Streitgespräch über Gentrifizierung

„Wir werden überschwemmt“

Sind Hipster einfach nur gedankenlose Konsumenten oder sind sie politisch? Ein Barbesitzer aus Berlin-Neukölln und ein Mitglied der „Hipster Antifa“ streiten sich.

In die Jahre gekommenes Symbol der Gentrifizierung: Latte Macchiato.  Bild: photocase / Cattari Pons

taz: Matthias Merkle, die Hipster Antifa Neukölln fordert mehr Aufwertung, mehr Soja-Latte und mehr Bio-Märkte. Einverstanden?

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Matthias Merkle: Damit kann ich schlicht nichts anfangen. Es wird so viele Soja-Latte und Bio-Märkte geben, wie die Leute so was wollen. Ich weiß aber nicht, warum ich das fordern sollte.

Jannek Korsky: Das ist natürlich eine Provokation. Selbstverständlich sind wir nicht für Gentrifizierung oder die Shareholder, die in Berlin Kohle scheffeln wollen. Aber wir wollen einen anderen Umgang mit dieser Thematik, weg von den austauschbaren Feindbildern: der Hipster, der Touri, der Schwabe. Es hat sich ja leider als Common Sense etabliert, dass der Zuzug dieser Leute der Grund für die Aufwertung ist. Dabei weiß niemand, was der Hipster damit zu tun hat, noch was er eigentlich ist.

Sind Sie denn Hipster?

Korsky: Eher nein. Wir haben in unserer Gruppe alle einen linken Background, aber das ist eigentlich auch egal. Wenn ein Diskurs aus dem Ruder läuft, hat jeder das Recht, diesen in eine vernünftige Richtung zu lenken. Wir versuchen da ganz gezielt auch das subkulturelle, linke Milieu aus der Reserve zu locken. Wer Teerfarbe gegen Bar-Fenster schmeißt, senkt die Mieten nicht. Auf lange Sicht schreckt das niemanden ab.

Matthias Merkle, Sie haben vor einiger Zeit in einem Internetvideo über die Aufwertung Neuköllns geschimpft, über die „fucking students und artists“. Ist das die richtige Gentrifizierungskritik?

In Berlin stiegen in der Innenstadt die Mieten in den letzten Jahren beständig. Als In-Bezirk gilt vor allem der einstige Krawallort Neukölln, hier stiegen die angebotenen Mieten in den letzten vier Jahren um 23 Prozent. Besonders Studenten und Künstler zieht es in den Bezirk. In Nordneukölln lebt die Hälfte der Bewohner erst seit fünf Jahren oder weniger vor Ort.

Diskutiert wird nun, wie Touristen und "Hipster" Investoren anlocken und zu steigenden Mieten beitragen - nicht ohne fremdenfeindliche Ressentiments, wie zuletzt linke Gruppen kritisierten, so die eigens gegründete "Hipster Antifa Neukölln". (ko)

 

Jannek Korsky, 30 Jahre, Sozialarbeiter, eines von drei Mitgliedern der „Hipster Antifa Neukölln“, die sich Ende Mai gründete. Heißt eigentlich anders – wegen Anfeindungen gegen die Gruppe mag er aber weder seinen richtigen Namen noch ein Foto veröffentlicht sehen.

 

Matthias Merkle, 42 Jahre, seit Anfang der 1990er Jahre Berliner, betreibt seit sieben Jahren die Kneipe Freies Neukölln im Norden des gleichnamigen Bezirks.

Merkle: Das war natürlich auch eine Provokation, aber die Ironie hat keiner verstanden. Hätte ich gewusst, was danach für eine Welle an Touri-Bashing losgeht, hätte ich das Video so nicht gemacht.

Bei Ihnen gibt’s bis heute keinen Latte macchiato.

Merkle: Das hat mit dieser Debatte nichts zu tun. Wir machen den Laden, den wir wollen, und wir mochten einfach noch nie Kaffee im Glas. Punkt. Es ist aber irgendwann zum Running Gag geworden zu zählen, wie oft wir danach gefragt wurden. In den ersten zwei Jahren nie, dann plötzlich 80 Mal am Tag.

