Verlust im Schnee: Das Bärchenportemonnaie

Wenn ich Schnee sehe denke ich daran, wie ich mal mein Portemonnaie im Wald verloren haben. Denn das Portemonnaie und sein Schicksal waren besonders.

Blick in den Fichtenwald des Eckertals im Nationalpark Harz.

Kein Ort, um leicht ein Portemonnaie wiederzufinden: der Harz Foto: dpa | Swen Pförtner

Immer. Immer, wenn ich Schnee sehe, wenn die letzten Reste von Weiß auf den Straßen und Büschen kleben, dann denke ich an das ­Bärchen. An den Wald, der mein Bärchenportemonnaie verschluckte. An den Frust, die ­Resignation und Freude.

Es war vor ein paar Jahren: Ein alter Schulfreund und ich kommen in einem kalten Winter zu einem Freundschaftstreffen in Göttingen zusammen. Von dort fahren wir in den Harz zum Wandern. Als wir an einem Bahnhof aussteigen und in den Wald laufen, sind die Bäume dort kahl, die Äste abgesägt, weite Flächen sind abgeholzt. Darauf liegt Schnee, weiße Reste auf Braun.

Wir haben kaum etwas mit. Ich habe ein ledernes­ Bärchenportemonnaie in der Jackentasche, das wie der Kopf eines Teddybären geformt ist. Die Nähte zeigen ein freundliches Bärchengesicht. Das Portemonnaie ist ein Geschenk. Es ist groß genug, dass mein Personalausweis, meine Bankkarte und Geld knapp darin Platz haben. Klein genug, dass es genau in meine ­Jackentasche passt.

Als wir schließlich tieferen Wald erreichen, ist es kalt und glatt. Die Gegend ist seltsam unwirtlich. Wir spüren kein Ankommen im Wandern. Nach einer Weile kehren wir um.

Erst zurück am Bahnhof fällt mir auf, dass meine Jackentasche leer ist. Das Portemonnaie ist nicht mehr da. Es muss mir beim Gehen ­herausgefallen sein.

Wir laufen einige hundert Meter zurück zum Wald. Doch es ist schnell klar, dass es aussichtslos ist zu suchen. Der Boden ist voll Laub, Schlamm und Schnee. Wir müssten den ganzen Weg wieder zurückgehen. Ich könnte es überall verloren haben. Der nächste Zug kommt bald. Der darauffolgende viel später. Wir fahren ab.

Gefühl von Haltlosigkeit

Ich bin traurig und ärgere mich über mich selbst.

Mit einem merkwürdigen Gefühl von Haltlosigkeit, ohne die Anker von Personalausweis und Bankkarte in der Tasche, fahre ich zurück nach Hamburg. Ich bin auch traurig wegen des Bärchenportemonnaies.

In Hamburg erfahre ich, dass man den Verlust des Personalausweises bei der Polizei melden soll. Auf der Wache schildere ich dem ­Polizeibeamten, dass ich mein Portemonnaie im Wald verloren habe. „Wie sah es denn aus“, fragt der Polizist.

„Es war ein Bärchenportemonnaie“, antworte ich.

Er schaut hinter dem Tresen auf: „So, so, ein Bärchenportemonnaie“. Er lächelt. Dann tippt er Bärchenportemonnaie in sein Formular, als würde es ihm Freude machen, das Wort aufzuschreiben.

Nachricht von der Polizei

Ich habe wenig Hoffnung, dass mein Portemonnaie im Wald gefunden wird. Doch ein paar Wochen später geschieht etwas Unerwartetes.

Ich erhalte Nachricht von der Polizei: Mein Portemonnaie wurde gefunden.

Ich soll wieder zur Wache kommen. Dort muss ich Aussehen und Inhalt beschreiben, dann wird mir mein Bärchenportemonnaie ausgehändigt.

Das Leder ist von der Witterung dunkelbraun angelaufen und vertrocknet. Es ist deutlich, dass das Bärchenportemonnaie lange im Wald lag. Doch alles ist noch drin. Der Personalausweis, die Bankkarte. Angelaufene Geldscheine, die sich wellen. Doch sie sind noch benutzbar. Die Polizei kann mir die Adresse des Herren nennen, der das Portemonnaie gefunden hat. Vielleicht hat er angegeben, dass die Polizei sie weitergeben darf.

Ich schreibe dem Finder eine Karte und lege einen der getrockneten Geldscheine, die die Witterung überlebten, in den Umschlag. Ich bedanke mich dafür, dass er alles im Portemonnaie gelassen und es weitergegeben hat. Dass mir das viel bedeutet. Das Portemonnaie und sein Handeln. Ich habe nie eine Antwort von ihm erhalten.

Aber bis heute, wenn Schnee liegt, denke ich an den Wald, das Bärchen. Dass etwas im Schnee verloren geht. Und dass es nach einer Weile aufgehoben wird.

Merkwürdigerweise habe ich das Portemonnaie seitdem nie wieder benutzt. Das brüchige Leder, der verlaufene Farbton hatten irgendwie etwas Abgeschlossenes, als wäre damit auch ein bestimmter Zeitabschnitt zu Ende.

Aber ich habe es bis heute behalten. Und wenn ich es anschaue, stelle ich mir den Spaziergänger vor, wie er mitten im Wald im Schnee dieses Bärchengesicht findet.

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Christa Pfafferott schreibt die Kolumne "Zwischen Menschen" für die taz. Sie wurde zum Dr. phil. in art. an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg promoviert. Sie hat zuvor Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert. Sie lebt als Autorin und Regisseurin in Hamburg.

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