Was im Kopf eines Sammlers vorgeht

„Es ist krank, 100 Schuhe zu haben“

Janiv Koll sammelt Sneaker von Nike und ist ein Connaisseur der Szene. Er liebt die Altersspuren seiner Objekte – und vergleicht sie mit seiner Oma.

Janiv Koll steht vor seiner Turnschuhsammlung, die seine ganze Zimmerwand ausfüllt

Die Suche nach dem nächsten Schuss. Foto: Karsten Tiehlker

taz: Turnschuhe prägen heute die urbanen Stadtbilder. Wie hat Ihre Leidenschaft fürs Sneaker-Sammeln begonnen?

Janiv Koll: Es war klar, dass ich mir von meinem ersten selbst verdienten Geld Sneakers kaufen würde. Meine Familie hatte nicht viel Geld, aber ich hatte schon eine kleine Leidenschaft für Schuhe. Tagelang überlegte ich, welcher Schuh es werden sollte, doch als ich das Geld zusammen hatte und vor dem Regal stand, war auf einmal alles ganz klar. Ich wollte den Nike Air Max 1 Leather SC. Mein Modell hatte weißes Leder, einen dunkelblauen Swoosh (siehe Kasten), rote punktuelle Designs an den Ösen und der Hacke und eine rote Bubble (siehe Kasten). Egal von welcher Seite ich den Schuh betrachtete, alles war parallel, stromlinienförmig, stimmig. Als hätte ich ihn mir für mich selbst gemacht. Zeitlos, perfekt.

Haben Sie den Schuh noch?

Jahrgang 1984, aufgewachsen in Freiburg, Schuhgröße 44, sammelt Sneaker. Aber nur ein Modell: Nike Air Max 1. Davon hat er 190 Paar und die Sammlung hat mittlerweile einen hohen fünfstelligen Wert. Bezahlt hat er etwa ein Drittel.

Natürlich nicht. Damals habe ich Schuhe einfach durchgetragen, bis sie nach einem Jahr kaputt waren.

Wie viel ist Ihre Sammlung wert?

Schwer zu sagen. Es gibt keine Referenzpreise. Einige Schuhe aus meiner Sammlung gibt es unter zehn mal, weil zum Beispiel die Produktion geändert wurde und nur Musterexemplare in Umlauf gekommen sind.

Tragen Sie die meisten Schuhe Ihrer Sammlung?

Swoosh - Nike-Logo

Bubble - Sichtbare Luftkissen in der Sohle

Upper - Obere Teil des Schuhs im Gegensatz zur Sohle

Mudguard - Übergang von Sohle zum Upper

Colorway - Farbzusammenstellung des Schuhs

Toebox - Schuhspitze

Grail - Schuh, den man unbedingt haben möchte, aber nicht mehr bekommt

Ein paar kann ich nicht mehr tragen, weil die Weichmacher zerfallen sind. Die Sohle würde brechen. Aber das stört mich nicht. Sie sind Teil meiner Sammlung. Ich liebe die Altersspuren. Genau wie bei meiner Oma, da stimmt auch jede Falte. Man könnte den Schuhen eine neue Sohle verpassen, aber das wäre so absurd, als würde sich meine Oma sich liften lassen.

Kennen Sie alle 1er (Nike Air Max 1), die es gibt?

Die meisten. Neulich habe ich einen von '98 gesehen, den ich nicht kannte. Da kam ich mir vor wie ein Biologe in der Tiefsee, der einen Fisch mit leuchtendem Kopf entdeckt. Die Modelle ab 2008 sind mir ein bisschen egal.

Warum?

Die alte Produktion war in Korea, später in Thailand. 2008 ist Nike nach China umgezogen und hat das Schnittmuster verändert. Der Mudguard (siehe Kasten) war dann nicht mehr parallel zur Sohle, sondern verzog an der Hacke nach oben. Das hat das Design komplett zerstört. Außerdem war die Toebox (siehe Kasten) auf einmal kantig. Gute Sammler sind sich einig, dass der Schuh so inakzeptabel ist. Bei manchen habe ich die Toebox mit nassem Tuch angebügelt, damit sie runder wird. 2016 hat Nike darauf reagiert und Sammler können seitdem wieder einsteigen.

Was war der Höchstpreis, den Sie für einen Schuh bezahlt haben?

