Anetta Kahane über Schuld und Sühne

„Holm ist da sehr ideologisch“

Anetta Kahane war in der DDR selbst IM. Heute ist sie Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung. Mit der taz spricht sie über Stasi, Kapitalismus und Andrej Holm.

Anetta Kahane hat ihr Kinn auf ihre verschränkten Hände gestützt und guckt nachdenklich

Ewige Dialektik: Anetta Kahane kann beide Seiten verstehen, Andrej Holm und seine Kritiker Foto: imago/teutopress

taz.am wochenende: Frau Kahane, die Geschichte um den Wissenschaftler Andrej Holm gleicht in manchen Aspekten Ihrer eigenen. Er wurde als Staatssekretär in Berlin entlassen, weil er bezüglich seiner Stasi-Vergangenheit gelogen hatte. Hätte es ihm geholfen, wenn er von Anfang an ehrlicher gewesen wäre?

Anetta Kahane: Das sagen sie jetzt zwar alle, aber das glaube ich nicht. An der Uni hätte er nie den Job gekriegt. Dann wäre es auch obsolet gewesen, darüber nachzudenken, ob er Staatssekretär wird. Da gibt es gar keinen Zwischenton. Ich weiß nicht, ob er mit seinem persönlichen Verhalten da etwas hätte dran ändern können.

Wofür würden Sie denn plädieren? Dass man genau hinschaut: Was hat er getan, was nicht? Hat er Leute geschädigt oder nicht?

Genau. Im Fall Holm kann ich mir nicht vorstellen, dass er wirklich etwas getan hat. Er war damals 17 Jahre alt, ist noch in die Schule gegangen oder war in der Ausbildung.

Na ja, er hat Berichte gelesen, die aus dem Observieren von Verdächtigen hervorgingen.

Er war bei einem Geheimdienst.

Foto: imago/ecomedia/ robert fishman

Anetta Kahane, geb. 1954 in Ostberlin, ist Journalistin und Menschenrechtsaktivistin. In der DDR war sie als IM tätig. Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, deren Gründerin sie zugleich ist.

Anders als Sie hat er Geld bekommen, also materielle Vorteile gezogen aus seiner Stasi-Tätigkeit. 675 DDR-Mark war damals nicht schlecht, oder?

Ein gutes Stipendium. Ich habe insgesamt 200 Ostmark bekommen – für acht Jahre.

Hätte er den normalen Grundwehrdienst gemacht, hätte er nur ein Drittel davon bekommen.

Richtig. Er war loyal zur DDR in einer Zeit, in der das ein wenig unverständlich ist. Andererseits: Holms Vater machte bei der Stasi Karriere. Solange Andrej Holm nicht Leute ausspioniert hat, liegt das in der Logik dieser DDR-Familien und dieser Zeit. Aber alles, was ich sage zu dem Thema, wird immer als Verteidigung gewertet, weil ich selber so eine Biografie habe. Was ich nur über mich selbst sagen kann: Ich bin 1982 aus meiner Stasi-Tätigkeit ausgestiegen – und das hatte erhebliche Folgen. Das bedeutet: Ich kenne die DDR von beiden Seiten: in der Rolle der Gegnerschaft und der symbiotischen Nähe. Für beides habe ich Verständnis.

„Entweder legt man sich mit der Stasi ins Bett oder nicht“

Führt das nicht zu der Argumentation: Ja, man darf lügen, weil die Verhältnisse halt so sind?

Ich sage nicht, dass man lügen darf. Ich habe über die konkrete Situation von Andrej Holm gesprochen. Selbstverständlich ist das was anderes bei Leuten, die über Jahre Leute an die Stasi verraten haben und dann Abgeordnete erst der PDS und dann der Linkspartei wurden. Wenn die sagen, sie waren da nicht dabei, ist das schon ziemlich unerträglich. Das sind Leute, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit schuldig gemacht haben. Sie haben in einem Großteil ihrer Biografie ihre Ideologie ungebrochen weiterverfolgt. Allerdings sehe ich auch bei Holm eine gewisse Kontinuität in seinen ideologischen Elementen.

Sie meinen in der Gentrifizierungsdebatte?

Ja, genau. Gentrifizierung werte ich nicht so, wie er das tut. Wenn ich sehe, in welchem Zustand die Bauten im Osten nach der Wende waren! Ich finde, der Begriff Gentrifizierung wird als eine ideologische Kampfmaschine benutzt. Holm ist da sehr ideologisch.

Ist diese Kontinuität, die Sie bei Holm sehen, das Antikapitalistische?

Das ist die andere Seite der Medaille: Gerade die Leute, die besonders loyal zur DDR standen, finden häufig, dass sie gar nicht genug Rechte in der Bundesrepublik haben können und noch mehr haben müssten. Diese ganze antiimperialistische Szene finde ich abstoßend. Da sind zum Teil auch Hardcore-Antisemiten dabei.

Er ist links, deutsch, ein Antifa – und zieht in den Krieg nach Syrien. Er hört die Raketen, schießt, will nicht nach Hause. Das Protokoll eines Kämpfers lesen Sie in der taz.am wochenende vom 1./2. April. Außerdem: Vor der Wahl in Frankreich wirkt Emmanuel Macron wie die letzte Hoffnung Europas. Wie links ist er? Und: Mathilde Franziska Anneke und Karl Marx kannten sich. Sie hat so radikal gedacht, geschrieben und gehandelt wie er. Warum erinnert sich niemand an sie? Am Kiosk, eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo.

Junge Leute in der DDR, die aus einer Familie kamen, deren Eltern oder Großeltern tatsächlich gegen die Faschisten gekämpft haben, hatten manchmal romantische Vorstellungen: So will ich das auch machen – konnte das dazu führen, dass man zur Stasi ging, die angab, auch gegen den Faschismus zu kämpfen?

