Tuvalus Außenminister über Klimawandel

„Wer Tuvalu rettet, rettet die Welt“

Taukelina Finikaso, Außenminister des Inselstaats Tuvalu, sieht sein Land vor dem Untergang. Er fordert ein Erderwärmungslimit von 1,5 Grad.

Zwei Kinder spielen auf einem überfluteten Platz

Bei einer Überflutung im Januar 2014 stand Tuvalus Hauptstadt Funafuti unter Wasser. Foto: dpa

taz: Herr Finikaso, was bedeutet der Klimawandel für Sie und den Alltag der Menschen in Ihrem Land?

Taukelina Finikaso: Klimawandel spielt für uns eine sehr große Rolle. Vor allem für diejenigen, die auf Korallen-Atollen leben. Die sind nur 4 Meter höher als der Meeresspiegel. Das besorgt mich sehr, denn jede kleine Veränderung hat große Auswirkungen auf unsere Inseln. Das Meer überspült unsere Inseln und das Salzwasser zerstört unsere Ernten. Der Klimawandel nimmt uns die Sicherheit Essen zu haben, er nimmt uns unsere Heimat. Für die kleinen Inselstaaten und besonders für solche kleinen Atolle wie Tuvalu sind die Verhandlungen hier eine Überlebensfrage.

Wie groß sind die Inseln in Tuvalu?

Korallenatolle sind nur sehr dünne Landlinien. In Tuvalu ist die breiteste Insel vielleicht einen Kilometer breit. Es gibt schlicht nicht viel Land und das meiste ist Sand.

Wie erleben sie den Klimawandel persönlich?

Anfang des Jahres habe ich erlebt, wie der Tropensturm Pam Tuvalu getroffen hat. Das war sehr alarmierend, weil wir gar nicht im Zentrum des Sturms lagen, sondern nur am Rand und die Schäden bereits so schlimm waren.

Taukelina Finikaso sitzt seit 2006 im Parlament Tuvalus. Von 2006 bis 2013 war er Minister für Kommunikation, Transport und Fischerei. Seit August 2013 ist er als Minister für die Bereiche Umwelt, Außenpolitik, Arbeit und Handel verantwortlich.

Wie viele Menschen in Ihrem Land sind vom Klimawandel betroffen?

Ich denke alle. Die ganze Bevölkerung von Tuvalu ist vom Klimawandel betroffen.

Hatten Sie oder ihr Premierminister Gelegenheit mit BarackObama und Xi Jinping zu sprechen und ihm ihre Lage zu schildern am ersten Tag der Klimakonferenz?

Die Pazifischen Inselstaaten hatten ein Treffen mit Herrn Obama, aber nur drei Staatschefs von uns. Die Gespräche und Reden am ersten Tag waren sehr ermutigend. Aber wir müssen auch diese Rhetorik in Handlungen umwandeln.

Was sind für Sie in Paris die wichtigsten Verhandlungspunkte?

Wir kämpfen sehr hart für ein 1,5-Grad-Ziel. Wir wollen einen Absatz für Schadensersatz im Abkommen und wir wollen, dass das Pariser Abkommen ein bindendes wird. Wir möchten sicherstellen, dass die Länder von ihren Klimaschutz-Zielen nicht zurückrudern können. Wenn wir alle nationalen Klimaschutzpläne, diese INDCs, zusammentragen, kommen wir immer noch auf eine Erwärmung von etwa 2,7 Grad. Das ist nicht genug. Wenn wir in die Berichte des Weltklimarates sehen, wissen wir, dass es uns bei 2,7 Grad nicht mehr geben wird. Wir, Tuvalu, werden verschwinden. Der Kampf, den wir hier führen ist ein Kampf dafür, dass unser Land überlebt.

Einige kritisieren, dass ein 1,5 Grad Ziel nicht realistisch ist.

Wir halten uns da an die Wissenschaft des Weltklimarates. Alles andere als 1,5 Grad bedeutet, dass unsere Inseln nicht überleben. Für uns gibt es keine andere Lösung, keine andere Option. Wir müssten dann woanders hingehen. Das wollen wir nicht.

Nach dem Sturm Pam sind wir über unsere Inseln gegangen und die Reaktionen, die wir überall erhalten haben war: „Wir wollen nicht umsiedeln.“ Die Menschen wollen da bleiben, wo sie geboren und aufgezogen wurden. Deshalb ist es unsere Pflicht, dass ich als Politiker den Bedürfnissen meines Landes gerecht werde. Als eine verantwortungsvolle Regierung müssen wir so handeln. Dafür müssen wir mit anderen Staaten in derselben Lage zusammenarbeiten. Wir brauchen aber auch die Unterstützung größerer Länder. In Tuvalu haben wir das Sprichwort: „Wenn Ihr Tuvalu rettet, rettet ihr die Welt.“

Leistet Tuvalu auch seinen Beitrag zum Klimaschutz?

Der Erde droht der Hitzekollaps. Deshalb wollen die Staatschefs der Welt Anfang Dezember in Paris einen globalen Klimaschutz-Vertrag vereinbaren. Die taz berichtete vom 28. November bis zum 14. Dezember 2015 täglich auf vier Seiten in der Zeitung und hier auf taz.de.

Ja, wir haben auch einen INDC erstellt. Aber ich möchte auch betonen, dass unser Beitrag zum Klimawandel bei 0,00005 Prozent liegt. Unser Ziel ist 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2020. Es ist sehr schwer, Tuvalu mit anderen Ländern wie Deutschland zu vergleichen. Wir sind kein großes Industrieland.

Was erwarten Sie von den kommenden Verhandlungstagen?

Wir haben nicht mehr viel Zeit. Es ist Zeit, dass wir Entscheidungen treffen. Als verwundbarste Länder brauchen wir wirklich Mechanismen, um uns für Schäden durch den Klimawandel zu entschädigen und uns an ihn anzupassen. Aber natürlich können wir uns nur so lange an den Klimawandel anpassen, wie es das Land noch gibt, auf dem wir stehen.

Inwieweit können sie als kleiner Inselstaat überhaupt Einfluss nehmen auf die Verhandlungen?

Wir sind zusammengeschlossen in der Gruppe der AOSIS, der Allianz der kleinen Inselstaaten. Zusammen stoßen wir viele Diskussionen an, zum Beispiel über den Schadensersatz.

Mussten Sie bereits Menschen umsiedeln?

Soweit mussten wir noch nicht gehen. Aber wir haben Menschen, die freiwillig umziehen. Wir haben ein Abkommen mit Neuseeland, das jedes Jahr eine bestimmte Menge an Menschen akzeptiert. Es gibt eine Menge Leute, die freiwillig dort hinziehen.

Wie beteiligen Sie die Bevölkerung und Zivilgesellschaft an diesem Prozess?

Bei uns lernen Kinder schon in der Grundschule, was der Klimawandel ist. Wir versuchen auch die Zivilgesellschaft und die Jugend einzubinden in die Kampagnen, die wir starten. Wir trainieren die Leute darin, die Folgen des Klimawandels zu erkennen. Wir geben auch Trainings, mit denen wir Menschen auf Klima-Katastrophen vorbereiten.

Was treibt Sie an und was hindert Sie am aufgeben, wenn die Verhandlungen langsam vorangehen?

Ich denke, es sind die Menschen in Tuvalu. Es ist unsere Identität. Wir wollen auf unseren eigenen Inseln leben. Das treibt uns an. Ich will nicht, dass unsere Identität mit unseren Inseln untergeht.

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