Zeitschrift "Neon" als Generationsstifterin

Wir warten gerne

"Neon" ist das unbestrittene Leitmedium der Generation Umhängetasche. Sie guckt lieber in das Magazin als dem Ernst des Lebens endlich ins Auge.

"Neon"-Leser: mit der Umhängetasche auf dem Bahnhof namens Leben Bild: dpa

Eine Zeitschrift hat dann Erfolg, wenn sie ihre Leser dort abholt, wo sie gerade herumstehen. Im Falle von Neon handelt es sich um "junge" Menschen die noch nicht so recht wissen, wo sie eigentlich hinwollen. Sie stehen mit ihren Umhängetaschen auf dem Bahnhof namens Leben und schauen unter ihren recht groß geratenen Sonnenbrillen auf die (digitale) Anzeigentafel: Karriere? Kinder? Oder doch erst mal erwachsen werden? Oder alle drei Dinge gleichzeitig - aber wie soll das gehen? Klar, auf dem Bahnhof verkehren noch immer Züge, aber er sieht schon lange nicht mehr so aus wie die etwas gammeligen, aber gemütlichen Bahnhöfe der behüteten, endgültigen Nachkriegs-Kindheit. Hier wird nicht mehr geraucht, sondern Latte to go getrunken. Modern ist er, aus Glas und Stahl, und bietet viel Transparenz und noch mehr Shoppingmöglichkeiten. Doch alles ist so verdammt teuer hier, auch die Tickets.

Die 360°-Tasche aus recycelten Segeln: für outdoorverliebte Mentalskandinavier, die ihre Tasche über Fern- und Weiteweh hinwegtröstet

Die Bree-Ledertasche: für alle, die Volvo fahren und Lehrer werden wollen. Hier finden alle Klassenarbeiten Platz. Und die Thermoskanne.

Die Freitag-Tasche aus recycelter Lkw-Plane: für den Möchtegern-Großstadthipster, der zeigen will, dass seine Projekte was abwerfen.

Die Crumpler-Tasche: für Messies, die ihren ganzen Hausstand mit sich rumschleppen.

Neon, das im Verlag Gruner & Jahr monatlich in einer Auflage von mittlerweile mehr als 200.000 Exemplaren erscheint - Tendenz steigend -, ist auch ansonsten ein erstaunliches Phänomen. Neon wird in München gemacht von Vertretern einer Generation, deren geistiges und ästhetisches Zentrum eher in Berlin liegt, denn nur in der Hauptstadt kann man es sich leisten, dem Ernst des Lebens mit seinen hohen Lebenshaltungskosten nicht ernsthaft ins Auge blicken zu müssen und stattdessen noch mit 34 noch immer "was mit Medien und Kunst" zu machen.

Neon, im Jahr 2003 auferstanden aus den Ruinen der Medienkrise und den Trümmern des SZ-Jugendmagazins Jetzt, wird jedoch in der ganzen Republik gelesen, denn auch in Wiesbaden oder Hannover gibt es genügend Vertreter der Neon-Zielgruppe, junge Menschen zwischen zwanzig und dreißig, die übers Ziel hinaus geschossen sind: Sie sind nämlich längst älter als dreißig, versuchen aber noch immer, eine feste Anstellung in einer Agentur zu bekommen, oder haben es gerade so mit Ach und Krach geschafft - und lesen noch immer Neon. Eigentlich, laut dem mittlerweile abgeschafften Neon-Slogan, hätten sie längst erwachsen werden müssen. Sie müssten Eltern heute lesen oder ein NZZ-Abo haben.

Stattdessen blättern sie Monat für Monat in Neon - Zielgruppenzugehörigkeit als Schicksal. Viele der Artikel in Neon sind im "Wir"-Modus gehalten - und fangen doch häufig mit "Ich" an. Denn es ist schwer, ein generationelles "Wir"-Gefühl zu etablieren in einer Generations-Kohorte, die schon immer dazu tendierte, sehr bei sich selbst zu sein. Sie hat es so gelernt. So wie sie als Kinder des 20. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Jugend und der Jugendbewegungen, gelernt haben, dass Erwachsenwerden etwas prinzipiell Schlechtes ist: Erwachsene haben keine Ideale, sondern Reihenhäuser.

Also bleibt man lieber im Zustand der Langzeitadoleszenz hängen, was natürlicherweise nicht ganz ohne Redundanzen durchzuhalten ist - frei nach Heiner Müller: Gesucht wird das Neue in der Wiederkehr des ewig Gleichen, Neon müht sich in dieser Frage wacker und handwerklich sehr professionell. Neon trifft den Hammer mit regelmäßiger Präzision auf den wollbemützten, Pony-verhangenen Kopf.

So auch im Wonnemonat Mai. Der Titel: "Kennst Du zu viele Leute? Netzwerke zu knüpfen wird immer wichtiger - wer nicht aufpasst, verliert dabei echte Freunde". Wohl wahr in der Lebenswirklichkeit von Menschen, die mit dem Kontakt- und Info-Inferno Internet groß geworden sind und damit (mittlerweile wieder, Gott 2.0 sei Dank!) ihre Brötchen verdienen: Kennste wen, biste wer! Denn an die wenigen Jobs kommt meist nur heran, wer über gute Beziehungen verfügt - und wer diesbezüglich keinen Nutzwert aufweist, muss sich auf den nie enden wollenden Bottle-Partys und Lounge-Rumhängereien Gleichaltriger nicht wundern, wenn niemand mit ihm spricht. Oder darüber, wie schnell man nach dem Bekenntnis "Ich hab da ein Projekt am Start, aber mir fehlen noch zwei Scheine für die Anmeldung zur Abschlussprüfung" stehengelassen wird.

