Student über die Bildungsreform in Chile

„Chile ist zum Kotzen ungleich“

Marco García ist einer der jungen Chilenen, die nun kostenlos studieren dürfen. Von der neuen Regierung erwartet er aber nichts Gutes.

die chilenische Präsidentin in einem weißen Sakko inmitten von Kindern

Hat im Januar ihre Bildungsreform im Kongress durchbekommen: die scheidende Präsidentin Bachelet Foto: Sebastian Beltran/ Agencia Uno/ dpa

taz: Herr Garcìa, Sie haben im Januar das Studium aufgenommen und sich dafür bei der Präsidentin Michelle Bachelet bedankt. Wie war Ihr Gefühl, als sie den Tweet beantwortet hat?

Marco García: Ich glaube, dass ich Glück empfunden habe. An diesem Tag wollte ich mich an der Universität in Talca einschreiben, und da habe ich erfahren, dass ich von dem Regierungsprogramm für arme Familien profitiere und deshalb keine Studiengebühren zahlen muss.

Ich wusste, dass ich möglicherweise in das Programm aufgenommen werden könnte. Aber dann bestätigten sie mir, dass ich kostenlos studieren darf. Das war – zusammen mit der Antwort der Präsidentin – ein unvergesslicher Tag in meinem Leben. Dass sie in ihrem Tweet nicht nur mir, sondern vielen anderen dankbaren Chilenen geantwortet hat, war fantastisch.

Wie haben Sie von dem kostenlosen Studium an der Universität erfahren?

Über die Medien habe ich erfahren, dass die Bildungsreform beschlossen wurde. Aber schon vorher wusste ich davon. Als ich noch in der Schule war, habe ich die Studentenbewegungen unterstützt, die während der ersten Amtszeit von Sebastian Piñera eine freie Universitätsausbildung forderten.

Ein Studium an Ihrer Universität kostet im Jahr 2.800 Euro. Könnten Sie sich das leisten?

Nein. Wir sind eine große Familie. Sechs Brüder und Schwestern plus eine Nichte, und wir leben nur von einem kleinen Familienunternehmen, das Schuhe produziert. Aufgrund meiner wirtschaftlichen Situation, die nicht die beste ist, könnte ich nur auf andere staatliche Leistungen wie Stipendien und Darlehen zurückgreifen oder ich müsste mich verschulden.

Alle diese Optionen sind sehr unfair. Wenn ich zum Beispiel einen Kredit aufnehme, zahle ich hohe Zinsen. 3 Prozent über 20 Jahre. Das ist für mich sehr schwierig. Ohne das kostenlose Studium hätte ich nicht an die Universität ­gehen können. Aus diesem Grund bin ich der Präsidentin Bachelet sehr dankbar.

ist 24 Jahre alt und studiert Öffentliche Verwaltung an der Universidad de Talca.

Sollten nicht alle Chilenen kostenlos studieren dürfen?

Es ist ein Fortschritt, dass zumindest einige von uns nun das Recht haben, kostenlos zu lernen. Und das ist das Verdienst von Tausenden von Studenten, Arbeitern, von Jungen wie Alten. Sie haben für ein freies Studium gekämpft und es erst auf die Agenda der Regierung gesetzt.

Ohne diese Mühen wäre Bachelet nicht mit der Bildungsreform in die Geschichte eingegangen. Chile ist ein zum Kotzen ungleiches Land. Das kostenlose Studium für Arme ist ein Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit.

Kennen Sie andere in Ihrer Situation, die sich nun einschreiben konnten?

Meine jüngeren Schwestern haben auch jeweils einen kostenlosen Studienplatz erhalten. Auch bei unserer Schuhfabrik arbeiten junge Leute, die nun an die Uni gehen können. In meinem persönlichen Umfeld sind viele, die von dem Programm profitieren. Wir sind viele.

Am Sonntag übernimmt die neue konservative Regierung des Unternehmers Sebastián Piñera. Fürchten Sie, dass er das Programm wieder zurücknimmt?

Ich glaube nicht, dass die Regierung von Sebastián Piñera das Programm zurücknehmen wird. Erstens ist die Bildungs­reform gesetzlich verankert. Und zweitens hat sie hat breite Unterstützung in der Bevölkerung. Die Chilenen werden nicht zulassen, dass Piñera ihren Triumph zunichte macht.

Aber natürlich kann der neue Präsident Einfluss auf die Gestaltung des Programms nehmen. Ich denke, dass er den Anteil der Armen, die ein kostenloses Studium beginnen können, reduzieren wird.

Was halten Sie von dem neuen Bildungsminister Varela, der von Bildung als „käuflicher Ware“ spricht?

Wenn ein Bildungsminister nicht glaubt, dass Bildung ein Bürgerrecht ist, sondern sie stattdessen als käufliche Ware bezeichnet, ist er aus meiner Sicht nicht als Minister geeignet. Noch dazu eines so wichtigen Ministeriums wie Bildung. In Chile haben die Reichsten mehr Privilegien, und das beginnt schon bei der Wahl der guten Schulen und Universitäten, die sich die meisten Chilenen nicht leisten können.

Sie gehen auf bessere Unis, erhalten bessere Abschlüsse, bessere Jobs, bessere Gehälter und damit eine bessere Lebensqualität. Es ist wichtig, das Recht auf kostenlose Bildung zu behaupten und weiter auszubauen.

In Chile hat die Einwanderung erheblich zugenommen. Sollen auch Einwanderer kostenlos studieren dürfen?

Ausländer, die in Chile leben, sollten die gleichen Vorteile haben wie Chilenen. Sie sind Teil unserer Gesellschaft. Ich glaube an die Freiheit in der Bildung, dass jeder die Möglichkeit haben muss, sich bestmöglich zu qualifizieren.

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