Historische Berlin-Krimis

"Die Hitler-Grüßerei ist Unfug"

Der Autor der Gereon-Rath-Krimis, Volker Kutscher, spricht für seinen Hauptprotagonisten. Der ist seit 1929 ein eigenwilliger Ermittler der Mordkommission.

Autor Volker Kutscher bei einer Lesung. Bild: dpa

taz: Herr Rath, ich habe mal in die Zeitungen geguckt, um zu wissen, was gerade so los ist in Berlin und der Welt. In der „Vossischen“ von Freitag, 25. Mai 33, stand, dass am Hackeschen Markt ein Kokainhändler festgenommen wurde. Er hatte 200 Gramm dabei – die sich als Mottenpulver entpuppten.

Gereon Rath: Ja, das mit dem Kokain ist eine schlimme Sache, diese Droge breitet sich in der Stadt immer mehr aus …

Herr Rath, Sie können offen reden, wir werden das Interview erst posthum veröffentlichen.

Ja, wenn das so ist, dann kann ich es ja erzählen. Wie soll ich sagen: Man kommt ja rum in der Stadt, da kommt man natürlich auch mit Kokain in Berührung. Und ich muss gestehen, ich habe es auch schon mal probiert. Ist ein angenehmes Gefühl. Ich weiß, es ist Teufelszeug, und ich als Polizist sollte alles tun, um die weitere Verbreitung zu stoppen …

Aber?

Ach, wissen Sie … ich bin auch nur ein Mensch.

Die Romanfigur: Der 35-Jährige wurde am 5. März 1899 in Köln geboren. 1929 zog er nach Berlin, wo er zunächst für die Sittenpolizei arbeitete. Dann wechselte er zur Mordkommission, für die er seither in der zu Ende gehenden Weimarer Republik ermittelt. Seit im Januar 1933 die Nationalsozialisten ans Ruder kamen, hat sich sein Arbeitsumfeld radikal gewandelt. Auch aus seinem Privatleben gibts Neues: Gerade hat Rath seine Kollegin Charlotte Ritter geheiratet.

Mehr Informationen:

www.gereonrath.de

In einer anderen Meldung aus derselben Zeitung heißt es: In Karlsruhe wurde ein Bankangestellter wegen groben Unfugs verurteilt, weil er sich beim Singen des Horst-Wessel-Liedes geweigert hat, den Arm zum Hitler-Gruß zu heben.

Ich hoffe, Sie stehen nicht mit der Staatspolizei in Kontakt.

Nein!

Der Autor: Der 51-jährige Kölner war Journalist und Autor von Eifelkrimis, bevor er mit der Gereon-Rath-Reihe Erfolg hatte. Für seine Krimis recherchiert er akribisch in Büchern, Filmen und Zeitungen wie der Vossischen Zeitung aus jenen Jahren.

Die Bücher: Die Gereon-Rath-Reihe gehört zweifelsohne zu den derzeit besten deutschen Krimis. Sie ist auf acht bis neun Bände angelegt. Die Romane schildern sehr anschaulich das Leben im Berlin dieser Zeit. Gerade ist der fünfte Band, "Märzgefallene", erschienen. Er spielt im Frühjahr 1933 in den ersten Monaten nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Kutscher plant mindestens noch drei weitere Bände. Der achte soll sich mit den Olympischen Spielen 1936 befassen.

Das Filmprojekt: Der erste Band der Reihe, "Der nasse Fisch", wird im kommenden Jahr von Tom Tykwer verfilmt. Der Regisseur will daraus eine Fernsehserie machen, die mit amerikanischen Vorbildern wie "Mad Men" oder "Breaking Bad" mithalten kann. Sie soll 2016 zunächst beim Pay-TV-Sender Sky zu sehen sein, später auch in der koproduzierenden ARD.

Und sind keiner von diesen gleichgeschalteten Schreiberlingen. Also, wenn ich offen reden darf: Ich halte diese ganze Hitler-Grüßerei für totalen Unfug. Das breitet sich immer mehr aus in unserer Behörde. Es gibt zwar keine entsprechende Dienstvorschrift, aber immer mehr Vorgesetzte sind Nazis …

zum Beispiel der neue Polizeipräsident!

