Eine zivile Bewegung engagiert sich in Aleppo für die Wiedereröffnung von Schulen. Für die Kinder ist es eine Pause vom Alltag unter Beschuss.von Gabriele Del Grande

Einschusslöcher in der Wand: Schule in Aleppo. Bild: reuters
ALEPPO taz | Mariams Prinzessin trägt ein langes blaues und goldbesticktes Gewand, ihre Haare flattern im Wind, sie lächelt. Sie will auf eine Geburtstagsfeier gehen. Die Torte ist riesengroß und drumherum gibt es spielende Kinder. Aber dann geht das Licht aus. Zurück bleibt ein einzelnes Kind, mit einem Buch und einer verloschenen Kerze.
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Einer Kerze wie die auf der Bank der kleinen Mariam, die ihre drei Zeichnungen beleuchtet. „Wir lassen sie schöne Dinge zeichnen, damit sie den Krieg vergessen können“, erklärt ihre Englischlehrerin. Sie fährt mit dem Unterricht fort. „The man who is there is my father. People that eat a lot get fat.“
Mariam sitzt in der ersten Reihe. Voller Neugier sind ihre Augen auf die an die Tafel geschriebenen Sätze gerichtet. Mit den rund zwanzig anderen Mädchen der Klasse spricht sie im Chor die Worte ihrer Lehrerin nach. Es ist zehn Uhr morgens. In der nächsten Stunde ist Religion an der Reihe. Dann Mathematik und Arabisch. Und so wird auch dieser Vormittag schnell verstreichen und Mariam kann so tun, als sei draußen alles normal. Wie in ihren Zeichnungen. Als triebe sich auf den Straßen von Aleppo nicht der Todesengel herum. Sondern nur ihre Prinzessin.
Mariam hat keine Ahnung, wie gefährlich es für ihre Lehrerin ist, zur Schule zu kommen. Der Weg führt über eine schaukelnde Holzplanke, die den Kanal teilt. An dieser Stelle überqueren jeden Tag Hunderte Menschen heimlich die gefährlichste Grenze im heutigen Syrien. Sie trennt die vom Assad-Regime kontrollierten Viertel Aleppos von denen unter dem Kommando der Freien Syrischen Armee.
Es sind Menschen, die ihre Familie besuchen, mit Schmugglern ins Geschäft kommen wollen oder Zuflucht beim Regime suchen vor den Bombenteppichen über den Vierteln der Aufständischen. Und dann gibt es die, die jeden Tag ihr Schicksal herausfordern, um zur Schule zu gehen, um zu unterrichten. Wie die Lehrerin von Mariam. Oder wie Abu Nur.
Abu Nur hat vorher noch nie unterrichtet, vor dem Krieg arbeitete er als Ingenieur. Ein einfaches Leben. Mittelschicht, dreißig Jahre alt, eine glückliche Ehe, zwei fabelhafte Mädchen von zehn und acht Jahren. Abu Nur gehörte zu denen, die sagten: „Nein zum Regime, aber auch Nein zum Krieg“. Bis ihn der Krieg aus allem herausriss. „An jenem Tag hat ein Flugkörper unser Haus von vorne getroffen. Die Druckwelle hat die Fenster zerfetzt. Ich habe die Mädchen unter Bergen von Glas begraben gefunden. Gott sei Dank war ihnen nichts passiert. Aber an diesem Tag habe ich mir versprochen, dass ich etwas tun werde.“
Seither ist Abu Nur Teil der zivilen Bewegung, die halb versteckt in den befreiten Vierteln von Aleppo Schulen wiedereröffnet. Er ist auch derjenige, der mich zu Mariams Schule führt, im Viertel Mashad. Von außen vermutet man keine Schule. Es ist ein gewöhnliches Mietshaus, in einer unscheinbaren Ecke. In der Wohnung dient jeder Raum als Klasse für je 30 Kinder. Stühle und Bänke hat man aus Schulen geholt. Es fehlen aber Stifte und Hefte. Und wie im Rest der Stadt gibt es mal Strom, mal keinen. Höchstens ein paar Stunden am Tag.
„Wir können die Schulen nicht benutzen“, erklärt Abu Nur. Der Freien Syrischen Armee dienen manche Schulen als Stützpunkte, und das setzt die Schulen der Gefahr einer Bombardierung aus. Wenn die Kinder getroffen würden, gäbe es ein Blutbad. Deswegen organisieren wir uns in Wohnungen. Die Lehrer sind Freiwillige.“
Außerhalb des Gebäudes ist die Explosion eines Mörser zu sehen. Die Front ist höchstens 300 Meter von der Schule entfernt. Aber die Kinder zucken nicht mit der Wimper. Sie haben sich daran gewöhnt. Im Gegenteil, sie vertreiben sich die Zeit damit, die Geräusche der verschiedenen Waffen zu erkennen und zu imitieren. Die Kalaschnikow, den Granatwerfer, die Duschka, die RPG, die MIG, die Grad, den Luftschutz. Als wäre es ein Spiel, Zeitvertreib in einer museal anmutenden Manufaktur aus Zeiten des Krieges.
Aber draußen ist es die Realität, die einen in jedem Moment daran erinnert, dass es kein Scherz ist. Es passiert am gleichen Nachmittag, nach dem Mittagessen, zweihundert Meter von der Schule entfernt. Ein Militärflugzeug des Regimes wirft zwei Bomben ab, die zwei ganze Häuser in Trümmer legen. Mindestens dreißig Tote, alles Zivilbevölkerung.
Die Menschenmenge läuft dorthin, um mit den bloßen Händen unter den noch rauchenden Steinen nach Überlebenden zu suchen. Zuerst finden sie den Leichnam eines Mannes, dann einen anderen. Dann einen Jungen, und dann auch noch ein Mädchen. Voller Blut und Schutt. Keine Ahnung, ob sich in jenem Gebäude im Moment der Explosion auch die kleine Mariam befand. Aber mit Sicherheit ihre Prinzessin.
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