Ein Redakteur für innere Sicherheit lebt mit der Lücke. Einige werden daran verrückt. Nicht Wolf Schmidt. In „Jung. Deutsch. Taliban“ untersucht er islamistische Jugendkultur.von Daniel Schulz

Was fasziniert Jugendliche am Islamismus? Wolf Schmidt hat es rausgefunden. Bild: Kai Löffelbein
Vielleicht hat alles mit diesem Besuch angefangen. Es war im Sommer 2009, Wolf Schmidt und ich saßen in der Al-Nur-Moschee, im Berliner Bezirk Neukölln. Laut den Berichten vieler KollegInnen war dieser schmucklose Bau hier eines der Zentren des Salafismus in Deutschland, einer radikalen Spielart des Islam. Vielleicht gar eine Stätte an der die künftige Terroristengeneration heranwuchs. Zu uns war man freundlich, teilte das Essen mit uns, versuchte uns auf nette und ein wenig hilflose Art zu missionieren.
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Ein ehemaliger Kampfsportler brachte uns den Islam als „Update des Christentums“ nahe, sein Freund, ein früherer Kleinkrimineller pries seine Errettung aus seinem früheren Leben. Was der Prediger zu sagen hatte, erinnerte mich bis in den exakten Wortlaut an meine eigene Vergangenheit in einer christlichen Gemeinschaft, die man hierzulande wohl als Sekte bezeichnen würde. Worte, welche die moderne Welt mit einfachen Formeln erklären sollten.
Reaktionär ja, verschroben, missionarisch auch, aber nichts, was sich nicht auch bei konservativen Christen finden ließe. Oder bei einer spätabendlichen Diskussion linker Globalisierungskritiker. Denn dieser Typus begegnete uns auch dort: Männer, die vom Imperialismus der USA sprachen, den Unbill der Globalisierung, der Notwendigkeit eines anderen Wirtschaftssystems. Diese Männer hätten wir vor dieser Begegnung eher bei Attac oder der Linkspartei verortet, sie waren uns auch dort schon begegnet – jedenfalls ihre Pendants.
Wir gingen mit vielen Fragen nach Hause. Und Wolf Schmidt – damals noch Reporter der taz - mit einer Geschichte über einen gebürtigen Berliner, der zum Islam konvertiert war. Redakteur für Innere Sicherheit bei der taz zu sein, heißt mit der Lücke zu leben. Drei große Gebiete verlangen vor vielen kleineren Aufmerksamkeit – Extremismus, Terrorismus und Datenschutz. Es ist ein Job, in dem einem ständig etwas entgehen muss, das Verpassen ist der Normalzustand. Damit kann man verrückt werden.
Oder sich auf eines dieser Felder konzentrieren. Wolf Schmidt hat genau das getan und sich mit dem beschäftigt, was hierzulande meist unter dem Label islamistischer Terrorismus firmiert. Mehr noch. In vielen Texten für die taz hat er versucht und es oft genug auch geschafft, hinter das Bild zu blicken, was Sicherheitsbehörden und auch die islamistischen Terror-Fans von sich selbst zu erzeugen suchen. Dabei ist er nicht nur wie andere darauf gestoßen, dass es inzwischen in Deutschland aufgewachsene junge Menschen gibt, die sich für den Kampf gegen „den Westen“ mobilisieren lassen.
Sondern auch darauf, dass es um den Gedanken des „Heiligen Krieges“ einer imaginierten islamischen Gemeinschaft gegen ihre Feinde eine Jugendkultur gibt. Mit Liedern, Webseiten, Popstars. Er hat versucht zu ergründen, was die Faszination dieser Jugendkultur ausmacht, zumindest einen Zipfel dieses Phänomens zu erhaschen, zu verstehen. Dabei kommt ihm und auch den Lesern zu Gute, dass ihn das Beschreiben und Ergründen mehr interessiert als das Meinen.
Wolf Schmidt versucht Antworten zu geben auf die Fragen, die sich nicht nur wir beide nach dem Moscheebesuch damals stellten. Und deshalb wird das Buch aus meiner Sicht spannend. Aber ich glaube, nicht nur aus meiner. Ich freue mich darauf.
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Leserkommentare
13.03.2012 18:16 | die1
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