Korsky: Die Frage ist doch, warum bestimmte Lebensstile politisches Engagement ausschließen sollen? Wieso kann ich nicht mit MacBook und Soja-Latte in Mitte rumsitzen und mich trotzdem strukturellen Fragen widmen und Kommunist sein?

Matthias Merkle, haben Sie den Eindruck, dass Ihre Gäste hinterm MacBook am Kommunismus basteln?

Merkle: Jeder hangelt sich so durch in dieser Welt, in der man eh nichts mehr richtig machen kann, in der die Soja-Herstellung genauso scheiße ist wie Kuhmilch. Ich nehme grundsätzlich Leute ernst, die irgendeinen Weg daraus suchen. Das tun auch welche mit MacBook.

Bei Ihnen in der Straße pappte sich ein Laden ein Schild an die Tür: „No Entry for US Hipsters.“

Merkle: Das ist natürlich Schwachsinn. Die ganze Debatte krankt daran, dass sie völlig ohne Komplexität geführt wird. Ich bin nicht gegen Touristen, auch nicht gegen Wandel. Es sollen alle kommen, ich finde Berlin ja auch cool. Aber wenn ich benenne, dass wir wochenends hier leiden, weil wir in den Reiseführern stehen und derart überschwemmt werden, dass unsere Stammgäste keinen Platz mehr finden, dann sage ich doch noch lange nicht, wer in diese Stadt darf und wer raus soll. Früher waren wir mal ein wichtiger Kiez-Treff, alle kannten sich am Tresen. Seit anderthalb Jahren haben wir eine völlig andere Publikumsstruktur. Das finde ich traurig, weil ich den Laden vorher mehr mochte.

Muss man bedauern, dass sich Neukölln verändert?

Korsky: Nein. Neukölln war immer auch geprägt von Armut und Elend. Da ist schon die Frage, wie erhaltenswert das ist. Natürlich kann man verstehen, wenn Leute sagen, durch den Massentourismus fühlten sie sich wie im Zoo. Wo aber kommt die Berechtigung her, für sich ein Biotop zu fordern? Ich glaube, da wird vieles idealisiert. Früher war man als Hausbesetzer Avantgarde, heute ist es der Hipster. Das nervt den Hausbesetzer natürlich.

Matthias Merkle, Sie waren Pionier in Nordneukölln. Geht’s Ihnen einfach darum, Avantgarde zu bleiben?

Merkle: Das halte ich jetzt für vereinfacht. Natürlich habe ich diesen Laden vor sieben Jahren aufgemacht, weil ich gesehen habe, dass es so was hier noch nicht gibt. Weil ich es schön hier fand und weil ich keinen Bock hatte, für ein Bier immer über den Kanal nach Kreuzberg zu müssen. Was jetzt aber passiert, ist eine politisch gewollte Beschleunigung, die mich ankotzt. Dieser ganze Quartiersmanagement- und Berlin PR-Scheiß. Da gibt es unglaubliche Steuerersparnisse für irgendwelche Anzugsjungs, die hierher kommen, nur um in Häuser zu investieren. Und das Geld soll nicht mehr in einer Generation wieder drin sein, sondern in fünf Jahren. Das ist ein künstlich erzeugter Wandel, darunter ächzt die Stadt.

Ein Wandel, den Sie mit angestoßen haben.

Merkle: Ja, das ist das Dilemma. Wir stecken alle drin in diesem Prozess, wirklich alle. Wenn ich „Gentrify this“ an einen Rollladen sprühe, dann erzeuge ich ein Stück Streetart. Wenn ich beim Trödler was Überteuertes einkaufe, wenn ich hier eine Wohnung beziehe, oder ein Bier trinke, dann bin ich Teil des Prozesses. Aber wenn man sich dessen bewusst ist, wäre schon viel geholfen. Dann fange ich nämlich an, mich anders zu benehmen. Dann gucke ich erst mal, was das für ein Laden ist, bevor ich dort meine Soja-Milch ordere.

Jannek Korsky, können Sie verstehen, dass jemand wie Matthias Merkle, der für seine Kneipe eine Mieterhöhung von 80 Prozent bekommen hat, eine Forderung nach mehr Soja-Latte zynisch findet?

