Titel des „Spiegel“ irritiert: Überall wie im falschen Film

Und noch eine „Migrationskrise“. Und schon wieder rücken alle nach rechts, die Medien und die Wirklichkeit.

Eine Person trägt Reisetaschen

Erstaufnahmeeinrichtung Eisenhüttenstadt Foto: Reto Klar/imago Foto: imago

Ich stehe in einer Bäckerei in einem ländlichen Vorort Stuttgarts. Hier lebe ich mittlerweile. Im Grünen. Nahe der Natur. Und unter vielen Pensionisten, die nichts anderes kennen. „Drei Brötchen und einmal die hier“, sagt der ältere Herr vor mir, während er die Bild am Sonntag in der Hand hält. „Noch eine. Richtig schlimm“, sagt die Verkäuferin. Sie bezieht sich nicht auf die Zeitung, sondern auf die aktuelle Schlagzeile. Noch eine Migrationskrise. Neue, „fremde“ Menschen wollen wieder einmal zu „uns“. „So geht es nicht weiter“, titelt die BamS mit einem panikmachenden Weltuntergangsaufmacher. Doch es ist nicht nur der Springer-Verlag, der in diesen Tagen wie gewohnt weitermacht. Auch der aktuelle Spiegel, für den ich selbst immer wieder schreibe, spielt mit seinem „Schaffen wir das nochmal?“-Titel von der am Samstag erschienenen Ausgabe – mit der Angst der Deutschen vor der angeblichen Geflüchtetenkrise. Das Titelbild, das nun zu Recht heftig kritisiert wird, hätte auch jenes des rechtsradikalen Compact-Magazins sein können.

Seit Tagen bestimmen die jüngsten AfD-Erfolge, der Rechtsruck der Gesellschaft und vor allem das Flucht- und Migrationsthema abermals die Schlagzeilen und Sendungen hierzulande. Es ist kein gutes Gefühl, wenn man als Kind Geflüchteter im Auto durch deutsche Städte fährt, während man zeitgleich im Radio hören muss, dass immer mehr Deutsche mit rechtsradikalen Positionen sympathisieren oder Krisen dort sehen, wo es sie gar nicht gibt. Währenddessen nehmen auf den Sesseln deutscher Talkshows weiterhin jene Platz, die meinen, viel zu sagen zu haben: Herausgeber konservativer Zeitungen, Hauptstadtjournalisten, elitäre „Migrationsexperten“ und Politiker, die immer mehr Grenzkontrollen und Abschiebungen fordern. Für die Namenlosen und Verdammten aus Moria, Lampedusa und anderswo spricht niemand. Sie sind der unbekannte Feind, der den gesellschaftlichen Wohlstand bedroht und den es weiterhin zu entmenschlichen gilt.

In diesem Kontext berichten viele Medien gerne, ohne ihre eigene Rolle zu hinterfragen. Die aktuellen Entwicklungen sind nämlich auch das Resultat einer rassistischen und im Grunde menschenfeindlichen Berichterstattung, die in den letzten Jahren zum Alltag geworden ist und von nahezu allen medialen Spektren bedient wurde. Dies geschah oft in einer Symbiose mit der vorherrschenden Politik, die sich gerne als „liberal“, „weltoffen“ oder „divers“ tarnte und im Zweifelsfall nach rechts abbog, um bestimmte Wählerschaften nicht zu verlieren.

Noch verrückter, oder besser gesagt, angsteinflößender ist es, das gegenwärtige Geschehen nach der Rückkehr von einem echten Konfliktherd zu beobachten. Bis vor Kurzem hielt ich mich zum wiederholten Male in Afghanistan auf. Einem Land, in dem seit über vier Jahrzehnten Krieg, Chaos und dystopische Verhältnisse vorherrschen. Seit über zwei Jahren wird das Land von den extremistischen Taliban regiert. Praktisch jeder junge, gebildete Mensch, den ich getroffen habe, will das Land verlassen oder hat dies bereits schon getan. Der gegenwärtige Status quo am Hindukusch ist eine direkte Folge westlicher Machtpolitik. Zwanzig Jahre lang hat man Krieg gemacht. Letzten Endes verließ man das Land so planlos, wie man einst einmarschiert ist.

All diesen Realitäten kann ich mich auch hier nicht entziehen. Während ich beim Bäcker anstehe, meldet sich einer meiner afghanischen Kollegen über Whatsapp. Er ist Journalist und lebt in Angst vor den Taliban. Mal zensiert er sich, mal versteckt er sich. Eigentlich hätte er schon längst vom Auswärtigen Amt evakuiert werden sollen, doch geschehen ist nichts. „Gibt es etwas Neues?“, will er wissen. Ich bezahle meine Brötchen und frage mich, ob ich im falschen Film lebe.

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