1.500 Euro. Aber auch nur, weil ich weiß, dass er mehr wert ist. Mein Schuhgeld liegt auf meinem Paypalkonto. Dorthin transferiere ich nur Geld, was von Schuhen kommt und geht. Getrennt vom Girokonto. Es ist wichtig, sich Grenzen zu setzen. Wenn du 700 für einen Schuh zahlst, kannst du auch 900 zahlen. Aber dann kannst du auch 1.000 zahlen und so weiter.

Würden Sie die Sammlung verkaufen?

Gedankenspiele habe ich schon gemacht, aber nicht konkret. Ich plane nie lange im Voraus. Ich lebe vom Online-Pokern auf einer dubiosen chinesischen Website. Vielleicht verarme ich nächstes Jahr. Doch bevor ich mich im Angestelltenverhältnis versklaven lasse, verkaufe ich lieber die Schuhe. Sonst würde ich depressiv.

Sie haben auch noch 3.000 bis 4.000 Schallplatten und inszenieren immer einen Schuh und eine Platte gemeinsam auf Instagram. Wie sind Sie darauf gekommen?

Es war die naheliegenste Variante, beide Sammlungen zu kombinieren. Ich wollte nicht einfach Bilder meiner Schuhe auf Instagram stellen.

Fehlen Ihnen noch Schuhe in der Sammlung?

Vier, fünf Paare habe ich noch nicht. Aber die gehen nicht in den Verkauf oder werden zu teuer. Ich werde sie nicht finden. Genauso wie mein Grail (siehe Kasten): der 86er (Nike Air Max 1 von 1986). Ich habe die Hälfte der Menschen, die diesen Schuh besitzen, intensiv kontaktiert, wurde jedoch abgewiesen. Mit Selbsterniedrigung, Heulsusentum, über Monate hinterherrennen. Ich habe Dinge getan, die ich anmaßend fände, würde das jemand bei mir machen.

Ist das Sammeln zwanghaft?

Klar. Für mich geht Sammlertum Hand in Hand mit einer Zwangsneurose. Es ist völlig krank, 100 Paar Schuhe zu haben. Man braucht noch nicht mal fünf Paar. Ich habe auch noch keinen Sammler gefunden, der das anders sieht. Aber jeder hat seine Vorlieben. Eigentlich braucht man nur Wasser, Brot, Vitamine und ein Dach über dem Kopf. Aber was wäre das für ein Leben, wenn man nur macht, was sein muss? Für mich ist es Lebensqualität und solange keine Kinder darunter leiden, kann man mit seinem Geld doch alles machen.

Aber es leiden doch Kinder darunter – manche Schuhe entstehen durch Kinderarbeit.

Es ist für mich schwierig, diese Frage zu beantworten, ohne meine Integrität zu verlieren und mich abgestumpft zu fühlen. Ich bin entromantisiert. Für mich ist die Welt tendenziell ein schlechter Ort und daran ändert sich nichts. Wenn ich Nike als so böse bewerte, dass ich die Schuhe nicht mehr trage, kann ich nichts mehr tragen. Natürlich gibt es Graustufen. Aber niemand produziert Dinge, um der Welt zu helfen. Ich habe großen Respekt vor Leuten, die sich einschränken, aber ich bin zu hedonistisch, um das Wohl des großen Ganzen über meine eigene Ästhetik zu stellen. Das ist natürlich ignorant, aber ich bin einfach kein Pionier. Ich kleiner Mensch werde die Welt nicht verändern.

Wie hat sich Ihre Sucht über die Jahre verändert?

Sie rückt gerade etwas in den Hintergrund. Entweder gibt es neue Schuhe, die leicht zu bekommen sind, oder solche, die ich nicht mehr bekomme. Das Besitzdenken ist der ausschlaggebende Impuls. Es geht nicht darum, den Schuh wirklich zu tragen. Sondern man setzt es sich in den Kopf und will ihn einfach besitzen. Man weiß vielleicht vorher schon, dass man ihn nie tragen wird. Aber der Gedanke verselbständigt sich. Der Schuh ist dann gar nicht mehr so wichtig, sondern die Jagd danach. Manchmal will ihn jemand vielleicht nicht verkaufen und das triggert mich dann noch mehr. Die Unerreichbarkeit, das Mystische. Und wenn du ihn endlich in der Hand hältst, hast du es geschafft. Die Freude verfliegt dann schnell und es folgt die Frage: was jetzt? So wie die Suche nach dem nächsten Schuss.

Haben Sie eine gute Hausratversicherung, um Ihre Sammlung abzusichern?

Nein. Aber wenn mir jemand Schuhe klauen und im Netz verkaufen würde, erkenne ich sie. Ich kenne jeden Knick und Kratzer meiner Schuhe.

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