Ute Hannig über das Theater

„Die Arschlöcher sterben aus“

Die Hamburger Schauspielerin Ute Hannig über ihre Arbeit am Theater und die Aufgabe, parallel dazu vier Mädchen großzuziehen.

Ute Hannig steht im Zuschauerraum des Schauspielhauses.

Schätzt das Theater als nicht-virtuellen Raum: Ute Hannig Foto: Miguel Ferraz

taz: Frau Hannig, Ihre aktuelle Rolle als gehässige alte Klofrau in „Die Präsidentinnen“ ist eine besondere Herausforderung, oder?

Ute Hannig: Da steckt viel von meiner Oma drin. Irgendwann habe ich entdeckt, dass ich sie gespielt habe. Falsche Zähne, ein Rock, der nicht sitzt, und alles, was mit Sexualität zu tun hat, von sich weisen. Es hat sehr lange gedauert, bis ich diese Figur liebgewonnen habe. Du hältst deine Rolle lange nur für bösartig, aber irgendwann erwischst du einen Zipfel, an dem du sagen kannst: Hier verteidige ich sie. Du musst die Antriebe verstehen.

Standen Sie schon als Kind immer im Mittelpunkt?

Ich bewundere es, wenn Leute diese Lust haben, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aber so bin ich nicht. Selbst beim Mutter-Kind-Spielen habe ich mich eher für das Nacherleben von seelischen Vorgängen interessiert. Ich habe gemerkt, dass ich im Theater Dramen erleben kann, die es in meinem Leben nicht gibt.

Woher kam Ihr Interesse für Theater?

Auf dem Gymnasium kam ich mir ein bisschen verloren vor, ich kannte dort niemanden. Dann habe ich in der Theater-AG eine Rolle in „Der kleine Prinz“ gespielt. Das war eine Initialzündung: Vor all den Schülern, vor denen ich tagsüber in den Pausen solche Angst hatte, ganz ruhig auf der Bühne zu sitzen und zu erzählen, wie verlassen sich ein Fuchs fühlt und auf Freundschaft hofft. 600 Schüler waren still, weil ich die Gefühle dieses Tieres offenbart habe. Das war kein Machtgefühl, sondern eines von Geborgenheit. Ich fühlte mich in der Figur aufgehoben, Zuhause und sicher.

Können Sie nur in der Rolle zu sich selbst kommen?

Es gibt sicher Teile von mir, die nur auf der Bühne ihren Raum bekommen. Ich habe vier Kinder und zu Hause gibt es so viel zu tun, das außerhalb von mir liegt. Im Theater kann ich mich ganz um mich und meine Figur kümmern.

Gingen Sie denn auch als Kind schon ins Theater?

Mein Vater war Internist und hatte sich als Theaterarzt gemeldet. Er bekam immer zwei Freikarten ganz weit vorne. Meist nahm er mich mit, denn ich war die älteste von vier Kindern und meine Mutter konnte ihn nie begleiten. Mit 14 Jahren habe ich also alle großen Inszenierungen unter Peter Zadek gesehen. Meinen 15. Geburtstag habe ich alleine im Rang des Schauspielhauses bei der Premiere des Musicals „Andi“ verbracht. Neben mir saßen Punk-Fans und pöbelten, schließlich standen ja die Einstürzenden Neubauten auf der Bühne. Das war mein schönster Geburtstag.

Wie ging es weiter?

Ich wusste schon in der zehnten Klasse: Ich will Tanz und Schauspiel studieren. Pina Bausch war mein Vorbild, ich hatte bereits jahrelang Ballett und Jazz Dance gemacht. Nach einem Jahr Musical-Ausbildung in Berlin bin ich zur Schauspielschule. Danach kamen drei Jahre am Schauspiel Köln, dann fünf am Staatstheater Stuttgart, seitdem bin ich wieder in Hamburg.

Ihr Mann Markus John spielt wie Sie am Hamburger Schauspielhaus. War Ihr Kennenlernen so, wie man sich das vorstellt: beim Feiern nach Premieren?

Überhaupt nicht. Markus ist immer der letzte in der Kantine, ich stehe dagegen gerne früh auf. Erst durch die Proben habe ich mich in ihn verliebt, denn Markus ist jemand, der die Bühne braucht, um bestimmte Dinge von sich zu zeigen. Er ist zehn Jahre älter, ich war mir sicher, dass er sich gar nicht für mich interessiert. Ich sagte ganz direkt: „Ich bin in dich verliebt.“ Und er: „Mir geht’s genauso.“ Und das war nicht so dahingesagt. Wir waren wir uns sehr schnell einig, dass wir eine Familie gründen wollten. Nach ein paar Monaten war ich schwanger.