Merkle: Moment: Zynisch finde ich das nicht. Eher albern. Wie mein Klassenkamerad in der Mittelstufe, der aus Trotz, weil alle in der Klasse links waren, eben die FDP-Position vertreten hat.

Korsky: Ich kann verstehen, dass die Slogans nicht alle lustig finden. Aber ich glaube auch, dass Leute, die nach Marzahn ziehen müssen, es nicht witzig finden, für linke Klassenkampfromantik benutzt zu werden, wie das gerade oft passiert.

Reden Sie da nicht der Immobilienwirtschaft nach dem Mund?

Korsky: Überhaupt nicht. Wir benennen ja, was in der Diskussion gerade untergeht. Dass das Problem der Aufwertung nicht neu ist, dass dahinter Armut steckt, also etwas Strukturelles. Wer in dieser Gesellschaft Kohle hat, kam schon immer rein und machte den Reibach. Und die anderen sind dann draußen. Die aktuelle Debatte aber bleibt an der Oberfläche, teilt alles schön einfach auf: Hier der authentische Kiez, da der unverantwortliche Tourist, der alles kaputt macht. Warum aber hat einer mehr Anrecht hier zu sein als ein anderer?

Lässt es sich leicht provozieren, weil Sie sich die Aufwertung noch leisten können?

Korsky: Die Mieten steigen ja überall in Berlin. Ich wohne in Friedrichshain, habe auch eine Mieterhöhung bekommen und weiß auch nicht, wie lange ich mir noch leisten kann, dort zu wohnen.

Merkle: Mich nervt, dass ich längst 3,80 Euro für ein Bier verlangen müsste, längst einen zweiten und dritten Laden hätte aufmachen müssen, um mir die Miete leisten zu können, die hier offenbar künftig vorgesehen ist. Unsere Gewerbefläche hat jetzt gerüchteweise der Inder nebenan gekauft, um hier wohl so ein Riesenrestaurant wie in Mitte zu eröffnen. Da muss so ein assiger Laden wie meiner natürlich weg.

Korsky: Hardcore-Gentrifizierungskritiker würden jetzt wahrscheinlich sagen, wir greifen diesen Laden an, entglasen den, schmeißen Farbe ran. Im Fall des Inders aber hätten sie ein Problem, weil das mit ihrem antirassistischen Selbstverständnis kollidieren würde.

Merkle: Ersteres stimmt. Aber diese Rassismuskeule, die lasse ich nicht zu. Das ist mir zu blöd. Ich darf auch eine indische Restaurantleitung kritisieren, ohne dass ich gleich Ressentiments gegen Inder habe. Das ist auch ein falscher Hinweis eurer Kampagne. Natürlich ist das große Ganze das Problem, aber irgendwo muss ich anfangen dürfen zu kritisieren.

Korsky: Ich wollte dir jetzt auch gar keinen Rassismus vorwerfen. Und na klar sollte die Herkunft nicht davor bewahren, für etwas kritisiert zu werden. Aber woher kommt der Konsens, der sich kollektiv gegen Touristen wendet? Da werden für bestimmte Phänomene Schuldige gesucht und nicht mehr geguckt, was das eigentliche Problem ist. Dann müsste man nämlich auch sehen, in welcher Mühle der Londoner Investor sitzt, der einem „hire and fire“ unterliegt. Dann würde man merken, dass die Eigendynamiken des Systems schuld sind, relativ egal, wer an welcher Stelle sitzt.

Matthias Merkle, haben Sie Mitleid mit Investoren?

Merkle: Das wäre zu viel gesagt. Mit wem müsste ich dann noch Erbarmen haben? Mit Frau Merkel? Da, wo Leute meinen, immer weiter mitspielen zu müssen, hört mein Mitleid auf.

Das „Kotti-Camp“ in Kreuzberg, wo Anwohner seit zwei Wochen gegen die steigenden Mieten protestieren, lädt zu seiner nächsten Demo explizit auch Zugezogene ein. Ist das der Weg? Die Hipster in den Widerstand holen?

Korsky: Ja, natürlich! Ich finde das einen total guten Zug.

 

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