Der serbische Regierungschef hört auf die orthodoxe Kirche und „scheißt auf die EU“. Eine Schwulenparade wird „aus Sicherheitsgründen“ verboten.von Andrej Ivanji

2010: Die erste und bisher einzige Schwulen-Parade in Belgrad. Bild: dpa
BELGRAD taz | Nervös wirkt dieser Tage Serbiens Regierungschef und Innenminister Ivica Dacic. Die Staatskasse ist leer, die Inflation steigt, der soziale Unmut wächst, die serbische Kosovopolitik scheint aussichtslos und der EU-Beitritt weiter entfernt zu sein als vor einem Jahrzehnt.
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Und dann noch jeden Herbst diese lästige Schwulenparade. Da geht es um Menschenrechte, mahnen Brüssel und Washington, um grundlegende Freiheiten, für die ein EU-Beitrittskandidat stehen sollte. Gleichzeitig forderte der Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche Irinej explizit vom Premier, die „tragikomische Parade der Scham“ zu verbieten. Und Rechtsextremisten drohten den Schwulen: „Wir warten auf euch.“
Da platzte Dacic der Kragen. „Lasst mich doch endlich in Ruhe mit diesen Geschichten über Menschenrechte. Was für Menschenrechte, hier geht es um die Sicherheit der Menschen“, sagte er vor laufenden TV-Kameras und fügte hinzu: „Scheiß auf die EU, wenn die Gay-Parade die Eintrittskarte ist“. Darauf untersagte das Innenministerium „aus Sicherheitsgründen“ die für Samstag geplante Schwulenparade.
Europäische Politiker äußerten ihre „Entrüstung“, manche sprachen von einer „politischen Entscheidung“. „Es sei besser, dass sie mich kritisieren, weil ich die Schwulenparade verboten habe, als dass sie uns ein einziges Menschenleben gekostet hätte“, erwiderte Dacic.
Während eine Großzahl serbischer Bürger die Entscheidung des Premiers und Polizeichefs begrüßt, kritisieren Menschenrechtler, dass die Staatsmacht wieder einmal „vor Hooligans und rechtsradikalen Gruppen“ zurückgewichen sei.
Nur im Jahr 2010 machte der Staat eine Ausnahme, ließ die Schwulenparade zu und war entschlossen, das eigene Gesetz über Menschenrechte, sexuelle und Meinungsfreiheiten durchzusetzen.
Die rechtsradikale Szene zeigte unterstützt von der Kirche ihre Stärke: Belgrad sah wie ein Schlachtfeld aus mit brennenden Autos und demolierten Schaufenstern, über einhundert Polizisten und Dutzende Hooligans wurden verletzt. Obwohl extremistische Gruppen längst identifiziert worden sind, hat sich seitdem nichts getan.
Selbst liberale serbische Politiker meinen achselzuckend, dass die serbische Gesellschaft „einfach noch nicht reif für die Schwulenparade“ sei. Bürgerliche Gruppen warnen, Serbien sei dann auch nicht „reif für die EU“.
Der Aktivist der Schwulenparade, Boban Stojanovic, forderte von Regierungschef Dacic, den Patriarchen „daran zu hindern, Menschrechte zu verletzen und Homophobie zu propagieren“. Dennoch feierten die Schwulen einen kleinen Sieg. Im Zentrum für Kulturelle Dekontaminierung fand trotz heftiger Proteste des Patriarchen im Rahmen der „Pride-Woche“ am Mittwoch die Fotoausstellung „Ecce Homo“ der schwedischen Künstlerin Elisabeth Ohlson Wallin statt.
Auf den Fotos ist Jesus mit HIV-Kranken, Schwulen und Transvestiten zu sehen. Belgrad war die erste osteuropäische Stadt, in der diese Ausstellung gezeigt wurde. Der Einsatz von 2.000 Polizisten in Kampfausrüstung war dazu notwendig. Nur wenige Besucher wagten hinzugehen.
Ein Mann mit Rückgrat, der serbische Innenminister, Hut ab! Viele Politiker ziehen ja den Weg des geringsten Widerstandes v ...
Was für eine Doppel-Moral hier verbreitet wird!! Ich bin Hetero und habe nichts gegen homosexuelle Menschen, frage mich abe ...
Serbien sollte lieber zusammen mit der Türkei und der Ukraine eine Mitgliedschaft in der Eurasischen Union Putins anstreben ...
Am Samstag finden sich mehrere Hundert Neonazis zu einem Konzert in Ostbrandenburg zusammen. Es gibt Proteste von Anwohnern. von Plutonia Plarre

David Beckham beendet seine Fußballer-Karriere. Wird er jetzt etwa Vollzeitpapa, Model oder Frührentner? Ach, uns fallen da noch ein paar andere Sachen ein...

Ein echt fieser Augapfel, ein Harley-Davidson-Skelett, Buddha hat Geburtstag und jede Menge Quallen. Unsere Bilder der Woche.

14 Jahre war Thomas Schaaf Trainer bei Werder Bremen – genug Zeit, seinen trockenen Humor in vielen Interviewantworten unter Beweis zu stellen.

Am Samstag ist es wieder so weit: Im schwedischen Malmö kämpfen 39 Länder um den ersten Platz beim ESC. Wir wissen, auf welche Teilnehmer Sie besonders achten können.

Für alle, die mitreden wollen
Der lange Abschied vom Wachstum, Kriminalität ohne Grenzen, der Kampf um die richtige Landwirtschaft, Sozialpolitik gegen den sozialen Fortschritt, die überfällige Reform der UN: Der neue Atlas der Globalisierung von Le Monde diplomatique veranschaulicht auf 176 Seiten und in über 150 neuen Karten und Infografiken in welchem Tempo die Globalisierung voranschreitet und die Welt verändert.