Vor der Abstimmung über den Brexit

Nur die Alten sind gegen die EU

In Wales findet sich wenig Begeisterung für das EU-Referendum. Landwirte und StudentInnen plädieren für einen Verbleib.

Schilder in einer grünen Landschaft

Eher ländliche Wahlwerbung der Liberaldemokraten für die Kandidatin Elizabeth Evans Foto: Daniel Zylbersztajn

ABERYSTWTH taz | Die walisische Hafen- und Marktstadt am St.-Georgs-Kanal hat eine reichhaltige Geschichte, darunter den blutigen Konflikt zwischen Engländern und Walisern. Rund 13.000 Menschen leben hier im Bezirk Ceredigion in idyllischer Umgebung. Dazu kommen jedes Jahr zusätzlich etwa 10.000 Studenten der Universität Aberystwyth. Laut einer Versicherungsgesellschaft ist es die sicherste Stadt Großbritanniens. Die Gesamtzahl gestohlener Fahrräder betrug 2015 genau zwölf.

Das Interesse an den Regionalwahlen zum walisischen Senat, dem Senedd, am 5. Mai oder dem EU-Referendum am 23. Juni ist derzeit gering. Die meisten Befragten sind unentschlossen. Bei den letzten Wahlen zum Senedd lag die Beteiligung bei 51 Prozent.

Der walisische Senedd hat relativ viele Rechte, ab 2020 soll er sogar über eigene Steuern befinden können. Seit den ersten Wahlen zum neu geschaffenen Parlament im Jahre 1999 siegte im Bezirk Ceredigion stets die Nationalpartei Plaid Cymru mit über 40 Prozent der Stimmen. Im Rest von Wales dominiert jedoch Labour. Dennoch prangen in der Stadt viele orangefarbene Plakate, mit denen die Liberaldemokraten Plaids Vormacht in Aberystwyth brechen wollen.

Manche stehen den walisischen Wahlen skeptisch gegenüber, ja hinterfragen sogar den Sinn der Institution selber. „Der Senedd baute bisher nur teure Gebäude und die Politik bezieht sich hauptsächlich auf die Region um Cardiff“, sagt die Floristin Sally Walker, 42. „Was nützt uns ein neuer Flughafen in Cardiff, wenn wir von hier da nicht gut hinkommen?“ Sie fordert stattdessen bessere Verkehrsverbindungen innerhalb von Wales.

„Seit Millionen Jahren durch Wasser getrennt“

Von den KandidatInnen aller Parteien hat sie bisher niemanden gesehen, obwohl ihr Blumenladen mitten in der Stadt liegt. Sie bevorzugt Labour, sagt sie. Eine klare Haltung hat sie jedoch zum EU-Referendum. „Ich will, dass wir in der EU bleiben, schon allein wegen der Blumen, die kommen aus allen Ländern!“

Am 23. Juni 2016 entscheiden die WählerInnen Großbritanniens in einem Referendum über ihren Verbleib in oder ihren Austritt aus der EU. Der Ausgang dieses Referendums wird erhebliche Auswirkung auf das Land haben. Die Vorhersagen geben derzeit keine klare Tendenz vor. Viele WählerInnen sind unentschlossen. In einer losen Serie bis zum Juni veröffentlicht die taz Stimmungsbilder. Bisher gab es Folgen aus Dover, Wales, Cornwall.

Auch StudentInnen wie Courtney Melville, 19, oder IT-Student Sean Gemmel, 21, wollen in der EU bleiben. Die Leitung der Universität bezog Stellung gegen einen Austritt. Sie bangt um ihre Zuschüsse aus Brüssel. Unter den vielen Landwirten der Gegend sprechen sich ebenfalls viele für den EU-Verbleib aus, denn ohne die Agrarzuschüsse der EU ginge es nicht. Schafzüchter Rheinallt Richards, 56, erklärt, dass viele seiner Schafe nach Frankreich und Spanien exportiert würden.

Der gleichaltrige Züchter Garry Dean ist völlig anderer Meinung. Als Grund nennt er vier seiner Schafe. „Sie gehören einer sehr raren Schafrasse an. Die EU tat und tut nichts für ihren Erhalt!“ Er glaubt, dass ein unabhängiges Großbritannien sich für sie einsetzten würde.

Doch er ist einer von wenigen hier, die sich gegen die EU aussprechen, meist sind es Männer über 65. Sie beschweren sich über die Kontrolle aus Europa und über Immigranten. „Ich will kein Europäer sein, wir sind seit Millionen Jahren durch Wasser getrennt“, meint Rentner Karl Smith, 66. Und die Europäische Union, der Großbritannien 1973 beigetreten sei, sei ja eine ganz andere gewesen.

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Die Mehrheit der BritInnen hat für den Brexit gestimmt. Was bedeutet das für eine EU, die ohnehin in der Krise ist?

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