Genau. Eine richtige Unsitte ist es, wenn die SA durch die Stadt zieht, harmlose Passanten mit dem Hitler-Gruß provoziert und gewalttätig wird, wenn dieser nicht erwidert wird.

Sie selbst wurden nach dem Reichstagsbrand von der Mordkommission zur politischen Polizei abkommandiert, zur Kommunistenhatz.

Kommunistenhatz ist ja wohl das falsche Wort. Ich habe Kommunisten vernommen, die verdächtigt wurden, den Reichstag angesteckt zu haben. Keine Arbeit, die ich gemocht habe, aber Dienst ist Dienst. Die politische Polizei, das ist Gesinnungsschnüffelei, das mag ich nicht. Aber natürlich gibt es Dienstverpflichtungen, denen auch ich mich nicht widersetzen kann.

Solche Zeitungen musste Gereon Rath lesen. Bild: ap

Wenn ich Sie richtig verstehe, wollen Sie sich aus allem Politischen so weit wie möglich raushalten.

Meine Arbeit ist es, Verbrechen zu bekämpfen und aufzuklären. Das hat mit Politik nichts zu tun.

Sie selbst nutzen die Politik, wenn es Ihnen in den Kram passt. So konnten Sie Ihren alten Fall wieder aufnehmen und zurück zur Mordkommission, als Sie dem Polizeipräsidenten klarmachen konnten, dass der Hauptverdächtige in diesem Fall ein Jude ist.

Aber das hab ich dem Polizeipräsidenten doch nicht auf die Nase gebunden! Aber als sich herausstellte, dass hinter einer Mordserie ein jüdischer Hauptmann steckt, hat dies das Interesse des Polizeipräsidenten befeuert.

Was Ihnen nicht ungelegen kam? Sie haben das nicht unter der Decke gehalten, dass der Verdächtigte Jude ist.

Nein, man muss die Dinge ja auch beim Namen nennen.

Kommen wir zu Ihrer Geschichte: Sie sind 1929 von Köln nach Berlin gegangen, warum?

Ich habe neue Herausforderungen gesucht. In keiner anderen Stadt ist die Mordinspektion so gut organisiert, sie arbeitet nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Sie kooperieren zum Beispiel mit der Gerichtsmedizin in der Charité.

Wir haben in Berlin die weltbesten Mediziner.

Hatten!

Nun ja, Doktor Schwartz ist vor Kurzem leider ausgeschieden …

ausgeschieden worden! Weil er Jude ist!

Unter uns, Sie veröffentlichen das hier ja erst nach meinem Tod: Dieser antisemitische Unfug, den die neue Regierung da betreibt, wem ist damit gedient? Einen so fähigen Mann aus dem Amt zu ekeln, das ist doch ein Unding. Ich hoffe, dass Reichspräsident Hindenburg nicht mehr allzu lange wartet und diesen Herrn Hitler in die Wüste schickt.

Glauben Sie tatsächlich, dass der braune Spuk in wenigen Wochen vorbei sein wird?

Hindenburg muss doch merken, dass das so nicht weitergehen kann. Wenn Herr Hitler es nicht schafft, seine SA-Horden unter Kontrolle zu bringen, dann seh ich keine Zukunft für diese Regierung.

Es gibt Leute, die halten Sie deshalb für etwas naiv. Selbst Ihre Freundin …

… meine Frau!

Entschuldigung, Sie haben ja gerade geheiratet. Jedenfalls steht Ihre Ehefrau den Nationalsozialisten wesentlich skeptischer gegenüber. Sie hat jetzt sogar den Polizeidienst verlassen, weil sie mit der neuen politischen Ausrichtung nicht mehr klarkam.

Ja, aber sie will immer noch arbeiten, auch nach der Hochzeit, was ich nicht so ganz verstehe.

Muss Ihrer Meinung nach auch in einer modernen Großstadt wie Berlin der Mann der Herr im Haus sein?

Wieso muss? Der Mann ist der Herr im Haus! Gleichwohl sollte man seiner Frau auch etwas Freiraum lassen. Charly ist eine besondere Frau. Ich schätze ihre Eigenständigkeit und ihren starken Willen. Aber ein wenig mehr Unterordnung würde ich mir ab und zu schon wünschen.