Keine leichte Zeit: Er blieb in Köln, während Sie nach Stuttgart gingen.

Wir hatten zehn Jahre eine Pendel-Beziehung. Ich war anfangs mit den Kindern in Stuttgart und Hamburg alleine. Das war der Wahnsinn. Die Regisseurin hat am Tag vor der Premiere den Schluss von „Medea“ geschrieben. So etwas braucht ein Stück auch: dass man sich ihm gemeinsam im Rausch nähert, ohne Ablenkung. Wenn man am Tag der Premiere noch nachmittags auf dem Spielplatz mit Bananenmatsch beschäftigt ist, fragt man sich schon: Wie kann ich bloß in drei Stunden eine Frau spielen, die ihre Kinder umbringt?

geboren 1972 in Hamburg, studierte Schauspiel in Berlin. Von 1997 bis 2000 war sie am Schauspiel Köln engagiert, von 2000 bis 2005 am Staatstheater Stuttgart. Seit 2005 ist sie Ensemble-Mitglied am Hamburger Schauspielhaus. Hannig lebt mit ihrem Mann, dem Schauspieler Markus John, und vier Kindern in Hamburg.

Ja, wie geht das?

Ich habe ohne Ende Kraft. Die ist mir noch nie ausgegangen, auch wenn ich es mir manchmal gewünscht habe. Damit mir etwas sagt: Stopp. Ich bin jahrzehntelang nur mit fünf bis sechs Stunden Schlaf ausgekommen. Das Problem ist die Konzentration. Ich habe mich gesplittet. Es hätte mir nicht den Boden unter den Füßen weggezogen, wenn das Theater nicht mehr da gewesen wäre, aber auch die Kinder waren nicht ausschließlich mein Fokus. Das führte dazu, dass ich Dinge nicht in ihrer Gänze ausgeübt habe. Da bin ich einigen Rollen etwas schuldig geblieben.

Aber eigentlich ist der Job nicht sehr sozial kompatibel, oder?

Zuallererst leidet man an sich selbst. Nach einer großen Rolle fällt man in ein Loch, das kann sehr schmerzhaft sein. Aber ich habe mich immer geschützt. Schon nach einem Jahr in Köln merkte ich, dass ich ein Gegengewicht brauche.

Heute haben Sie vier Töchter, ihre jüngste ist vier.

Ich hatte eine beinahe sportive Lust, Job und Muttersein zu bewältigen. Meine Kinder waren alle gewünscht. Ich frage mich, warum die Natur das mit einem macht: Wer sagt einem, dass es gut ist, vier Kinder zu haben? Ich habe natürlich wiederholt, was ich selbst mit drei Geschwistern erlebt habe; auch Markus hat fünf Geschwister. Wir haben uns unser vertrautes Zuhause wiederhergestellt. Kaum hatte ich Freiräume nach einer Geburt, kam wieder die Lust auf ein Kind.

das Sie in den Theateralltag integrieren mussten.

Stillen in der Garderobe, dann wieder raus auf die Bühne – das fand ich mit Ende 20 toll. Das fühlte sich prall an. Das war natürlich absolut leistungsgesteuert. Das kommt von meinen Eltern, beide Flüchtlingskinder. Dieses Ethos, aus dem Nichts etwas zu erschaffen, hat mich geprägt. Ich habe nur Hauptrollen in Stuttgart gespielt und wollte gleichzeitig eine gute Mutter sein, habe genäht und gebacken. Erst in Hamburg merkte ich, dass ich mich selber ausbeute. Seitdem versuche ich, beide Welten zu trennen. Früher war es ganz klar, dass die Kinder ständig mit ins Theater kommen. Es war für sie ein zweites Zuhause. Aber das nervt auch: Man ist zur Hälfte hier, und zur Hälfte da.

Das macht eine Paarbeziehung nicht einfacher.

Die Herausforderung ist, sich in einem Modell nicht zu sehr einzurichten. Mal versuchen, die Rollen zu tauschen, Dinge sein zu lassen, dafür andere Aufgaben zu unternehmen. Nur so bleibt eine Beziehung haltbar.

Ute Hannig ist zu sehen in „Die Präsidentinnen“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg: nächste Aufführungen am 8., 9., 10. und 13.Januar

Haben es SchauspielerInnen denn heute leichter, Kinder zu haben?

