Verschwendung von Lebensmitteln

Koalition streitet um Haltbarkeitsdatum

Viele Verbraucher denken irrtümlich, sie müssten Lebensmittel nach dem Mindesthaltbarkeitsdatum wegwerfen. Die Koalition diskutiert jetzt über einen eindeutigeren Begriff.von JOST MAURIN

Länger genießbar: Weil viele noch genießbare Lebensmittel im Müll landen, wird über das Mindesthaltbarkeitsdatum gestritten.  Bild:  dpa

BERLIN taz | Im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung fordern FDP-Politiker, den Begriff "Mindesthaltbarkeitsdatum" zu ersetzen. "Ich bin dafür, Lebensmittel mit zwei Angaben zu versehen: voller Genuss bis zum Tag X und essbar bis zum Tag Y", sagte der Vorsitzende des Bundestags-Agrarausschusses, Hans-Michael Goldmann, am Mittwoch der taz.

Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) suggeriere fälschlicherweise, die Ware sei nach diesem Termin gesundheitsgefährdend. Dabei muss sie laut Gesetz bis zu diesem Datum auch ihre "spezifischen Eigenschaften" behalten - etwa Farbe, Geschmack und Konsistenz. Zum Verzehr geeignet ist das Lebensmittel meist noch Tage länger. Trotzdem landen laut Goldmann schon vorher jedes Jahr Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll.

Europäer und Nordamerikaner werfen einer Studie des UN-Landwirtschaftsorganisation FAO zufolge im Schnitt 95 bis 115 Kilogramm pro Kopf und Jahr weg. Weltweit würden ein Drittel aller Lebensmittel vergeudet. Dadurch verschwinden Nahrungsmittel vom Weltmarkt, was dazu beiträgt, dass rund eine Milliarde Menschen hungern.

84 Prozent der Deutschen werfen Nahrungsmittel weg, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen oder die Ware verdorben ist, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag des  Bundesverbraucherministeriums zeigt. Große Supermarktketten nehmen "abgelaufene" Ware aus den Regalen, statt sie zu einem reduzierten Preis zu verkaufen.

Das belegte etwa eine Stichprobe der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Das Personal befand die Reduzierung für ,zu aufwändig' - oder verwies darauf, dass ,Waren immer zwei Tage vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums aussortiert werden' ", berichteten die Verbraucherschützer.

Von zwei Dutzend befragten Handelsketten antworteten demnach nur drei, dass sie ihre Filialen angewiesen hätten, MHD-Ware mit Preisabschlag zu verkaufen: Kaufland, Netto und die Biokette Alnatura. Sechs Konzerne erklärten wenigstens, dass sie wegen des MHD aussortierte Produkte an Hilfsorganisationen wie die Tafeln spendeten. In welchem Umfang, ließen die Firmen aber offen.

Aigner will Information statt neuer Regeln
 

Dennoch plant Verbraucherministerin Ilse Aigner nicht, die Vorschriften für das MHD zu ändern. "Auch eine Abschaffung steht für uns nicht zur Diskussion." Schließlich sei das "auf EU-Ebene einheitlich geregelt", sagte eine Sprecherin der CSU-Politikerin. Und: "Das MHD ist eine große verbraucherpolitische Errungenschaft, da es über die Güte eines Produkts informiert."

Das Verbrauchsdatum auf besonders verderblichen Lebensmitteln wie Hackfleisch dagegen gebe an, bis wann der Verzehr unbedenklich für die Gesundheit ist. Dieser Unterschied müsse aber noch bekannter gemacht werden, erklärte die Sprecherin. Dazu nutze das Ministerium unter anderem seine Kampagne zum Wert von Lebensmitteln. Die hat aber bisher offensichtlich kaum die Abfallmenge reduziert.

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