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Rote Hilfe über ihre Arbeit„Polizisten fühlen sich ja sehr schnell beleidigt“

Nach der Aufregung um Elif Eralps frühere Mitgliedschaft verzeichnet die Rote Hilfe einen Mitgliederrekord. Ein Vorstandsmitglied erklärt die Arbeit des Vereins.

Pascal Maier

Interview von

Pascal Maier

taz: Herr Brückner, bei der Roten Hilfe waren und sind bürgerliche Lin­ken­po­li­ti­ke­r:in­nen wie Elif Eralp und Sören Pellmann Mitglied. Haben Sie inzwischen Angst, Ihre Credibility als „linksradikaler“ Verein zu verlieren?

Hartmut Brückner: Nein, wir haben Mitglieder aus ganz verschiedenen Bereichen und das ist auch gut so. Bei uns sind auch relativ viele Sozialdemokraten, Leute aus der Grünen Jugend oder Umweltverbänden mit dabei. Selbst Staatsanwälte und Richter machen bei uns mit – insofern mache ich mir um unsere Credibility keine Sorgen mehr. (lacht)

Im Interview: Hartmut Brückner

ist seit September 2025 im Bundesvorstand der Roten Hilfe und dort für die Pressearbeit zuständig. Der 67-Jährige ist Tischlermeister und inzwischen in Rente.

taz: Wie viele Leute sind nach der Debatte um Elif Eralps ehemalige Mitgliedschaft noch dazugekommen?

Brückner: Es sind in kürzester Zeit mindestens 500 Menschen beigetreten, sodass wir jetzt in etwa 21.000 Mitglieder haben. Genau können wir das gar nicht sagen, weil wir auf diesen Ansturm nicht vorbereitet waren und immer noch dabei sind, die Beitrittsformulare abzuarbeiten.

taz: Finanzieren Sie sich rein über Ihre Mitglieder?

Brückner: Fast nur: Es gibt ab und zu auch Spenden in kleinerem Umfang, aber das ist im Vergleich zu den Beiträgen unbedeutend.

taz: Sie unterstützen linke Aktivisten, die in Ihren Augen politisch verfolgt werden, mit Geld und indem Sie auf diese Fälle aufmerksam machen. Wie entscheiden Sie, wen Sie unterstützen und wen nicht?

Brückner: Grundsätzlich halten wir gemäß unserer Satzung alle linken Aktivitäten für unterstützenswert. Der Bundesvorstand entscheidet, ob die Voraussetzungen dafür im Einzelfall gegeben sind. Wir sind aber ein sehr heterogener Verein mit verschiedenen Meinungen, deswegen gibt es immer wieder auch Streitpunkte. Gerade wenn es um grenzwertige Beleidigungen geht: Sexistische, rassistische oder antisemitische Bemerkungen sind mindestens ein Grund dafür, die Mittel zu kürzen oder ganz abzulehnen.

taz: Was sind die häufigsten Vorwürfe gegen die Menschen, die sie unterstützen?

Brückner: Das ist sehr breit gefächert. Die Leute, die Anträge stellen, kommen aus der Klimagerechtigkeitsbewegung, aus der antifaschistischen Bewegung oder aus Gewerkschaften – also aus sehr unterschiedlichen Ecken. Meistens geht es um Auseinandersetzungen auf Demonstrationen. Die Aktivisten werden beschuldigt, Widerstand gegen Polizisten geleistet oder sie beleidigt zu haben. Polizisten fühlen sich ja sehr schnell beleidigt.

taz: Warum lassen Sie Beschuldigte, die sich für Ihre Taten entschuldigen oder mit dem Staat kooperieren, fallen?

Brückner: Wir lassen in der Regel keine Beschuldigten fallen, aber kürzen zum Beispiel Mittel. Wir sehen Distanzierungen nicht gerne, weil es meistens dazu führt, dass Mitangeklagte im Regen stehen gelassen werden. Wir sind ein Solidaritätsverein und erwarten, dass sich Angeklagte so verhalten, dass niemand anderes reingeritten wird.

taz: Sie solidarisieren sich auch mit Ge­walt­tä­te­r:in­nen wie Lina E. oder Daniela Klette, die mutmaßlich Teil der RAF war. Rechtfertigt das politische Motiv jede Tat?

Brückner: Nein, sicherlich nicht, darum kann es aber auch nicht gehen. Wir haben uns als Rote Hilfe dazu entschieden – über die Grenzen der genannten politischen Kriterien hinaus –, keine Tatvorwürfe zu bewerten. Weil wir sonst sehr schnell in die Rolle eines Schiedsrichters kommen, was wir nicht sind und nicht sein können. Ak­ti­vis­t:in­nen müssen selbst entscheiden, was für sie richtig und was für sie falsch ist.

Wir nehmen den Verfassungsschutz nicht als ernstzunehmende Institution wahr

Hartmut Brückner, Rote Hilfe

taz: Es gibt Pflichtverteidiger, trotzdem solidarisieren Sie sich bewusst mit Menschen wie Lina E. – die wegen gefährlicher Körperverletzung gegen Rechtsextreme verurteilt wurde.

