WM-Analyse des Bundestrainers

Freuet euch all!

Jogi Löw hat nach dem desaströsen WM-Auftritt der DFB-Elf seine Analyse präsentiert. Ein neuer Spielstil muss her. Alles andere bleibt. Gut so!

Joachim Löw hebt den Finger

Danke, Jogi! Foto: ap

Joachim Löw bleibt uns erhalten. Trotz Vorrundenaus bei der WM. Trotz Özil. Trotz allem. Das wissen wir schon seit ein paar Wochen. Wie großartig es für den deutschen Fußball ist, dass Löw als Trainer der deutschen Männerfußball-Nationalmannschaft weiterarbeiten wird, das wissen wir seit Mittwoch. Da setzte sich ein Bundestrainer vor die vom allzu frühen WM-Aus der deutschen zum Teil immer noch angefasste Sportpresse und versuchte in aller Ruhe zu erläutern, woran es nun gelegen habe, dass die Deutschen in Russland plötzlich nicht mehr mithalten konnten mit den besten Fußballnationen der Welt.

Es war eine Bilanz-PK, wie sie der deutsche Fußball noch nicht erlebt hat. Hat jemals ein Trainer seine Thesen vor der Presse mithilfe einer Folienpräsentation darzulegen versucht? Hat überhaupt je ein Trainer eine so klare Fehleranalyse präsentiert? Und welcher Coach hat nach dem Scheitern seiner Mannschaft so eindeutig mit dem Finger auf sich selbst gezeigt und der Öffentlichkeit klargemacht: Ich war’s. Viele wird man in der Trainerzunft nicht finden, die so gnadenlos mit sich selbst ins Gericht gegangen sind.

Er habe zu viel auf das Ballbesitzspiel gesetzt, hat Löw gesagt. Im Ligabetrieb sei das bei einer begabten Truppe vielleicht genau die richtige Spielweise, im K.-o.-Wettbewerb Fußball-WM aber könne man so nicht bestehen. Löw hat eine klare These formuliert, auf deren Grundlage er nun mit seinen Spielern arbeiten will. Er will das Spiel der Nationalmannschaft umsteuern. Das ist ein gewaltiges Vorhaben, mit dem gewiss interessante Zeiten auf den deutschen Fußball zukommen. Freuen wir uns doch einfach drauf, statt einzudreschen auf Löw und einen totalen Neuanfang zu fordern.

Wie könnte so ein Großreinemachen im deutschen Fußball überhaupt aussehen? Alle sogenannten WM-Versager rausschmeißen? Das Schmettern der Nationalhymne trainieren? Eine Wir-nageln-den-Franzmann-an-die-Wand-Rhetorik etablieren? Eine Trainerberatungskommission mit Franz Beckenbauer, Stefan Effenberg und Lothar Matthäus beim DFB einrichten?

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Wie schön, dass uns all das erspart bleibt! Wie schön, dass uns Joachim Löw mit seiner beherrschten Art erhalten bleibt. Högschde Zeit, sich darüber zu freuen.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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