Sie haben ja gute Kontakte, zum Beispiel zu Konrad Adenauer. Der hat Ihnen kurz vor seiner Absetzung als Kölner Oberbürgermeister erzählt, er sei der Meinung, dass die Einführung des Frauenwahlrechts der Anfang vom Untergang der Demokratie gewesen sei, weil die Frauen alle diesen Herrn Hitler wählen würden.

Ja, das ist doch so! Schauen Sie sich die Begeisterung der Frauen doch an. Also meine Frau ja zum Glück nicht. Aber Herr Adenauer ist jemand, der sich politisch sehr gut auskennt, und wenn der das sagt, dann muss da schon was dran sein.

Kurz vor Ihrer Eheschließung haben Sie noch mal ordentlich über die Stränge geschlagen – ohne Ihre Frau. Am Rosenmontag, ausgerechnet als in Berlin der Reichstag brannte, waren Sie beim Karneval in Ihrer Heimatstadt Köln. Warum denn bloß?

Mit Karneval – in Köln sagen wir Fastelovend – bin ich aufgewachsen, das ist eins der wenigen Dinge, die mir in Berlin tatsächlich fehlen. Hier werden irgendwelche Kostümfaschingsbälle gefeiert. Das hat mit Fastelovend nichts zu tun. Meine Frau konnte leider nicht mit nach Köln reisen, aber von Karneval hält sie eh nicht so viel.

Ist es schwierig, den Berlinern den Karneval nahezubringen?

In Berlin wird man niemals Karneval feiern. Auch der Tag, an dem man in Berlin ein Glas Kölsch trinken kann, wird wohl nie kommen.

Wenn Ihr Jugendfreund Paul aus Köln zu Besuch kommt, wo führen Sie den dann hin?

Ich liebe mein Charlottenburg. Wir wohnen ja in der Carmerstraße, nicht weit vom Kurfürstendamm. Ich bin gern in der Kakadu-Bar, da läuft gute Musik.

Was hören Sie für Musik?

Amerikanische natürlich. Im Kakadu stehen auch Neger auf der Bühne, die das richtig im Blut haben. Mit der deutschen Umtata-Musik kann ich nichts anfangen. Und das Schöne am Kurfürstendamm ist, da laufen Ihnen nicht so viele Nazis über den Weg wie in den deutschtümelnden Lokalen mit den rot-weiß karierten Tischdecken.

Passen Jazz und Swing noch in die heutige Zeit?

Warum denn nicht? Die neue Regierung kann doch nicht den Swing verbieten, das wäre ja lächerlich. Gut, es gibt ein paar Lokale, die sind geschlossen worden, Transvestitenschuppen und so. Aber meine Art von Nachtleben kann ich weiter genießen. Berlin ist eine weltoffene Großstadt, und das wird auch immer so bleiben.

Sie haben in Berlin anfangs bei der Sitte gearbeitet. Haben Sie aus der Zeit noch Tipps für Menschen, die mal was ganz Besonderes erleben wollen?

Ich weiß nicht, was Sie heute Abend vorhaben, aber es gibt in Berlin immer noch illegale Nachtlokale …

Scheinbar gute Tradition …

… deren Bühnenprogramm gegen einige Gesetze verstößt.

Stört Sie das oder reizt Sie das eher?

Der Polizei sind fast alle illegalen Lokale bekannt, aber die bleiben unbehelligt, solange sie nicht gegen den Paragrafen 175 verstoßen. Vielleicht weil einige der hohen Herren die Schuppen auch mal frequentieren.

Und Sie?

Ich bin verheiratet!

Letztes Jahr hatten Sie einen Fall, der begann mit einem Mord im Haus Vaterland, ein riesiger Unterhaltungsschuppen am Potsdamer Platz. Geht man da als Berliner noch hin?

Nein, nur Touristen. Dabei ist es toll gemacht, architektonisch beeindruckend, die schiere Größe allein, das riesige Treppenhaus. In einigen Lokalen dort spielen sie auch ganz annehmbaren Jazz, aber meine Güte, das ist doch nicht zu vergleichen mit den Nachtclubs am Ku’damm. Wenn Sie Berlin wirklich als Weltstadt erleben wollen, müssen Sie rund um die Gedächtniskirche gucken.

Wenn heute jemand nach Berlin kommt, in welchen Stadtteil müsste er ziehen? Nach Moabit zum Beispiel, da wohnte Ihre Frau?

