taz-Ausstellung in der Bürgerschaft

Herumgeisternde „Erbstücke“

In welcher Form will sich Bremen mit seiner historischen Rolle als Logistik-Zentrum in Sachen „Arisierung“ befassen?

Lager mit geraubten Möbeln jüdischer Familien. Foto: Stadtarchiv Oberhausen

BREMEN taz | Die Stühle stapeln sich bis unter die Decke, andere Bereiche der Lagerhalle sind mit Klavieren voll gestellt. Nicht weit davon stehen Badewannen. Sofas und Tische haben wiederum eigene Bereiche. Das Foto von 1943, das die in ganz Westeuropa zusammengeraubten Besitztümer jüdischer Familien zeigt, ist ab Dienstag in der Bremer Bürgerschaft zu sehen. Zusammen mit Entwürfen und Modellen für ein Bremer Mahnmal, das die umfassende „Arisierung“ jüdischer Besitztümer zugunsten breiter Bevölkerungskreise thematisiert.

Die Ausstellung hat den Titel „Spuren der Beraubung – Ideen für ein Bremer „Arisierungs“-Mahnmal und basiert auf einem Ideen-Wettbewerb, den die taz im Februar auslobte. Neben bekannten KünstlerInnen wie Bernd Altenstein oder Achim Ripperger beteiligten sich Studierende und SchülerInnen – eine Klasse des Hamburger Ossietzky-Gymnasiums gleich mit sechs Konzept-Skizzen.

Neben einer Auswahl all’dieser Entwürfe zeigt die Ausstellung historische Objekte, die aus den damaligen „Juden-Auktionen“ und Schnäppchen-Verkäufen stammen. Die heutigen BesitzerInnen diese Dinge, die sowohl kostbare Objekte als auch schlichte Haushaltsgegenstände sein können, sind sich der speziellen Herkunft dieser familiären Erbstücke bewusst geworden – und haben sich für einen öffentlichen Umgang damit entschieden.

Auch zahlreiche Ideen-Einsender haben den taz-Wettbewerb zum Anlass für Recherchen in der eigenen Familiengeschichte genommen und sich auf diese Weise auch sehr persönlich mit dem Thema „Arisierung“ auseinandergesetzt. Auffällig ist jedoch, dass es im öffentlichen Raum noch nirgendwo ein Mahnmal zu geben scheint, das „die materielle Seite“ des Holocaust explizit in den Fokus nimmt.

„Spuren der Beraubung – Ideen für ein Bremer ,Arisierungs‘-Mahnmal“ wird am Dienstag, 28. 6., um 18 Uhr von Parlamentspräsident Christian Weber eröffnet. Laufzeit: bis zum 12. 8., zu sehen zwischen Montag und Freitag (10 –17 Uhr) im Festsaal der Bürgerschaft.

Gezeigt werden aus jüdischem Besitz geraubte Objekte sowie eine Auswahl der Entwürfe und Modelle des taz-Wettbewerbs „4 qm Wahrheit“ – darunter „Leerstellen und Geschichtslücken“ von Angie Oettingshausen. Diesen Entwurf schlägt die mit externer Mehrheit (Elvira Noa, Arie Hartog, Marcus Meyer) besetzte Jury des taz-Wettbewerbs zur Realisierung vor.

Viele weitere Einsendungen sind in einer Online-Galerie auf www.taz.de/denkmal zu sehen.

Die Ausstellung will deswegen auch zur Diskussion stellen, welche besonderen Gründe Bremen hat, sich für ein „Arisierungs“-Mahnmal zu engagieren. Zwei historische Umstände erklären, warum das auf Transport und Logistik gestützte „Arisierungs“-Geschäft in Bremen – trotz eines nicht sehr hohen jüdischen Bevölkerungsanteils – besondere Dimensionen hatte.

Zum einen flüchteten zahlreiche jüdische Familien aus ganz Deutschland über Bremerhaven. Dort jedoch mussten sie immer öfter ihren (in sogenannten Lifts verpackten) Besitz in der „Obhut“ von Firmen wie F. W. Neukirch oder Friedrich Bohne zurücklassen. Dieser wurde dann auf „Juden-Auktionen“ zugunsten der Finanzbehörde versteigert.

Zum Zweiten ist Bremen Stammsitz der Firma Kühne + Nagel, dem heute weltweit drittgrößten Logistik-Konzern. Die Firma war, ebenso wie andere Bremer Speditionen, am „Auswanderer-Geschäft“ beteiligt. Ihre zentrale Bedeutung erwächst jedoch aus der maßgeblichen Rolle, die Kühne + Nagel im Rahmen der „Aktion M“ spielte. „M“ steht für Möbel. Die „Aktion M“ hatte das Ziel, möglichst große Teile des Besitzes der aus Frankreich und den Benelux-Ländern geflüchteten oder deportierten jüdischen Bevölkerung nach Deutschland zu schaffen.

Kühne + Nagel hatte schon direkt nach dem Einmarsch der Wehrmacht eigene Niederlassungen in den besetzten Ländern eingerichtet. Zwischen 1942 und 1944 wurde der komplette Inhalt von etwa 70.000 Wohnungen und Häusern nach Deutschland transportiert. Historiker wie Wolfgang Dreßen sprechen von einem Monopol, das sich Kühne + Nagel dabei gegenüber der Konkurrenz erkämpft habe. Kühne + Nagel war für den Streckentransport zuständig, die Zuarbeit vor Ort wurde von einer Vielzahl lokaler Akteure erledigt. Etwa 500 Frachtschiffe und 735 Züge kamen zum Einsatz, die insgesamt 29.463 Waggon-Ladungen nach Deutschland brachten.

Der damalige „Gau Weser-Ems“ profitierte in besonderer Weise: Er erhielt fast ein Drittel der unter den „Gauen“ des Reichs verteilten jüdischen Habe aus Westeuropa. Die ex­trem vergünstigte, für manche kostenlose Ware galt als „siegwichtig“ im Sinn der Aufrechterhaltung der „Kriegsmoral“. In Städten wie etwa Lüttich wurde der Sicherheitsdienst (SD) angewiesen, die Massenverhaftung jüdischer Einwohner „baldmöglichst“ zu beschleunigen, damit deren Möbel beschlagnahmt werden konnten. Der Historiker Frank Bajohr bescheinigt den Beteiligten an der „Aktion M“ daher eine „relative Nähe zum Massenmord“.

2017 jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem die „Aktion M“ begann. 1942 traf der erste von der Firma Kühne + Nagel gecharterte Frachter in Bremen ein. Die in Amsterdam aufgenommene Ladung umfasste laut Transportliste unter vielem anderen: 220 Armsessel, 105 Betten, 22 Nachttische, 32 Uhren, elf Schirmständer, sechs Papierkörbe, ein Grammophon und zwei Kinderwagen.

Die Weiterverteilung solcher Güter fand unter anderem im Hemelinger Tivoli, in der Schießhalle der Bremer Schützengilde und in der Ankleidehalle des Weser-Stadions statt, das in „Bremer Kampfbahn“ umbenannt worden war.

2017 wäre also ein passendes Jahr zur Eröffnung eines Bremer „Arisierungs“-Mahnmals – das Bremens besondere Rolle bei der Logistik der „Verwertung“ reflektiert. Die Ausstellung, die die taz in Kooperation mit der Bürgerschaft veranstaltet, soll Gelegenheit bieten, dieses Ansinnen zu diskutieren.

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