Spektakulärer Einbruch

Volksbank getunnelt

Durch einen 30-Meter-Tunnel graben sich Einbrecher zum Tresor einer Steglitzer Bank. Sie räumen Schließfächer aus und verschwinden spurlos.

Ausgeräumt: die Volksbank in Steglitz.   Bild: dpa

Bei der Kripo hatte man immer geglaubt, der legendäre Überfall auf die Commerzbank Schlachtensee sei nicht zu toppen. „Das war mindestens ein Jahrhundertfall“, so die Einschätzung des damaligen Chefermittlers Arnold Fischer, der die Tunnelgangster von 1995 gejagt hatte. „Logistik, Planung und Tatausführung waren schon genial.“

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Aber die Polizei wurde jetzt eines Besseren belehrt. In der Nacht zu Montag sind Unbekannte in Steglitz über einen Tunnel in eine Filiale der Volksbank eingedrungen. Weit über 100 Schließfächer wurden ausgeraubt. Von Tätern und Beute fehlt jede Spur.

Entdeckt wurde der Einbruch am Montagmorgen von der Feuerwehr. Ein Anwohner hatte um 6.15 Uhr das Löschkommando benachrichtigt, weil aus einer Tiefgarage in der Wrangelstraße Qualm kam. Dort wurde dann der Eingang zu dem etwa 30 Meter langen Tunnel entdeckt. Polizeisprecher Thomas Neuendorf zufolge wurde der Brand vermutlich vorsätzlich gelegt, um Spuren zu verwischen. „Wir müssen uns erst mal einen Überblick verschaffen und stehen mit den Ermittlungen ganz am Anfang“, so Neuendorf am Montagnachmittag. Der Tunnel sei unter einem Parkplatz und einer Grünanlage zu dem frei stehenden Gebäude der Volksbank gegraben worden. „Die Arbeiten müssen Monate gedauert haben“, sagte der Polizeisprecher.

Der Tatort an der Wrangel- Ecke Schlossstraße war am Montag weiträumig abgesperrt. Der Gang sei nicht einsturzgefährdet, so Neuendorf. „Das ist keine dilettantische Schnellbauweise.“ Mehr dazu war nicht in Erfahrung zu bringen. Denkbar ist, dass das Erdreich mit Brettern abgestützt wurde. Auch der Durchmesser des Tunnels ist bisher nicht bekannt.

Auch im Tresorraum der Bank, wo sich der Tunnelausgang befindet, hätten die Täter mit einem Brandbeschleuniger, Papier und Gerümpel ein Feuer entzündet. Dennoch sei man optimistisch, Verwertbares zu finden. „DNA- und Fingerabdruckspuren halten Qualm aus“, betont Neuendorf. Mit der kriminalistischen Feinarbeit zur Spurensicherung könne erst begonnen werden, wenn sich der Qualm in dem Gang verzogen habe.

Die Löcher durch die Betonwände von Tiefgarage und Bank seien gestemmt oder gebohrt worden. Die große Frage ist, wie die Täter die Erde aus dem Tunnel abtransportieren konnten. Der Tunneleingang befindet sich in der Wand hinter einem mit einem Rolltor abgetrennten einzelnen Autostellplatz. Die Grabearbeiten erfolgten somit im Verborgen. Geklärt werden soll nun, wer der Mieter des abgetrennten Garagenteils ist und ob es Zeugen gibt, die Merkwürdiges gehört oder gesehen haben.

Unklar ist laut Neuendorf auch die Höhe der Beute aus den Schließfächern. Einige aufgeregte Bankkunden hätten sich am Montag am Tatort zwar eingefunden, aber es bestehe keine Verpflichtung, gegenüber der Bank anzugeben, was man in seinem Schließfach deponiert.

Die Parallelen zu dem spektakulärsten Bankraub in der deutschen Kriminalgeschichte sind unverkennbar. Am 27. Juni 1995 hatten Maskierte die Commerzbank Schlachtensee gestürmt. Sie nahmen 16 Kunden und Angestellte als Geiseln und forderten 17 Millionen Mark Lösegeld, einen Hubschrauber und einen Fluchtwagen. Unbemerkt von der Kripo, entkamen die Bankräuber durch einen zuvor gegrabenen Tunnel. Selten hat sich die Polizei so blamiert.

Letztendlich wurden aber alle Täter gefasst und verurteilt. Kriminalhauptkommissar Arnold Fischer, der damals die Sonderkommission Coba (Commerzbank) leitete, hat seine Genugtuung in einem Gespräch mit der taz im Jahr 2005 so auf den Punkt gebracht: „Die hochintelligenten Täter waren super, aber wir waren noch besser. Und wir haben einen Beitrag zur Wiederherstellung des Ansehens der Berliner Polizei geleistet, über die so viel Häme ausgegossen worden ist.“

Wände und Decken des 190 Meter langen Tunnels waren seinerzeit mit Holzbohlen abgestützt worden. Die Bauarbeiten hatten über ein Jahr gedauert. Auch was die Beute aus den Schließfächern betrifft, gibt es Ähnlichkeiten mit dem aktuellen Fall. Arnold Fischer formulierte es so: „Die Schlachtenseer Bürger haben natürlich keine Auskunft darüber gegeben, was sie dort gelagert hatten.“ 200 Fächer wurden damals komplett ausgeräumt.

 

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