Meine Frau hängt an Moabit, weil sie ihre Ecke kennt. Sie ist halt ein Berliner Mädchen, ich bin ein Zugereister aus Köln. Anfangs hatte ich ein möbliertes Zimmer in der Nürnberger Straße, da hab ich die Gegend rund um die Gedächtniskirche schätzen gelernt. Aber ich habe auch ein paar Jahre in Kreuzberg gelebt, das ist eine ganz andere Gegend …

Hätten Sie sich auch vorstellen können, in den östlichen Innenstadtbezirken zu leben? Prenzlauer Berg oder Friedrichshain?

Ach, diese Arbeiterviertel ... ich bin kein Arbeiter. Diese Mietskasernen überall. Da ist auch zu viel Kriminalität. Und Kommunisten, die mucken zwar nicht mehr so auf wie früher, aber unter uns gesagt, ich würde mich so weit im Osten nicht sicher fühlen.

Nicht mal als Polizist?

Gerade nicht als Polizist! Die Roten haben uns doch immer schon wie Freiwild behandelt. Ich fühle mich im Westen viel, viel wohler, das ist mehr meine Welt.

Eine noble Gegend. Kann man sich das als Kommissar leisten?

Es ist nicht ganz billig, aber meine Familie ist nicht unvermögend.

Oder helfen Ihnen da Ihre guten Kontakte zur Unterwelt, die man Ihnen nachsagt?

Zu solchen Gerüchten möchte ich nichts sagen. Ich bin vermögend, ich muss nicht allein von meinem Gehalt leben, das wirklich lächerlich ist. Es ist eine Schande, mit welchem Hungerlohn der preußische Staat seine Beamten abspeist.

Sie sollen sich ganz gut auskennen mit den Ringvereinen – Verbrecherorganisationen, die weite Teile des Berliner Geschäftslebens kontrollieren.

Die Vereine sorgen dafür, dass ehemalige Strafgefangene wieder zurück in die Gesellschaft finden. Das können Sie in deren Satzung nachlesen.

Aber Herr Rath, Sie sind Kriminalbeamter, Sie wissen doch, dass es da um ganz andere Dinge geht!

Gut, daraus haben sich in Berlin bestimmte Dinge entwickelt, die ich nicht gutheißen kann. Aber die meisten Ringvereine sind in den letzten Monaten zerschlagen worden. Dass dieser Sumpf trockengelegt werden konnte, das hat die neue Gesetzeslage möglich gemacht. Sie werden sich erinnern, nach dem Reichstagsbrand sind die Polizeibefugnisse erweitert worden.

Begrüßen Sie das?

Natürlich!

Was sind die grundlegenden Maßstäbe für Ihre Polizeiarbeit?

Ich bin Polizist geworden, weil ich es nicht dulden kann, dass jemand mit Mord und Totschlag durchkommt.

Sie gelten als Querkopf, der gern auch mal fünfe gerade sein lässt bei den Ermittlungsmethoden!

Das behaupten die Kollegen! Ich sage mal, jeder Beamte hat seine eigene Handschrift. Es muss ja nicht jeder wissen, wie man an bestimmte Informationen gekommen ist. Und wissen Sie, die Verbrecher, die nehmen ja nun auch keine Rücksicht auf die Gesetze.

In Ihrem letzten aufzuklärenden Fall ging es unter anderem um einen Weltkriegsveteranen, der seine Erinnerungen als Heldenepos aufgeschrieben hat und dann als Fortsetzungsroman in einer Tageszeitung veröffentlichte. Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, mal Ihre eigenen Fälle als Roman aufzuschreiben?

So wie der Kollege Roeder das gemacht hat, mein Vorgänger, dieser eitle Fatzke? Das interessiert doch keinen Menschen. Und die wirklich interessanten Dinge aus meinem Berufsalltag kann ich ohnehin niemandem erzählen, leider nicht einmal Ihnen. Außerdem: Kriminalromane, Sie kennen doch diese Hefte, Tom Shark und wie sie alle heißen mögen … Lieber Herr Asmuth, drehen wir den Spieß doch einfach um. Mal ehrlich: Würden Sie denn gern selbst zum Gegenstand eines solchen Schundromans werden?

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„Richtig schön multikulti“ – Erkundungen im Kiez rund um den taz Neubau:

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