Bei Holm weiß ich das nicht. Aber in meiner Familie und der meiner Freunde war es so, dass die Eltern nicht nur gegen die Nazis gekämpft haben. Wir waren auch Juden. Da hing noch ein ganz anderes Trauma dran. Denn das bedeutete, dass unsere Eltern, aber auch wir Kinder uns in der DDR fremd gefühlt haben. Wir wussten ja nie, ob der oder die früher Nazi war. Manche von uns haben dann gesagt: Dann will ich mich mit dem guten Teil der DDR verbinden, mit dem antifaschistischen Kampf und den Menschen helfen, gute Humanisten oder Sozialisten zu werden.

Eine ziemlich illusionäre Vorstellung, oder?

Das ist mir sehr schnell aufgegangen.

Na ja, schnell? Sie waren immerhin acht Jahre IM.

Aber ich bin immer mit einer Ambivalenz tätig gewesen. Sonst hätte ich das viel effektiver gemacht. Ich war ja keine sehr erfolgreiche Spionin. Endgültig habe ich das Ganze beendet in dem Augenblick, als mein Motiv wegbrach. Ich kann ein Land unterstützen, was tatsächlich gegen Antisemitismus, Rassismus und gegen dieses ganze faschistische Zeug antritt, wie es meine Eltern sagen: „Ihr habt es doch gut. Wir waren im Kampf, wir waren im Lager.“ Das war eine starke emotionale Erpressung, aber damit musste ich umgehen – und das war in vielen Familien so. Doch dann stellt sich heraus, dass es in der DDR überhaupt keine Chance gibt, sowohl Antisemitismus wie Neonazis als auch Rassismus zu bekämpfen, weil der Staat in sich autoritär ist. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein autoritärer Staat so etwas nie überwinden kann.

Wie genau sind Ihre Erinnerungen an Ihre Stasi-Tätigkeit? Holm machte ja für sich Erinnerungslücken geltend. Ist das plausibel?

Das ist plausibel. Das ging mir auch so. Wissen Sie, woran ich mich nicht erinnern konnte? Dass ich eine handgeschriebene Verpflichtungserklärung unterschrieben habe.

Wie kann das sein?

Nachdem ich meine Akte gesehen hatte, fiel mir ein, dass ich mal mit meinem Führungsoffizier im Auto saß und der mir diktiert hat: „Schreiben Sie doch mal Folgendes auf …“ Und dann hat der mir das diktiert. Das war kein historischer Augenblick.

Aber das war doch ein zentraler Moment. Auch als junger Mensch ist einem doch da bewusst, dass etwas Entscheidendes passiert. Das ist ja wie ein Testament oder ein Rücktrittserklärung, die man handschriftlich verfasst.

Das ist ein Irrtum. Das Einverständnis, bei der Stasi mitzumachen, war die bedeutende Handlung. Die Verpflichtungserklärung war nur ein formaler Vollzug, nicht mehr. Entweder legt man sich mit der Stasi ins Bett oder nicht. Das war die entscheidende Frage.

Sie haben die Frage für sich beantwortet und sich 1974 dazu entschlossen, sich der Stasi anzuschließen.

Wem gehört die DDR – den Widerstandskämpfern gegen den Faschismus oder den Bürokraten? Das war die Frage, um die es ging. Die Widerstandskämpfer waren hoffnungslos in der Minderheit – und die jüdischen sowieso. Sie hatten nur die Illusion, dass ihnen das Land gehört. Von den Mitschülern in meiner Klasse waren die meisten Väter bei der Wehrmacht. Das war eine ganz andere Narration als in unserer Familie. Die hatten natürlich auch einen ganz anderen Bezug zur DDR. Für die war die DDR die Möglichkeit der Exkulpation, freiwillig oder unfreiwillig: „Wir sind jetzt antifaschistisch – okay, das war’s.“ Aber die Narration blieb: Es waren die Leute, die in die Wohnungen der deportierten Juden hineingingen und sich alles rausgeholt haben! Und dann waren da die Kinder von den wenigen übrig gebliebenen Antifaschisten, die hofften, dass das mit der DDR klappt: „Hoffentlich wird der Staat wirklich antifaschistisch!“ Absurd, wenn ich mir das im Nachhinein anschaue.

Gibt es eigentlich einen richtigen Zeitpunkt, sich zu offenbaren?

Ich bin nicht in der Lage, hier eine Lösung anzubieten. Ich habe darüber Anfang der 1990er Jahre sehr intensiv nachgedacht. Sehr früh bin ich damals in die noch in Gründung befindliche Stasiunterlagenbehörde gegangen und habe gesagt: Da war was, ich habe da irgendwie Akten und möchte die mal sehen. Dann bin ich zu meinen Arbeitgebern und allen Leuten, mit denen ich zu tun hatte, und habe denen gesagt, was war.

Aber öffentlich haben Sie Ihre Stasi-Tätigkeit da noch nicht gemacht.

Ich habe damals mit ein paar Freunden darüber diskutiert, auch Journalisten aus dem Westen. Wir haben die ganze Nacht diskutiert und kamen zu dem Schluss: besser nicht. Es gibt ja bis in die CDU hinein Leute, die meinen: einmal Stasi, immer Stasi. So rigoros sie bei Ex-Stasi-Verpflichteten sind, waren sie bei ihren eigenen Nazi-Eltern nicht. Für sie gilt das Motto: „Was an den Braunen unterlassen wurde, exekutieren wir jetzt an den Roten – sind ja beide genauso schlimm.“ Dieser Mechanismus der Geschichtsrelativierung ist ein Teil dieser verrückten Geschichte Deutschlands.

 

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