Wenn früher eine Schauspielerin ein Kind hatte, war es fast immer ein Unfall. Man soff und diskutierte die ganze Nacht. Heute haben auch die Regisseure Kinder. Und fangen natürlich schon um zehn Uhr morgens mit den Proben an.

Obendrein hat das Schauspielhaus die erste weibliche Intendantin seiner Geschichte.

Und hat dabei den größten Erfolg! Wir haben so viele tolle Frauen im Ensemble, dass sich die Männer schon über mangelnde Rollen beklagt haben. Aber generell sind Männer noch immer mutiger, Dinge an sich zu nehmen. Das hat auch damit zu tun, dass Frauen immer alle mit ins Boot holen wollen. Da verliert man die Stringenz, etwas durchzuziehen. Frauen müssen sich sagen: Ich bin geil, ich mach das. Es gibt männliche Regisseure, die so schlecht sind – das würde sich keine Frau trauen. Immerhin: Das Theater ist heute freundlicher. Die Arschlöcher sterben aus.

Muss man ein Arschloch sein, um komplett in einer Rolle aufzugehen?

Ich glaube nicht. Die Arschlöcher haben Probleme mit sich selber und der eigenen Unzufriedenheit.

Was macht eine gute Schauspielerin aus?

Die beste Schauspielerin, die ich kenne, ist meine Kollegin Lina Beckmann. Die hat einen unglaublichen Zugriff auf die Dinge, die sie spielt. Sie geht mit ihren Figuren kräftig um, ohne sie zur Karikatur werden zu lassen. Man muss ihnen einen soliden emotionalen Boden verpassen. Es wird gut, wenn du Dinge virtuos darstellen und den Zuschauer berühren kannst. Wenn du noch mit den Kollegen als Team etwas kreierst, wird es besonders toll.

Man darf die Figuren aber nicht zu nah an sich heranlassen, oder?

Man muss die Grenze spüren, aber auch eine Durchlässigkeit schaffen. Früher dachte ich, ich müsste eine Figur ganz mit meiner Persönlichkeit füllen. Inzwischen habe ich gemerkt: Eine Figur kann sich jenseits von mir entwickeln. Dennoch kannst du nur etwas tun, was du im Kern selber spürst. In der Sehnsucht, in der Not muss es mit dir zu tun haben.

Sie haben einmal gesagt: „Meine Arbeit besteht darin, die Grenze zwischen Bühnenraum und Zuschauerraum zu überwinden.“ Wie ist das zu verstehen?

Das Theater ist einer der letzten Räume, der real und konkret ist. Zuschauer und Schauspieler müssen pünktlich an einem Ort erscheinen. Das öffnet Energiefelder. Manchmal ist das Publikum neugierig und aufgekratzt, manchmal ist es müde. Das Publikum ist mein dritter Partner. Aber die vierte Wand hat sich ja schon längst pulverisiert, manchmal nimmt das performative Element sogar überhand.

Auf der Bühne passiert manchmal zu viel?

Das Theater passt sich der Medienflut an, der Zapping-Mentalität. Für meinen Geschmack sollte es mehr dagegenhalten. Man muss nicht immer auf schnelle Wirkung gehen. In unserer Zeit, in der das Virtuelle immer mehr Raum einnimmt, wird der Theaterraum immer wertvoller.

Hatten Sie eigentlich geplant, nach Hamburg zurückzugehen und am Schauspielhaus zu spielen?

So etwas kann man nicht planen. Es war auch nicht unbedingt mein Wunsch. Das Schauspielhaus war für mich ein Olymp, den ich kaum berühren wollte. Deshalb war ich auch noch nie in der Geisterbahn, denn ich bin sicher: Meine Vorstellung davon ist viel aufregender als die Geisterbahn selbst. Es fiel mir richtig schwer, das Haus durch den Bühneneingang zu betreten. Es war, als ob ich den heiligen Gral entweiht hätte!

Jetzt sind sie bald anderthalb Jahrzehnte dort. Stellt sich da Routine ein?

Schade ist, dass sich ein Bild entwickelt, das die Leute von einem haben. Das ist schwer zu durchbrechen. Die Leute meinen, man sei nur für diese und jene Rolle gut. Routine ist weniger das Problem: Man bleibt frisch, weil jede Arbeit bei null beginnt, mit neuen Kollegen und Regisseuren. Theater ist flüchtig.

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