Seit Jahrzehnten ist das Café "La Cafetera" Treffpunkt der Intellektuellen in Santo Domingo. Die Bar ist eine gewachsene Institution in der Hauptstadt.von Hans-Ullrich Dillmann

Nachmittags in der la Cafeteria. Bild: Hans-Ullrich Dillmann
In La Cafetera spürt man den Puls der Stadt. Und der schlägt manchmal reichlich hoch in Santo Domingo, der dominikanischen Hauptstadt. Vor allem wenn Wahlen gewesen sind und ausgerechnet der politische Gegner das Rennen für die kommende Legislaturperiode gemacht hat. Dann brodelt es auf den roten Kunstlederdrehsitzen aus den 60er Jahren und schnell erhitzen sich die Gemüter in der Kaffeebar im historischen Zentrum Santo Domingos.
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Dann reißen die Gäste Zeitungsverkäufer Ronny die Nachmittagszeitung aus der Hand, durstig nach den Neuigkeiten des Morgens. Dann beschuldigen sie den Nachbarn, der gedankenverloren mit einem Löffel seinen Kaffee schlürft und natürlich die falsche Partei gewählt hat, an dem nur mit unsauberen Mitteln zustande gekommenen Wahlergebnis schuld zu sein.
Franklin Brito, der Vetter des heutigen La-Cafetera-Besitzers, steht hinter dem Tresen und erfreut sich sichtlich daran. Hitziger Gesprächsstoff gehört zu La Cafetera wie ein Kaffee, der "so süß wie ein Kuss" ist, wie schon der bekannte dominikanische Merengue-Sänger und Komponist Juan Luis Guerra in einem seiner Hits verkündete. Mit verschmitztem Lächeln und einem entschuldigenden Schulterzucken kommentiert Brito die heftigen, manchmal lauten Dispute, die über die Theke und die Tassen hinweg geführt werden.
Ratlos über so viel "karibische Emotion" und Streitlust bestaunt ein deutsches Touristenpaar, das eigentlich nur in Ruhe eine Kaffeepause machen wollte, das Geschehen. Durch einen Reiseführer sind sie auf den "Geheimtipp" für Reisende aufmerksam geworden. Die Saftpresse quietscht und grollt, während frischer Orangensaft ins Glas läuft.
So geht das schon seit acht Jahrzehnten. Themen und Schwerpunkte ändern sich im Laufe der Zeit, La Cafetera aber ändert sich nicht. Das kleine Café, das sich wie ein Schlauch tief in den Häuserblock erstreckt, bleibt sich treu.
La Cafetera ist eine Institution. Im Jahr 1930 eröffnete Benito Paliza seine Kaffeebar. Hier röstete der baskische Einwanderer seinen Kaffee "El Negrito". Und den "kleinen Schwarzen" konnten die Gäste direkt an der Theke, frisch gemahlen und aufgebrüht, trinken.
Auf Initiative des Basken Paliza entwickelte sich das Café zu einem bekannten Treffpunkt, zum intellektuellen Szenetreff der dominikanischen Hauptstadt. Tertulias, Gesprächskreise über Literatur und Malerei, entstanden - lauthals über Politik wurde jedoch nicht gesprochen.
Die strategische Bedeutung erkannte der berühmt-berüchtigte dominikanische Diktator Rafael Leónides Trujillo Morillo, der die Republik von 1930 bis 1961 beherrschte. Er schickte seine "Caliés", seine Spitzel, vor Ort, um den Besuchern der Kaffeebar aufs Maul schauen zu lassen und gefährliche Hitzköpfe aus dem Verkehr zu ziehen.
Hier trafen sich in den 30er Jahren die Exilspanier, die Trujillo nach der Niederlage gegen das franquistische Spanien aufgenommen hatte, obwohl er selbst ein Freund des spanischen Diktators Franco gewesen war. Er wollte sich für die Entwicklung des Landes die Fähigkeiten der "europäischen" Männer und Frauen sichern. Auch die von Hitler vertriebenen Juden aus Österreich und Deutschland fanden im Land Aufnahme und in der La Cafetera einen beliebten Treffpunkt. "Hier durften die Ausländer auch über Politik reden und ihre Exilzeitungen verkaufen", erzählt Brito. Ein kleiner Freiraum, den der Potentat Trujillo gut unter Kontrolle hatte.
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