Überlebende von Anschlag in der Türkei

Mit dem Trauma weiterleben

Lisa Çalan hat bei dem IS-Anschlag in Diyarbakır im Juni 2015 beide Beine verloren. Seitdem wurde sie zehn Mal operiert und kämpft sich ins Leben zurück.

Lisa Çalan träumt davon, eines Tages wieder Filme zu drehen Foto: privat

Lisa Çalan hat ihre Beine neben dem Grab ihres Vaters im südosttürkischen Diyarbakır begraben. Die 30-Jährige hat beim Sprengstoffanschlag auf die HDP-Kundgebung in Diyarbakır vom 5. Juni 2015 beide Beine verloren. Bei dem IS-Anschlag kamen zwei Tage vor den Parlamentswahlen 2015 fünf Menschen ums Leben. Çalan tanzte mit ihren Freund*innen Halay, als die Bombe explodierte. Dann war alles voller Blut, Menschen schrien, sie sah ihre abgerissenen Beine.

Seither wurde Lisa Çalan zehn Mal operiert. Nach jeder Operation waren ihre Oberschenkel kürzer. Die starken Schmerzen dauern an, von einer Rückkehr in den Alltag kann keine Rede sein. „Mein einziger Wunsch ist es, eine Nacht ohne Schmerzen durchzuschlafen“, sagt Çalan. „Ein Teil von mir liegt jetzt im Grab“, sagt sie und unterbricht sich trotz der Schmerzen mit einem Lachen. Das sei eine Geste des Widerstands. Mit Humor nimmt sie ihrem Leid die Wucht: „Noch immer habe ich mein eigenes Grab nicht besucht. Ich werde hingehen und mir auf dem Friedhof einen Spaß machen. ‚Hey, wie lebt es sich hier?‘, werde ich fragen.“

Um Prothesen zu bekommen, musste Çalan ins Ausland, sie ging zur Behandlung nach Deutschland und Australien. Zur Vorbereitung für die Therapie im Prothesenzentrum lebt sie im Augenblick gezwungenermaßen in Ankara. Hier bereitet sie sich auf eine weitere Operation vor. „Außerhalb von Diyarbakır kann ich nicht atmen. Ich will so schnell wie möglich zurück“, sagt sie.

„Sie soll nicht grundlos reich werden“

Die türkischen Medien verbreiteten jüngst, sie habe vom Staat eine Entschädigung von 1,3 Millionen Lira erhalten. Lisa Çalan dementiert das. Ihrem Anwalt Ferhat Kılıç zufolge hat sie das Geld für die provisorische Prothese, die sie jetzt trägt, über eine Spendenkampagne zusammenbekommen.

„Wir haben den Prozess teilweise gewonnen, aber wir sind vor das Berufungsgericht gezogen“, sagt Ferhat Kılıç. Vor Gericht seien erst gar nicht die gesamten Behandlungskosten veranschlagt worden, man habe lediglich einen Teil der Therapie- und Pflegekosten berechnet. 'Sie soll nicht grundlos reich werden’, habe das Gericht in seiner Begründung gesagt, erzählt Kılıç. „Das soll ja wohl ein Witz sein.“ Der Anwalt macht den Staat mitverantwortlich für den Bombenanschlag.

„Das Gericht musste anerkennen, dass der Staat sich bei dem Sprengstoffanschlag einige Dienstversäumnisse zu schulden kommen lassen hat“, sagt Kılıç. Den Polizeiakten zufolge war der mutmaßliche Täter, der IS-Anhänger Orhan Gönder in der Nacht vor dem Anschlag mit seiner echten Identität im Hotel in Diyarbakır registriert. Obwohl er bereits vor der Kundgebung gesucht wurde, gab es keine Sicherheitsüberprüfung. Die Polizei konnte den Anschlag nicht verhindern.

Der Prozess von Lisa Çalan geht weiter. Neben zwei Millionen Lira materieller Entschädigung für Krankenhauskosten und den Verlust ihrer Beine geht es auch um 600.000 Lira Schmerzensgeld. „Auch wenn wir mehr Entschädigung bekommen, bringt das Lisa nicht ihre Beine zurück“, sagt ihr Anwalt Kılıç. Die Entschädigung sei aber wichtig, damit Çalan verwirklichen kann, was sie sich vorgenommen hat.

Ein Film über das Leben mit dem Trauma

Lisa Çalan ist Filmemacherin. Film ist das Medium, in dem Çalan sich ausdrücken kann. Vor dem Anschlag drehte sie an der Ortadoğu Kunstakademie einen Kurzfilm mit dem Titel „Die Sprache der Berge“. Seit dem Anschlag ist ihr Leben von Unterbrechungen geprägt. Die meiste Zeit verbringt sie in Kliniken. Sie kann weder ihre Projekte angehen, noch ein neues Leben anfangen. „Der Verlust und die Schmerzen sind durch nichts wiedergutzumachen“, sagt Çalan. Ihr Traum ist, eines Tages wieder Filme zu machen.

Lisa Çalan will eine Doku über die Anschläge von Diyarbakır, Suruç und Ankara im Jahr 2015 drehen. „Für die Betroffenen ist es ungeheuer schwierig, mit den Traumata zu leben. In meinem Film will ich zeigen, wie wir Überlebenden mit dem Trauma weiterleben“, sagt sie. „Keiner könnte die Traumatisierten besser verstehen und besser von ihnen erzählen als ich. Wir haben dieselben Dinge erlebt, ich fühle mich verpflichtet, darüber zu berichten.“

Çalan erinnert an die Worte des legendären türkisch-kurdischen Filmemachers Yılmaz Güney: „Wo die Hoffnung endet, beginnt unsere Sturheit.“ Sie lächelt und sagt: „Ich bin jetzt in der Phase der Sturheit. Ich werde auf jeden Fall gesund. Um mich herum ist ein wunderbares Netzwerk entstanden. Es ist schön, eine Hoffnung für die Menschen zu sein. Ich habe nicht das Recht, mich aufzugeben.“

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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