Brückner: Eine Gegenwehr gegen faschistische Horden, nicht nur im Osten, ist an sich eine sehr notwendige Sache und würden wir eher als Notwehr interpretieren. Über die Mittel kann man sich immer streiten. Eine Pflichtverteidigung kann in solchen Fällen überhaupt nicht ausreichen.

taz: Der Verfassungsschutz beobachtet Sie und bezeichnet Sie als „die größte und eine der wichtigsten Gruppierungen im deutschen Linksextremismus“. Teilen Sie die Einschätzung?

Brückner: Was soll man dazu sagen. Wir nehmen den Verfassungsschutz nicht als ernstzunehmende Institution wahr, die in einem neutralen Sinne agiert. Die Behörde ist seit ihrer Gründung von nationalsozialistischer Geisteshaltung umweht. Die Erwähnung im Verfassungsschutzbericht können wir aber wahrscheinlich nicht anfechten.

taz: Nehmen Sie die Einschätzung des Verfassungsschutzes bezüglich der AfD genauso wenig ernst?

Brückner: Ja, das nehme ich persönlich ähnlich wenig ernst. Wir sind aber eine heterogene Organisation, manche Mitglieder werden dazu eine andere Meinung haben.

taz: Ihr Vorgänger sagte vor zwei Jahren in der taz, er habe den Eindruck, dass die Rote Hilfe im linksliberalen Spektrum immer mehr an Akzeptanz gewinne. Stimmt dieser Eindruck nach den jüngsten Debatten noch?

Brückner: Das gesamte politische Klima hat sich nach rechts verschoben, wenn sogar eine sozialdemokratische Partei wie die Linke dermaßen angegriffen wird. Wir als Rote Hilfe sind natürlich auf der linken Seite des politischen Spektrums zu verorten. Die vielen neuen Mitglieder signalisieren, dass wir weit über eine kleine linksradikale Klientel hinaus akzeptiert werden.

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8 Kommentare

  • ja wirklich?

    "Wir sehen Distanzierungen nicht gerne, weil es meistens dazu führt, dass Mitangeklagte im Regen stehen gelassen werden. Wir sind ein Solidaritätsverein und erwarten, dass sich Angeklagte so verhalten, dass niemand anderes reingeritten wird.", so Brückner. Die Ganovenehre hochzuhalten und Menshcen, die ja individuell angeklagt und verurteilt werden, zu sanktionieren, wenn sie individuell ihre Aussage machen - krass. Gemeinsam kriminelle Taten zu begehen, ist ja kein Bund für's Leben. Da wirkt schon einiges im Weltbild des Interviewpartners merkwürdig, nicht nur die Bezeichnung der Linke als sozialdemokratisch.

    • TheBox

      @ja wirklich?:

      Es geht ja noch weiter. Der Verein bricht die Unterstützung bei jeder Kooperation der Angeklagten mit dem Staat, speziell der Anklage, ab. Selbst wenn es nur darum geht, sich selbst zu entlasten, ohne dass dabei ein Schatten auf andere fällt. Und dieser Abbruch der Unterstützung wird breit in der Szene publiziert und damit der/die Angeklagte angeschwärzt.

  • Šarru-kīnu

    Polizisten fühlen sich ja sehr schnell beleidigt aber auf der anderen Seite selbst gern über Mikroagressionen parlieren. Sich beleidigt fühlen ist doch heute Volkssport im politischen Diskurs.

  • Chris McZott

    "Das gesamte politische Klima hat sich nach rechts verschoben, wenn sogar eine sozialdemokratische Partei wie die Linke dermaßen angegriffen wird. "

    Das wirkt unfreiwillig komisch...

    • Aurego

      @Chris McZott:

      Glauben Sie etwa nicht, dass sich das politische Klima nach rechts verschoben hat und dass die Linke heute Positionen vertritt, die man in früheren Jahren auch bei der SPD gefunden hätte?

  • Dobro

    Der Mitgliederrekord ist ein nicer Nebeneffekt.



    Er gibt nur Eralf nicht recht, spricht aus der Sicht der Gegner eher noch deutlich mehr für die Notwendigkeit, Partei und Personen von den Institutionen fernzuhalten.



    Aus meiner Sicht: beide von der Polizei und dem Verfassungsschutz fernzuhalten.

  • Mr. Hello

    Indem man sich für Taten (also hier Fehlverhalten) entschuldigt, mit dem Staat kooperiert, und sich distanziert (weil man ggf. erkannt hat, dass es falsch war und nichts mehr mit der Tat/den Menschen zu tun haben möchte) reitet man andere in etwas hinein? Wow. Macht einen schon sprachlos.

    Bzgl. Lina E: Nein, proaktive, schwere Gewaltanwendung ist keine Notwehr. Man muss über die Mittel auch nicht streiten: wer Gewalt anwendet in Fällen, in denen er/sie nicht körperl. angegriffen wurde, befindet sich weit außerhalb des demokr. Spektrums.

    Wenn man sich das alles durchliest, dann passt die Einordnung des Verfassungsschutzes glaube ich ganz gut.

    • ja wirklich?

      @Mr. Hello:

      Jap.