Schnelle Wege zum Geld werden aufgezeigt: die Schatzsuche in der Rubrik "Wie macht man eigentlich …" - für manche Neon-Leser der immer wieder erhellenden und zugleich symptomatischen Rubrik "Unnützes Wissen" die letzte Hoffnung. Die so gut ausgebildete, mit so vielen Informationszugängen ausgestattete Nachkriegsgeneration hat womöglich tatsächlich in großen Teilen auf dem Schirm, dass "die spätere britische Premierministerin Margaret Thatcher an der Entwicklung des Softeises beteiligt war", hat aber nicht so richtig erfasst, dass "Thatcherism" nicht süß-cremig schmeckt und mittlerweile - mitunter bitter - auch in ihrem Alltag angekommen ist. Dabei steht auch derlei in Neon, im Politik- und Gesellschaftsteil: "Die deutsche Mittelschicht schrumpft", "die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander", und nein, für das jahrelange "Gürtel enger schnallen gibt es keine Gegenleistung", jedenfalls nicht freiwillig. Und jetzt?

Da fühlt sich so mancher ähnlich wie in der Reportage "Mein Guantánamo. Vor sechs Jahren verschleppt, noch immer nicht zu Hause. Fünf Männer erzählen". Sie handelt von einer Gruppe von Uiguren, die, nachdem sie von Pakistanis verkauft wurden, in Afghanistan in die Hände der CIA fielen und ohne Angabe näherer Gründe nach Guantánamo verschleppt wurden. "Niemandsmenschen", die sich völlig ohnmächtig plötzlich in Absurdistan wiederfanden. Das Leben kann schon ein ziemlich krasser Film sein - so nähert sich die Generation Umhängetasche dem Leben und hat es daher so schwer, die Regie zu übernehmen. Sie nimmt das Leben nicht ernst, sondern setzt es stets in Anführungsstriche. Man lebt im Dauerprovisorium und liest -bis es endlich losgeht - Neon.

Dabei wird die Luft immer dünner. Demnächst soll nun sogar noch das Trinken in der Öffentlichkeit verboten werden - Neon wehrt sich, und zwar mit einer Entschiedenheit, die dieses eine Mal zumindest kein "Ja, aber" zulässt. "Recht auf Rausch!" Kein Becks mehr in der U-Bahn trinken und stattdessen mit der PartnerIn eine gemeinsame Existenz aufbauen? "Zusammenziehen? Nein danke! Warum eine gemeinsame Wohnung oft das Ende der Liebe ist". Und dann erst die ganzen Hochzeiten im Freundeskreis mit ihrem terroristischen "Erwachsenenquatsch" von Brautstrauß-Weitwurf bis zum Scharade-Spiel. Neon bittet in einem offenen Brief um Gnade.

Doch es scheint keine zu geben, denn das Altern naht unerbittlich: "Schmerzstillstand. Mediziner warnen, dass eine unergonomische Arbeitsweise nicht nur Rückenschmerzen verursacht, sondern auch die Leistung um bis zu vierzig Prozent reduziert". Rückenschmerzen! Wenn das mal nicht an den bis oben vollgestopften Umhängetaschen liegt, die von Neon-Lesern ununterbrochen durch Metropolen und Kleinstädte in Deutschland, Europa und der Welt geschleppt werden.

Wie wird das mal werden, wenn das 40-jährige Jubiläum der Generation Umhängetasche ansteht, und welches Datum nimmt man? Das Datum des Mauerfalls? Und wird es dann große Debatten-Beiträge in der Zeit zur endgültigen Klärung der Frage "Geha oder Pelikan" geben? Und ein Neon-Sonderheft, in dem "wir" uns alle gegenseitig bauchpinseln oder miteinander abrechnen? In welcher Frage eigentlich? Doch bis dahin werden "wir" bestimmt eine Antwort auf die entscheidende Frage gefunden haben: Was war unser Beitrag? Wer war froh, dass es uns gab?

Wie man hört, ist diesbezüglich Erlösung in Sicht, denn Neon soll es demnächst auch in einer neuen Variante für junge Eltern geben. taz-Kollege David Denk hatte auch schon die einzig richtig Idee, wie dieses Magazin heißen müsste: Neonie. Und bis all die Zwerge, die gerade in die Welt geschossen werden, selbst mal groß genug für ein Neon-Abo geworden sind, werden ihre Eltern vielleicht doch endlich erwachsen geworden sein. Schon damit ihre Kinder eine Chance haben, selbst jugendlich sein zu dürfen, anstatt genau so auszusehen und die gleiche Musik zu hören wie ihre Alten.

Taz-Redakteur Martin Reichert erklärt in seinem Buch "Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche", wie das funktioniert mit dem Erwachsen werden. Es erscheint im Juni im Fischer-Taschenbuchverlag und kostet 8.95 Euro

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