Todesfall einer Elfjährigen in Berlin

Schülerin war kein Mobbingopfer

Die Schulleiterin der Hausotter-Grundschule äußert sich zum vermeintlichen Suizidfall. Senatorin Scheeres (SPD) verwahrt sich gegen „Untätigkeit“.

Blumen vor der Hausotter-Grundschule: Ende Januar wurde der Todesfall einer Schülerin bekannt Foto: picture alliance/Paul Zinken/dpa

Selten ist es im Bildungsausschuss so voll, dass die Sitzplätze im Ernst-Heilmann-Saal im dritten Stock des Abgeordnetenhauses für BesucherInnen und Presse nicht reichen. Aber die Sitzung am Donnerstag hat Brisanz. Nach dem Tod einer elfjährigen Schülerin an der Reinickendorfer Hausotter-Grundschule Ende Januar wurde öffentlich über einen Suizid wegen schweren Mobbings spekuliert. Die FDP beantragte daraufhin die Expertenanhörung im Bildungsausschuss, und die CDU wollte von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) wissen: „Selbstmord im Grundschulalter – Wird wirklich alles gegen Mobbing getan?“

Tatsächlich wurde am Donnerstag deutlich: An vielen Berliner Schulen muss dringend mehr gegen Mobbing getan werden – doch der Fall der toten Elfjährigen wurde möglicherweise vorschnell instrumentalisiert. Die Schulleiterin der Hausotter-Schule, Daniela Walter, sagte im Ausschuss: „Die Schülerin war kein Mobbingopfer.“ Am 29. Januar, als das Mädchen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo es kurz darauf verstarb, habe sie erstmals Kontakt zu den Eltern gehabt. Vorher habe es keinerlei Gesprächsbedarf „in irgendeiner Art“ gegeben.

Auch ein Suizid des Kindes sei bis heute nicht bestätigt, betonte Walter. Sie stehe weiterhin in engem Kontakt mit den Eltern des Mädchens, das am Donnerstag beigesetzt wurde. Die Familie habe bis heute keine Angaben zur Todesursache gemacht. „Und das ist ihr gutes Recht.“ Bekannt ist inzwischen lediglich, dass eine Obduktion des Mädchens laut Staatsanwaltschaft keine Hinweise auf Fremdeinwirkung gegeben hat.

Klar wurde aber auch, dass viele Berliner Schulen offenbar nicht wissen, wie sie mit Mobbing umgehen sollen – und Senatorin Scheeres darum kämpft, bei dem Thema aus der Defensive zu kommen. Bei der schon 2016 noch unter Rot-Schwarz beschlossenen Meldepflicht für Mobbingfälle sei man noch immer keinen Schritt weiter, kritisierte etwa die bildungspolitische Sprecherin der CDU, Hildegard Bentele.

Scheeres wehrte sich gegen den Vorwurf der Untätigkeit: Es gebe inzwischen mehr SozialarbeiterInnen in den Schulen, die Schulpsychologie sei verstärkt worden. Zudem werde sie, wie angekündigt, die Stelle eines Mobbingbeauftragten in der Verwaltung schaffen. Auch eine Meldepflicht für Mobbing befinde sich in der Evaluierung.

Schülerin: „Hemmschwelle ist gesunken“

Handlungsbedarf sei jedenfalls da, betonte Eileen Hager, Vorsitzende im Landesschülerausschuss. „Die Hemmschwelle für Mobbing an den Schulen ist gesunken, auch durch die sozialen Medien.“ Sehr oft wüssten LehrerInnen nicht, wie sie damit umgehen sollten: „Da haben LehrerInnen zugesehen, wie jemand gemobbt wird, und nichts gesagt.“

Die Qualifikation der Lehrer sah auch Herbert Scheithauer, Mobbingexperte an der Freien Universität Berlin, als zentrale Stellschraube, denn: „Die meisten Maßnahmen wirken nicht.“ Manche Methoden wie Gruppengespräche könnten sogar nachteilig sein, wenn Lehrer sie nicht richtig anzuwenden wüssten.

An der FU seien entsprechende Seminare für angehende GrundschullehrerInnen im Curriculum verankert – das mache mehr Sinn, als Lehrkräfte mühsam im Arbeitsalltag nachzuqualifizieren. Das Angebot müsse aber erweitert werden. Bei der unter Zugzwang stehenden Senatorin Scheeres dürfte der Moment für solche Wünsche gerade günstig sein.

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