Straßentheaterstück „Wir waren nie weg“

Pokern mit enttarnten V-Männern

Zwischen NSU und Oktoberfest-Attentat: Die Regisseurin Christiane Mudra erkundet in München Orte rechtsextremer Gewalt.

Schauspieler mit Ku-Klux-Klan-Hauben

Mit Ku-Klux-Klan-Hauben: Szene aus dem Straßentheaterstück „Wir waren nie weg“. Foto: Edward Beierle

Was will der Mann in Springerstiefeln? Einen schwarzen Hut tief ins Gesicht gezogen und im wehender Mantel, streift er wie ein Cowboy die Straße entlang, studiert einen Stadtplan von München, befragt Passanten. Ich stehe vor der Trappentreustraße 4, München-Westend. Hier wurde Theodor Boulgarides erschossen, das siebte Opfer des NSU. Und vorher ausspioniert. „Es gibt keine Netzwerke und es gibt ihn nicht, er ist eine Fata Morgana. Kapiert?“, schreit mich der Verfolger des ersten Mannes an, mit Hut und Reitstiefeln auffallend gekleidet. Das hier ist Straßentheater und politische Erinnerung.

Der Schauspieler wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht und winkt mich um die Ecke. 50er-Jahre Bau, Landsberger Straße 103, links Dirndlladen, rechts Asiaimbiss, vorbeirasende Autos, Asphaltwüste. „Hier lebte 2003 die WG des Rechtsterroristen Martin Wiese, Nazigröße, Freies Netz Süd, kürzlich erst verboten. Sagt Ihnen das was?“ Meine Antwort wartet er nicht ab. „Einzeltäter, Einzeltäter, Einzeltäter“, brüllt er und marschiert davon. An einem Zeitungskasten bleibt er stehen, zieht eine Akte heraus. „Es gab Videoaufzeichnungen“. Er hält mir ein körniges Bild von Mundlos und Böhnhardt hin: „Hätten die das Video 2004 mal richtig ausgewertet.“

Wir müssen weiter und springen in die Straßenbahn, zwei Stationen. Vor uns liegt die Wiesn. Bierzelte werden aufgebaut, Marstall, Schottenhammel, Bräurosl. Heile Münchner Gemütlichkeit. Bis es 1980 damit vorbei war. Neben dem Eingang rostet seitdem ein Denkmal für die Opfer des Oktoberfestattentats vor sich hin. Platzer, Schiele, Vestner, zwölf Namen. Das beachtet sonst niemand, aber heute ist es anders.

Denn genau das ist das Verdienst des Stücks „Wir waren nie weg“ der Regisseurin Christiane Mudra: Zeitgeschichte an realen Orten zum Leben zu erwecken und den Zuschauer so tiefer zu berühren, als es ein Medienbericht oder ein Buch können. Mudra hat für den Text aufwändig recherchiert. Das Ergebnis ist eine Collage aus Zitaten aus dem NSU-Prozess und Untersuchungsausschüssen, Veröffentlichungen von Staats- und Verfassungsschützern und Auszügen aus rechtsextremen Propagandaschriften und Fanzines.

Bavarian Law and Order

Ein Bote drückt mir eine Zeitung in die Hand. „Gundolf Köhler, Anhänger der Wehrsportgruppe Hoffmann: Einzeltäter oder Massenmörder?“ Schon beschwichtigt der Sheriff. Dickes Grinsen, Stoppelbart, Sonnenbrille, Cowboystiefel – Bavarian Law and Order. „Die Darstellung, der bayerische Innenminister habe ein Verbot der Wehrsportgruppe Hoffmann nicht gewollt, ist völlig unzutreffend“, parodiert er Strippenzieher Langemann, zentrale Figur im bayerischen Machtzentrum zur Zeit des Anschlags.

Ein Flugblatt wird mir in die Hand gedrückt: Die Bundesanwaltschaft hat im Dezember 2014 die Ermittlungen wieder aufgenommen. Da war Langemann schon zehn Jahre tot.Ich habe keine Zeit zum Lesen, sondern muss den schwarzen Männern hinterher, die sich auf dunkle Fahrräder schwingen. Zwei Radfahrer, wie sie eine Zeugin nach dem Mord an Ismail Yașar 2005 in Nürnberg in der Nähe seines Dönerladens sah. Lange glaubte ihr keiner. Und wieder schwäbelt der Sheriff alle Untersuchungspannen weg: allenfalls „Verschwörungstheorien, Hirngespinste.“ Und schiebt die fatale Fehleinschätzung des Verfassungsschutzes von 2004 hinterher: Feierabendterorristen allenfalls, aber keine rechtsterroristischen Strukturen.

Sheriff schwadroniert sich in Rage

Weiter geht die Tour zu Fuß. Eintritt in eine Ladenwohnung in der Herzog-Heinrich-Straße. „Hereinspaziert“, kreischt eine dekolletierte Wirtin im breiten Bayerisch. Eine Holztheke und ein Tisch mit vier Stühlen. Die Thekenfrau ledert los: „Der Ewald hat mich manchmal mit ins P1 genommen.“ Wir sitzen in dem Raum, in dem Ewald Althans, berüchtigter Rechtsextremist, Anfang der 1990er-Jahre zwei Jahre lang mit der neonazistischen AVÖ, Amt für Volksaufklärung und Öffentlichkeitsarbeit, hetzte und Personen wie den Nazi Ernst Zündel und den Holocaust-Leugner David Irving um sich scharte.

Eine Frau legt am Tisch ein Pokerspiel. Auf jeder Karte ein enttarnter NSU-V-Mann: Treppe, Tobago, Tassilo, Küche, Tristan. „Staatsmacht, Staatssicherheit, Sssstswohl ...“, schwadroniert sich der Sheriff in Strauß-Stoiber’scher Manier in Rage: „Dieser Staatswohlgedanke führt dazu, dass die Preisgabe von Namen verweigert wird.“ Die Kartenspielfrau beginnt zu singen, auf türkisch. Es ist die Melodie der deutschen Nationalhymne.

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