph wurde die Abstimmung allein für die von dem Komiker Beppe Grillo ins Leben gerufene Protestliste „Movimento 5 Stelle“. Vor vier Jahren hatte sie gerade einmal 2 Prozent erreicht – jetzt gewann ihr Direktkandidat für den Gouverneursposten 18 Prozent, die Parteiliste 14,7 Prozent. Das Ergebnis gilt als umso sensationeller, weil die Anti-Parteien-Bewegung in Sizilien eher schwach organisiert war.
Wie immer in ihren Wahlkampagnen traten die M5S-Kandidaten in keiner einzigen TV-Talkshow auf. Stattdessen führten sie einen traditionellen Wahlkampf mit zahlreichen Platzkundgebungen und diversen PR-Gags ihres Frontmannes Grillo, der zur Eröffnung der Kampagne die Sizilien vom italienischen Festland trennende Straße von Messina durchschwamm und dann auch noch, „auf den Spuren von Pythagoras“, den Ätna bestieg.
Koalitionen mit Crocetta schließt M5S absolut aus; denkbar sei einzig eine punktuelle Unterstützung bei „vernünftigen Vorhaben“. Crocetta wird deshalb wohl eine Minderheitsregierung bilden müssen – ein Symptom für die instabilen Verhältnisse, die auch Italiens Parlament nach dem in spätestens sechs Monaten anstehenden nationalen Wahlen kennzeichnen könnten.
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