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Zweiter Wahlgang in Brasilien Die Nicht-Wähler vom Sofa holen

Christine Wollowski

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Christine Wollowski

Der sozialistische Präsident Lula muss den Menschen in Brasilien klar machen, was auf dem Spiel steht. Seine letzte Hoffnung: die Nichtwähler.

V iel schlimmer hätte es kaum kommen können: Nach dem ersten Wahlgang führt Flávio Bolsonaro zwei Prozentpunkte vor Lula. Der Senat gerät unter die Kontrolle der Rechten. Die Bolsonaro-Partei PL stellt fünf Gouverneure und 99 neue Abgeordnete und wird stärkste Kraft im Parlament. Eine brutale Niederlage für Mitte-links. Und das, obwohl Lula noch kurz zuvor die Sozialhilfe und den Grundfreibetrag erhöht hatte. Und obwohl der angebliche Familienmensch und Pfingstler Flávio sich mit Prostituierten vergnügt hatte.

Der ehemalige Gewerkschaftsführer Lula ist nicht mehr der Heilsbringer von früher. Die meisten Wähler haben vergessen, dass sie Lula fast alle Sozialleistungen, viele Universitäten und ihren bescheidenen Wohlstand verdanken. Sie sind der Skandale müde und lassen sich einreden, die PT sei allein an den Korruptionsskandalen schuld, in die bisher deutlich mehr Mitglieder der rechten PL als der linken PT verwickelt sind.

Den Wählern müssten nur die Augen geöffnet werden, wer Flávio wirklich ist, glauben viele Linke. Doch die Rechte schafft es, vor allem über soziale Medien, Narrative und Bilder zu etablieren, die von Fakten nicht zu beeinträchtigen sind. Schon Vater Jair erntete Jubel, als er öffentlich seinen Rassismus und Frauenhass auslebte.

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Bolsonaristas wenden sich nicht von Flávio ab, nur weil er sich in den paramilitärischen Organisationen von Rio zu Hause fühlt. Flávio gilt ihnen als Gottesmann, egal ob er Mörder verteidigt oder ein rückständiges Frauenbild hat. Sein Bild in der Öffentlichkeit ist wie ein Avatar, der unabhängig von den Aktionen und Charaktereigenschaften der Person dahinter existiert.

Lulas letzte Hoffnung, in der Stichwahl doch noch zu siegen, sind die Nichtwähler. Jeder fünfte Berechtigte ist nicht zur Wahl gegangen. Manche haben es nicht bis ins Wahllokal geschafft, weil sie auf dem Land wohnen. Andere meinen: Ist doch eh egal, die Politiker sind alle gleich. Und wieder andere haben gedacht, Lula brauche ihre Stimme gar nicht, weil er sowieso im ersten Wahlgang gewinnen würde. Möglichst viele dieser Nichtwähler muss Lula vom Sofa hochholen und in die Wahllokale locken. Sie bei der Angst packen, dass sie unter Bolosnaro Sozialleistungen und damit Lebensqualität verlieren könnten.

Seit die Wahlergebnisse bekannt sind, jubelt die Rechte über ihren „sicheren Sieg“; Bolsonaro junior kündigt Verfassungsänderungen und Justizreformen an. Die erste Umfrage nach dem Wahlsonntag zeigt ihn für die Stichwahl mit vier Punkten vor Lula. Gleichzeitig versuchen im ganzen Land Gruppen linker Aktivisten, das Blatt doch noch zu wenden.

Eine eventuelle Brandstiftung an der Hochschule von Pernambuco UFPE wirkt wie ein Vorgeschmack auf eine Gewaltwelle, die ein Regierungswechsel auslösen könnte. Doch dass bei dieser Wahl auch die Demokratie und die Souveränität des Landes auf dem Spiel stehen, ist für den Wahlkampf womöglich zu abstrakt.

Christine Wollowski

Christine Wollowski Brasilien-Korrespondentin

Christine Wollowski ist Mitglied des internationalen Korrespondentennetzwerkes weltreporter.net und Brasilien-Korrespondentin der taz. Außer über Tagespolitik schreibt sie vor allem über soziale Ungleichheit, Rassismus und Umweltfragen.
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